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POSEIDON-Logbuch 10. Juni: Passaxe do Poseidón

erstellt von aahke zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Seit dem 2. Juni ist das deutsche Forschungsschiff POSEIDON im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs EUROPROX in spanischen Küstengewässern auf Expedition. Entdeckerfreuden an Bord: Tilo von Dobeneck berichtet, wie das Rätsel des unterbrochenen Schlammgürtels gelüftet wurde.

Poseidon-Logbuch P363/3

Vigo - Vigo



Thilo von DobeneckFahrtleiter und Geophysiker, Tilo von Dobeneck führt mit seinem Team im POSEIDON-Logbuch durch die Tage im letzten Fahrtabschnitt dieser Forschungsreise. Am Zentrum für Marine Umweltwissenschaften MARUM koordiniert er den Forschungsbereich „Sedimentationsprozesse“ und bestimmt an der Universität Bremen die Geschicke in der Abteilung Marine Geophysik.






Autor: Tilo von Dobeneck



10. Juni: Auf Jagd nach der/den Nordwestpassage/n


Tonflockensuppe im Schlammgürtel

Der bereits mehrfach angesprochenen Schlammgürtel, der sich im Tiefenbereich von etwa 80-150 Metern entlang der galizischen Küste erstreckt (siehe unteres Bild), geht von dem bei 41° 50' N mündenden spanisch-portugiesischen Grenzfluss Minho aus. Das im Süßwasser des Flusses enthaltene Tonmineral Illit flockt im salzigen Meerwasser aus, weil die negativen Oberflächenladungen des Tons durch die positiv geladenen Natrium-Ionen des Seewassers verkettet werden. Derselbe Effekt lässt sich übrigens beim Kämmen der Haare beobachten, wenn die elektrisch aufgeladenen Haare auf sich gestellt in alle Richtungen auseinanderstreben, aber am Kunststoffkamm zusammenkleben. Da die Strömung entlang der Küste vorwiegend nordwärts gerichtet ist, schleppt sie diese etwas schwerere "Tonflockensuppe" am Meeresboden als Trübeschicht mit und verfrachtet sie küstenparallel nach Norden. Unterwegs können die Tonpartikel "ausregnen" und mit den bereits abgelagerten Mineralpartikeln verkleben. Dadurch wächst ein Gürtel aus zähem Schlamm. So weit, so gut.

poseidon 10. Juni: Die galizische Küste







Die galizische Küste

Wohin fliesst der Suspensionsstrom?

Das klare Bild wird allerdings etwas trüber, wenn man den Schlammgürtel nach Norden verfolgt: Nach etwa 40 Seemeilen oder 70 Kilometern, gleich hinter der Ría de Arosa, ist der südliche Schlammgürtel unterbrochen. Er taucht erst 10 weitere Seemeilen nördlich nochmals auf, um dann nach weiteren 10 Seemeilen gänzlich zu verschwinden. Das mag triviale Gründe haben wie felsiger und nicht zur Ablagerung geeigneter Untergrund oder Durchmischung des Wassers oder schlicht vollständiges Ausregnen des Tonanteils. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Suspensionsstrom entlang bisher nicht bekannter Kanäle nach Westen abbiegt und sich über die Schelfkante in die Tiefen des Kontinentalhangs hinunterstürzt. Wäre dies der Fall, müssten sich eigentlich Spuren dieses "Seitenausgangs" nachweisen lassen. Genau das wollen wir in den nächsten Tagen suchen und weichen daher von der bisherigen Strategie ab, unsere Shark-Profile immer senkrecht zum Schelf zu legen.


poseidon 10. Juni: Grafik














Wo liegt der "Seitenausgang" des Suspensionsstroms? Die Bathymetrie hilft der POSEIDON-Crew weiter. Auf Basis der Multibeamtechnik wurde eine Karte der Meeresbodentopographie erstellt, auf der eine deutliche Vertiefung zu sehen ist: Die "blaue Einbuchtung" auf der linken Kartenseite ist die Mündung der "Passaxe do Poseidón".

Passaxe do Poseidón

Heute beginnen wir daher ein aus drei Teilstücken von je 20 Seemeilen zusammengesetztes Nord-Süd Profil kurz oberhalb der Schelfkante bei 170 Meter Wassertiefe vor dem berühmten Kap Finisterre (siehe Grafik oben). Dieses Profil müsste die Fluchtwege des tonreichen Sediments schneiden und dabei aufspüren. Und gleich beim ersten Versuch landen wir einen Volltreffer: eine etwa fünf Meter tiefe, senkrecht zum Schelf verlaufende kleine Senke weist an ihrem Nordhang hohe Suszeptibilitäten auf, untypisch für die hier draußen am Schelfrand liegenden Glaukonitsande. Gleichzeitig verringert sich die elektrische Leitfähigkeit, was auf Restbestandteile "süßeren" Flusswassers schließen lässt. Ein nächtliches Backengreiferprofil weist tatsächlich auf eine dünne tonigere Deckschicht hin. Ob diese mineralogisch mit den Tonen des Schlammgürtels übereinstimmt, können allerdings erst spätere Laboranalysen zeigen.

Trotzdem: Entdeckerstolz schwellt die Brust! Wie wollen wir diese Nordwest-Passage taufen? Daniel Rey schlägt POSEIDON-Passage vor. Das klingt auf Galizisch gut ("a passaxe do Poseidón") und alle nehmen den Vorschlag begeistert an. Mal sehen, was daraus wird!


Viele Grüße von Bord,
Tilo von Dobeneck




Weitere Informationen:


Wo ist POSEIDON jetzt?

Zur aktuellen Position des Forschungsschiffes hier.

Mehr über den offiziellen Träger der Fahrt EUROPROX:der European graduate school - proxies in
earth history
unter www.europrox.de.


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