POSEIDON-Logbuch 8. Juni: Der Hai ist los!
Seit dem 2. Juni ist das deutsche Forschungsschiff POSEIDON im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs EUROPROX in spanischen Küstengewässern auf Expedition. Dramatische Szenen spielten sich heute an Bord ab - beinahe auf Kosten des wertvollen Messschlittens "GEM Shark". Daniel Rey Stratigraph und Sedimentologe der ‚Grupo GEOMA' der Universität Vigo berichtet.
Poseidon-Logbuch P363/3
Vigo - Vigo
Autor: Daniel Rey
8. Juni: Der Hai ist los!
Aussetzen
6:30 a.m.
Tilo von Dobeneck und Daniel Rey schlüpfen noch etwas schlaftrunken in Sicherheitsschuhe und Rettungsweste und treten auf das Achterdeck hinaus. Dort haben Christian Hilgenfeldt und Hendrik Müller bereits die nächtens aufgeladene Tiefseebatterie und das mit Digitalelektronik vollgestopfte Glasdruckgehäuse eingesetzt und den Deckel des GEM Shark verzurrt. Stecker verbinden, ein kurzer Systemtest - alles OK. Bootsmann Frank öffnet die Heckpforte, wirft die orangene Boje am Ende der Sorgleine aus und lässt das 400 m lange, schwimmfähige Rettungsseil des Hais durch seine starken Hände gleiten, das sich wie einen weißer Strich vom Heck bis zum Horizont zieht.
Wie ein Fisch im Wasser...
Heckwinde W6 hebt den Schlitten an, der Heckgalgen schwenkt nach hinten und setzt den gelben Hai in sein nasses Element ab. Der lässt sich noch gemächlich eine Minute treibend mit Seewasser vollaufen und taucht dann entschlossen in sein finstres Jagdrevier ab. Die See ist heute ungewohnt ruhig, der Himmel grau. Eigentlich ein guter Tag für eine Messfahrt tief am Meeresboden. Tilo und Daniel blicken noch eine Weile sinnierend in die blaugraue See. Kein Zeichen am Horizont deutet auf die kommenden Geschehnisse hin ...
7:05 a.m.
Hendrik
Müller überwacht am Monitor im Kontrollraum aufmerksam den Sinkflug seines
Hais. Der nähert sich dem Grund wie ein Flugzeug im Landeanflug und sendet per
Draht einen stetigen Datenstrom über Kurs, Tiefe, Roll und Pitch (Längs- und
Seitenneigung). In 100 Meter Tiefe lässt Hendrik die Winde stoppen - der Hai
geht prompt in Horizontalflug über.
"Labor an Brücke, der Hai ist gelandet"
Auf dem Bildschirm des Schiffskurses taucht der Anfang des Messprofils auf. Hendrik Müller lässt den Windendraht weiterfieren, bis der Hai in flachem Winkel aufsetzt. "Labor an Brücke, der Hai ist gelandet". "OK, Schlitten hat Bodenkontakt" meldet sich die Brücke sanft korrigierend
zurück. Alle im Geolabor lachen - diese "nautisch korrekten Ansagen" werden wir Landratten wohl nie richtig über die Lippen bringen. Hendrik Müller lehnt sich komfortabel im Sessel zurück; sechs Einsatzstunden liegen nun vor ihm. Die anderen gehen erstmal frühstücken. Derweil gleitet der Hai in majestätischer Ruhe über den 170 Meter tiefen Meeresboden, oder genauer gesagt, über schwarzgrünen, fünf Millionen Jahre alten Glaukonitsand. Die kritische Phase ist überstanden.
11:40 a.m.Als
die Sprechanlage plötzlich loskrächzt und Windenfahrer Bernie ein starkes
Rucken des Zugdrahts meldet, hat Hendrik Müller gerade noch Zeit, das abrupte
Ansteigen der Suszeptibilität auf dem Bildschirm zu registrieren, da reißt auch
schon der Zwei-Tonnen-Bruchdraht an der Hainase ab. Die unruhigen Messkurven
auf dem Monitor verwandeln sich in gerade, horizontale Linien. Herzstillstand.
Alle Leitungen tot. Hendrik Müller macht einen Satz zur Sprechanlage:
"Winde fieren mit 2 m/s!", "Labor an Brücke, Schiff
aufstoppen!". Er springt auf und rennt zur Messe, wo alle anderen gut
gelaunt am Mittagstisch sitzen, holt tief Luft und presst nur den kurzen Satz
heraus: "Der Hai ist los!".
"Der Hai ist los!"
Christian Hilgenfeldt und Bastian Wiehland erfassen als erste die Bedeutung der Worte, springen auf und rennen ins Labor, alle anderen hinterher. Katastrophenstimmung kommt auf.
11:50 a.m.
Captain Michael Schneider und sein kongenialer Bootsmann Frank Schrage dirigieren die nun folgende Rettungsoperation mit der sicheren Autorität und dem Sinn fürs Notwendige, der in vielen Berufsjahren gereifte Seeleute auszeichnet. Langsam setzt der Steuermann das Schiff zur letzten bekannten Position des Messschlittens zurück und holt gleichzeitig den Draht ein, Kreuzsee und Winddrift geschickt in sein Manöver einbeziehend. Als der Draht schließlich fast senkrecht aus dem Wasser ragt, gibt er der Winde Anweisung, den Zugdraht zu hieven. Der Bootsmann prüft mit angelegter Hand dessen Spannung. Die gesamte Wissenschaft ist auf den oberen Decks versammelt und verfolgt die Handlung mit ebensolcher Spannung. Liegen ein Jahr wertvolle Denk- und Handarbeit nun für immer auf Grund vor dem schon seit Alters her berüchtigten Kap Finisterre, Wahrzeichen der Costa del Muerte? Endlich kommt das Ende des Windendrahtes an Deck, an dem einsam der halbe Stecker des Einleiterdrahtes baumelt. Erste Chance verspielt … die letzte?
Bergung
12:20 a.m.
Die halbe Seemannschaft hält Ausschau nach der zweiten, orangenen Boje am Ende der nachgeschleppten Sorgleine. Der Himmel ist stahlblau und wolkenlos, das Meer trägt heute unbeschreibliches Tiefblau mit weißen Gischtkrönchen, immens und selbstverloren. Beide spiegeln sich in den gelbgrün schillernden Objektiven von zehn Ferngläsern.
Es
dauert nicht lange bis die kleine Boje ausgemacht ist. Für Sekunden taucht sie,
eine knappe halbe Seemeile entfernt, aus einem Wellental empor, um gleich
wieder aus dem Blick zu entschwinden. Alle Ferngläser richten sich auf den
einen Punkt unter dem Horizont. Zweiter Offizier Bernhard Windscheid bringt das
Schiff in einem langsamen, präzisen Manöver auf Kurs zu der arglos tänzelnden
Boje. Als diese endlich längsseits vorbei treibt, wird sie vom Bootsmann mit
einem Haken aufgegabelt und an Deck geholt wird. Die Leine wird über den Schiebebalken
auf die Winde gelegt und langsam auf Zug gebracht. Einen Moment lang ist sie
fast bis zum Zerreißen gespannt, dann lässt der Zug wieder nach. Zwanzig
Minuten vergehen, bis die 400 m Seillänge mit großer Vorsicht eingeholt sind.
Dann ragt endlich das Heck des gelben Hais aus den Wellen. Schmutzige
Wasserfontänen strömen aus sämtlichen Öffnungen, als der Geborgene kopfüber
hängend die Reling überquert und aufs Arbeitsdeck niedersinkt. Eine
unscheinbare kleine Delle in der Hainase aus hartem Epoxybeton deutet an, dass
der Schlitten bei 6 km/h Fahrt und
zwei Tonnen Zug stumpf gegen eine kantiges Hindernis geprallt sein muss. Das wäre
noch mal glimpflich gelaufen, aber wie sieht es im Innern aus?
Noch bevor der Hai sich niederlegt, hat sein Erbauer Hendrik Müller per WLAN Kontakt mit dessen Rechnerhirn aufgenommen. Er strahlt … der elektromagnetische Hai registriert und meldet noch immer unverdrossen 25 Mal pro Sekunde die hohe Suszeptibilität und Leitfähigkeit des stählernen Arbeitsdecks. Was für ein Tag …
Viele Grüße von der Poseidon,
Daniel Rey
Der gerissene Zugdraht
Weitere Informationen:
Wo ist POSEIDON jetzt?
Zur aktuellen Position des Forschungsschiffes hier.
Mehr über den offiziellen Träger der Fahrt EUROPROX:der European graduate school - proxies in
earth history unter www.europrox.de.






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