Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Vermischtes Naturgewalten Denkbar knappe Vorwarnung

Denkbar knappe Vorwarnung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.11.2016 13:34 — abgelaufen

Nach dem verheerenden Tsunami von Weihnachten 2004 baut Indonesien ein Frühwarnsystem auf - mit tatkräftiger Unterstützung Deutschlands. Es soll die tektonischen Bewegungen in diesem geologisch extrem unruhigen Teil der Welt überwachen und die betroffenen Einwohner schnell und zuverlässig warnen. Manche Gegenden allerdings, wie etwa die zentralsumatrasische Hafenstadt Padang liegen so dicht an einer tektonisch aktiven Bruchzone, dass nur wenige Minuten zwischen auslösendem Beben und dem Tsunami bleiben. Auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco stellten Forscher des federführenden Geoforschungszentrums Potsdam ihre Lösung für Padang vor.

Die Großstadt Padang, Handels- und Verwaltungszentrum von Zentralsumatra, befindet sich in einer prekären Lage. Unweit der indonesischen Hafenstadt verläuft eine gewaltige Bruchzone der Erdkruste durch den Indischen Ozean. Nach einem entsprechenden Beben dort braucht ein Tsunami kaum eine halbe Stunde, um die Metropole zu erreichen. Die Sache wird noch ernster, da Padang in einer Küstenebene gerade auf Meereshöhe liegt, und eine Flutwelle ungehindert große Teile des Stadtgebiets erreichen könnte. Die rund 800.000 Einwohner hätten im Katastrophenfall keine Chance, hochgelegenes Terrain zum Schutz vor dem Wasser zu erreichen.

Für das Tsunamifrühwarnsystem, das Indonesien mit deutscher Hilfe aufbaut, ist die Hafenstadt daher ein Schwerpunktgebiet - allerdings auch eine gewaltige Herausforderung. "Die normalen Methoden der Tsunamivorhersage, wenn das interessierende Gebiet Tausende von Kilometern weit von der Quellzone entfernt liegt, funktionieren hier nicht, der Fall liegt bei einem Nahfeldtsunami vollkommen anders", berichtete Stephan Sobolev vom Geoforschungszentrum Potsdam auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco, wo das Frühwarnsystem vorgestellt wurde. Weder kann man abwarten, bis die seismischen Stationen genügend Informationen gesammelt haben, noch kann man das daraus gewonnene Bild vom Tsunami mit den Daten von Tidenmessern oder Bojen vergleichen und entsprechend korrigieren. Denn während dieser Validierungsprozess noch läuft, trifft die Welle bereits im Zielgebiet ein.

"Wir waren daher zunächst pessimistisch, denn wir haben nur zehn Minuten für eine vernünftige Vorhersage", erzählte Sobolev. Doch die Geographie und eine neue Meßmethode kamen den Wissenschaftlern zu Hilfe. Vor der Westküste Sumatras liegen die Mentawai-Inseln und direkt vor Padang befindet sich die größte Insel des Archipels, Siberut. "Ereignet sich das Beben jenseits der Insel", so Sobolev, "hält sie die Wellen ab." Nur bei einem Bebenherd zwischen Siberut und Sumatra ist Padang in größter Gefahr. Für die Warnung ist es daher von größter Bedeutung, das Epizentrum des Bebens zu lokalisieren. Um das leisten zu können, wird auf Siberut ein Feld von GPS-Stationen aufgebaut, die die Bewegungen in Echtzeit und zentimetergenau messen. "Mit GPS messen wir die Bodenbewegungen während eines Bebens und erfahren so, wo der Bebenherd liegt und wie stark sich die Erde bewegt", erklärte Sobolev, "daraus lässt sich vorhersagen, was passieren wird." Diese Vorhersage wird im Rechenzentrum des Frühwarnsystems erstellt, das die Daten von Siberut über Satellit erhält. Nach sechs, sieben Minuten lesen die Wissenschaftler auf ihrem Bildschirm ab, ob es gefährlich wird oder nicht.

Beben an Subduktionszonen sind die Ursache für mehr als 90 Prozent aller Tsunamis, so Sobolev. Liegt die Subduktionszone nahe an einem Ballungsraum, muss wie im Fall von Padang mit gefürchteten Nahbereichstsunamis gerechnet werden. Auf den japanischen Inseln gehören sie ebenso zum Risiko, wie an den Westküsten Nord- und Südamerikas oder im Mittelmeer. Das System, so Sobolev, eigne sich ebenso für Städte in diesen Gebieten. Doch auch wenn die Reaktionszeiten des Frühwarnsystems sehr kurz sind, die Frage bleibt, was die Warnung bringt. Auch darüber wurde in San Francisco debattiert. Chris Goldfinger von der Oregon State University: "Ich war mit anderen Experten in Padang, wir wollten sehen, wie die Menschen einem Tsunami entkommen können. Aber die Gegend ist flach, die Menschen müssen weit laufen, ehe sie einen sicheren Platz erreichen." Eine Warnung 20 Minuten vor dem Eintreffen der Welle reicht in der zentralsumatrasischen Küstenebene nicht aus, damit die Bewohner die sicheren Hügel erreichen können. Das gilt selbst unter normalen Umständen, wenn der Verkehr nicht wegen panischer Flucht zusammengebrochen ist.

Das High-tech-Frühwarnsystem vor Padang muss daher, so empfehlen die US-Experten, dringend durch Low-tech-Schutzbauten in der Stadt ergänzt werden. In Japan oder Indien gibt es entsprechende Vorbilder: Schutzplattformen, die auf massiven Stelzen errichtet werden und so die Flutwelle überstehen können. Sie müssen flächendeckend in der Stadt errichtet werden, damit sich die Menschen vor Ort in Sicherheit bringen können. Aus den Erfahrungen der US-Westküste oder Hawaiis speist sich ein weiterer pragmatischer Rat Chris Goldfingers an die Einwohner Padangs: Sobald die Erde lange und stark bebt, wartet nicht auf die Warnung, sondern rennt.

Weiterführende Informationen finden Sie in den Bereichen Naturgewalten sowie Geotechnologien.