POSEIDON-Logbuch 17.Juni: (Viertel-)Finale
Seit dem 3. Mai ist das deutsche Forschungsschiff POSEIDON im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs EUROPROX in spanischen Gewässern. Nun heißt es "Endspurt" für die Forscher, die als krönenden Abschluß die tiefsten Sedimentkerne nehmen wollen, die mit dem Vibrolot je gezogen wurden.
Poseidon-Logbuch P363/3
Vigo - Vigo
Autor: Tilo von Dobeneck
17. Juni: (Viertel-) Finale
Während sich die deutsche Nationalmannschaft gestern erst ins EM-Viertelfinale gekickt hat, erlebt unsere Forschungsreise auf FS POSEIDON heute schon ihr Finale. Für diesen letzten Arbeitstag haben wir uns zwei wissenschaftliche Höhepunkte aufbewahrt. Ort der Szene: Der breite Schelf direkt vor der Ría de Vigo, sozusagen die Haus- oder Referenzstrecke.
Höhepunkt Nr. 1: Die mit 230 Metern tiefste Kernstation,
die jemals mit unserem Vibrolot-System in Angriff genommen wurde. Um eine
solche Einsatztiefe überhaupt zu erreichen, wurde das daumendicke
200 Meter-Standardkabel, das nach einigen reparaturbedingten Kürzungen nur
noch 170 m misst, durch ein besonders leichtes neuartiges 300 Meter-Kabel ersetzt. Ziel dieser 8000
Euro teuren Investition: Sedimentkerne im Umfeld der Schelfkante zu erhalten.
In dem von starken Randströmungen geprägten Bereich finden sich extrem dichte
und feste Sedimente, die sich schlecht kernen lassen und über die man bisher nur
wenig weiß. Auf einer vorausgehenden Expedition hat das Schwerelot hier dreimal
versagt – kann es das Vibrolot besser?
Rekordtiefe mit dem Vibrolot: 2240 Meter!
20 Meilen
vor der galizischen Küste stoppt POSEIDON bei 42°10' N und 9°20' W jenseits der
Schelfkante auf. Hier ist der obere Hang besonders flach, daher möglicherweise
auch etwas toniger und weicher. Gleich nach dem Frühstück geht das Vibrolot am
Windendraht in die Tiefe. Vier Mann führen von Hand das schwere Stromkabel
hinterher. Als Bodenkontakt erreicht ist, schaltet Till Hanebuth (Foto rechts) den Rüttler
an. Die Stromanzeiger auf dem Schaltschrank schnellen nach oben – der Vibromotor
hat hart zu arbeiten. Nach zwei Minuten ist dessen Belastungsgrenze erreicht
und das Lot wird gehievt. Hendrik Lantzsch, Arne Schwab, Daniel Rey und Alba
Andrade legen sich beim Einholen des Stromkabels mächtig ins Zeug; sie erinnern
entfernt an die muskelbepackten Kolossalstatue von Netze bergenden Fischern auf
Vigo's Prachtstrasse Gran Via. Doch als das Lot an Bord ist, fehlt der Kernfänger
und das Innere des Kernrohrs ist leer. Till Hanebuth wagt einen zweiten
Versuch. Wieder dröhnt die Winde, wieder schuftet und schnauft die Kabelcrew.
Als das Vibrolot nach weiteren zwanzig Minuten an Bord kommt, ist zwar der Kernfänger
noch am Platz, aber ins Rohr sind nicht viel mehr als 10 cm Sediment
eingedrungen. Ein graues, mergelartiges Sediment blickt uns an, vermutlich aus ebenso
grauer geologischer Vorzeit. Denn rezent ist dieses verfestigte Material wohl
nicht. Und beproben ließe es sich wohl nur mit der Rotary-Technik der Bremer
MeBo Bohrplattform - doch die ist für POSEIDON eine Größenklasse zu schwer.
POSEIDON und die starken Männer: Kabelcrew Angel Mela, Hendrik Müller und Arne Schwab.
Höhepunkt Nr. 2: Wir dampfen noch 2 Seemeilen westwärts und setzen zum bisher längsten EM-Querprofil der Reise an. Bei 250 m Tiefe setzt der Schlitten auf und fährt gemütlich wie im Skischlepplift den oberen Kontinentalhang hinauf. Porositäten und Suzeptibilitäten fallen und bleiben in den folgenden zwei Stunden niedrig, steigen aber wieder erheblich an, als wir uns der Schelfkante nähern. Hier ist und auf dem unteren Schelf ist der Untergrund sandiger und variabler. Als wir im Abendschein die steil aufragenden Islas Cies vor der Ría de Vigo erreichen, haben wir längst wieder den Schlammgürtel des oberen Schelfs erreicht. Vor dem felsigen Inselfuß holen wir unseren gelben Hai endgültig ein. Reise glücklich überstanden!
Nach insgesamt 300 km Gleitfahrt am Meeresgrund besteht die einzig sichtbare Abnutzung in etwa 5 mm Materialverlust an den austauschbaren PVC-Belägen der Kufen. Dass sich der Prototyp in der harten Praxis als so robust erweist, übertrifft unsere kühnsten Vorstellung – das System kann, mit geringfügigen Verbesserungen der Schlepp- und Bergetechnik, nun routinemäßig für die hochauflösende Sedimentkartierung in Randmeeren eingesetzt werden. Mit den auf dieser Fahrt gewonnenen Millionen von geophysikalischen Profildaten und den an 90 Stationen gesammelten Kalibrierproben sind die Vorraussetzungen bestens, die neue Methode zu verifizieren und etablieren. Mit dieser Aufgabe werden Hendrik Müller und zwei noch auszuwählende neue EUROPROX-Doktoranden in den nächsten Jahren beschäftigt sein.
Auch Till Hanebuth und Hendrik Lantzsch sind zufrieden. Ihr bereits vor der Fahrt stattliches Kernarchiv aus der Region konnte im Norden und Süden gezielt ergänzt werden. Mit diesem Kernmaterial haben sie sich dem Ziel ihrer Forschung, die spätpleistozäne Entwicklung des galizischen Schelfmeers zu rekonstruieren, ein weiteres Stück genähert.
Viele Grüße,Tilo von Dobeneck
Weitere Informationen:
Wo ist POSEIDON jetzt?
Zur aktuellen Position des Forschungsschiffes hier.
Mehr über den offiziellen Träger der Fahrt EUROPROX:der European graduate school - proxies in
earth history unter www.europrox.de.








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