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Mühsame Suche nach Flutwellen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.11.2016 13:34 — abgelaufen

Am 21. Juli 365 traf eine gewaltige Flutwelle Alexandria, eine der größten und wohlhabendsten Städte des römischen Reiches. Rund 50.000 Menschen, so schätzten Zeitgenossen, starben, weite Teile der Stadt wurden zerstört. Der spätantike Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus berichtet in seiner "Römischen Geschichte" detailliert, wenn auch nicht aus eigener Anschauung über die Flut, die wohl durch ein starkes Erdbeben mit Herd westlich von Kreta ausgelöst wurde. Es ist die früheste schriftliche Quelle über einen Tsunami, doch die Welle, die das Nildelta und vermutlich auch viele Inseln der Ägäis verwüstete, war beileibe nicht die erste und die einzige im Mittelmeer.

Von vielen dieser Flutwellen wissen wir nichts mehr, selbst wenn sie sich in historischer Zeit ereigneten. Ein Team von Geomorphologen der Universität Marburg will jetzt exemplarisch an der ionischen Insel Leukas vor Westgriechenland die Tsunamigeschichte erforschen. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 160.000 Euro gefördert. "Wir haben nun an der Nordküste der Insel eine Küstentopographie, die wohl für solche Tsunamiwellen sehr geeignet ist", erklärt Dr. Andreas Vött vom Marburger Fachbereich Geographie, "dort haben wir bislang vier Tsunamieinflüsse feststellen können. Der älteste liegt bei ungefähr 1000 v. Chr., und der jüngste bei ungefähr 1000 n. Chr." Die Flutwellen, die damals Leukas trafen, waren geschätzte 15 Meter hoch, etwa so hoch wie die Tsunamiwellen, die Weihnachten 2004 das thailändische Phuket trafen. Zwar ist das Mittelmeer wesentlich kleinräumiger als der Indische Ozean in Südostasien, doch gerade bei Leukas wirkt die Küstentopografie wie ein Wellenverstärker, "sie ist von der Form her wie eine Art Trichter geschwungen", berichtet Vött, "und damit haben wir eine Verstärkung der Aktivität und natürlich eine Aufhöhung der Wellen".

Anders als Alexandria hat Leukas keinen Chronisten gefunden, der die Flutwellen schriftlich bezeugte, daher muss sich das Team unter Leitung von Professor Helmut Brückner mit den geologischen Zeugen beschäftigen. "Das sind in erster Linie große Blöcke, die an Stellen abgelagert wurden, wo sie nicht hin gehören, die also aus Küstenbereichen bis auf 15 oder 16 Meter über den heutigen Meeres Spiegel geschleudert wurden", so Vött, "eine sehr mächtige Schicht von mit großer Energie eingespülter mariner Materie in einem küstennahen See, der eigentlich ausschließlich Süßwasserbedingungen besitzt."

Verlagerte "Megablöcke": dachziegelartig ineinander verkeilte Gesteinsblöcke mit einem Volumen bis 15 Kubikmeter, die durch Tsunami-Einwirkung an ihre jetzige Position befördert wurden. Foto: Andreas Vött

Das Mittelmeer zählt zu den Regionen der Welt, die am häufigsten von Tsunamis getroffen werden. Das liegt vor allem daran, dass insbesondere der östliche Teil zwischen Adria, Ägäis und Nordafrika zu den tektonisch aktivsten Weltregionen zählt. Die genaue Zahl und vor allem Häufigkeit ist jedoch schwer zu bestimmen. "Wir hatten unlängst einmal ein Gespräch mit Kollegen aus Karlsruhe, da haben wir sozusagen versucht, die großen Tsunami, die man kennt, festzustellen oder zusammenzutragen", erklärt Professor Helmut Brückner, "es gibt zwar Erdbeben-Kataloge, eine solche Synopse für den Mittelmeerraum, das fehlt eigentlich noch, das ist noch Forschungsfront." Neben dem Marburger Pilotprojekt gibt es entsprechende Bemühungen in Griechenland und Italien, die Tsunamigeschichte anhand der Sedimente aufzuklären.

Eines schält sich für die Marburger Forscher jedoch immer mehr heraus: Nicht nur Südostasien braucht ein funktionierendes Tsunamiwarnsystem, auch im Mittelmeer ist es dringend nötig. Allerdings verkennt Helmut Brückner auch nicht das große Problem, auf das ein Warnsystem im Mittelmeer trifft: Es ist wesentlich kleinräumiger als der weitläufige Indische Ozean oder der noch gewaltigere Pazifik. "Die Vorwarnzeiten wären sicherlich sehr gering", gibt der Geomorphologe zu, "weil eben alles sehr dicht gekammert ist und Inseln überall sehr nahe sind." Ein Extrembeispiel: Ein Erdbeben in der tektonisch hoch explosiven Straße von Messina könnte einen Tsunami auslösen, der binnen Minuten die Küsten Siziliens und Kalabriens erreicht - keines der bisher verfügbaren Frühwarnsysteme hätte dabei eine Chance. 1908 trat genau dies ein. Ein Tsunami traf das sizilianische Messina und kostete 75.000 Menschen das Leben. Dennoch ist der Professor vom Sinn eines solchen Warnsystems überzeugt: "Man muss sich einmal das Szenario vorstellen, dass ein Tsunami am 1. August, vormittags, ausgelöst wird, wenn alle Leute am Strand sind. Die Katastrophe, die dadurch ausgelöst würde, kann man gar nicht hoch genug einschätzen."