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Leipziger Strukturgeologen in Suedspanien

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Im Rahmen eines DFG-Forschungsprojektes untersuchen Leipziger Geowissenschaftler den Gibraltarbogen in Suedspanien. Sie sind auf der Suche nach Spuren praehistorischer und historischer Erdbeben, um moegliche Georisiken zu identifizieren und einzuschaetzen.

PD Dr. Klaus Reicherter von der Universitaet Leipzig gehoert zu einer Gruppe von deutschen Geowissenschaftlern, die noch diesen Sommer nach Suedspanien reisen, um im Rahmen des DFG-Projektes "Palaeoseismologie aktiver Stoerungssysteme der Betischen Kordillere und der Alboran-See" das von 2003 bis 2005 laeuft, Spuren historischer und praehistorischer Erdbeben zu untersuchen. Anhand der Untersuchungsergebnisse soll das Risiko fuer kuenftige Erdbewegungen abgeschaetzt werden. Alles in allem stehen den Wissenschaftlern fuer diese speziellen Forschungen 18 800 Euro zur Verfuegung.

Der Gibraltarbogen mit der Betischen Kordillere (Spanien) stellt die seismotektonisch hochaktive Kollisionszone der Europaeischen und Afrikanischen Platte im westlichsten Teil des alpidischen Gebirgsguertels dar. In historischer Zeit erschuetterten einige schwere Erdbeben Andalusien, darunter auch die Costa del Sol, und es ist anzunehmen, dass es in diesem Gebiet auch in Zukunft zu Erdbeben kommt. Um die Lage besser einschaetzen zu koennen, wollen die Leipziger Geowissenschaftler in Zusammenarbeit mit Geologen und Geophysikern des Institutes fuer Bodenforschung Hamburg und der Universitaet Granada jetzt fuer drei Wochen palaeoseismologische Untersuchungen durchfuehren, d.h. sie wollen anhand historischer Dokumente und der Beschaffenheit der Bodenschichten Aussagen ueber historische Erdbeben treffen.

Den Forschern geht es zunaechst darum, die Erdbeben anhand ihrer Untersuchungsergebnisse zu chronologisieren. Aus der Geschichte weiss man, dass das letzte starke Beben von Arenas del Rey bei Granada (''El terremoto de Andalucia'') am 1. Weihnachtsfeiertag 1884 um 21.08 Uhr 20 Sekunden lang den Suedteil des Granada-Beckens erschuetterte. Die Folge waren 900 Tote und ueber 1500 Verletzte. Mehr als 350 Jahre zuvor, am 22.9.1522, zerstoerte ein Beben von 6,5-7 der Richter-Magnitude Almeria komplett, dem 2500 Menschen zum Opfer fielen. Sedimentstrukturen eines Bohrkerns und historische Dokumente weisen auf Tsunami-Ereignisse hin. Tsunamis sind Flutwellen riesigen Ausmasses, die infolge von Erdbeben Kuestenabschnitte mit brachialer Gewalt ueberspuelen. Katastrophenberichte der damaligen Zeit legen Zeugnis davon ab (s. Abbildung).

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass starke Erdbeben sich geologisch in oberflaechenahen Stoerungen des Schichtverbands widerspiegeln. Sie zeigen sich als Rupturen, Abschiebungen, Aufschiebungen, Faltungen oder komplizierte Kombinationen wie geomorphologische Stufen oder abrupte Flusslaufaenderungen. Solche Strukturen werden von der Arbeitsgruppe multidisziplinaer mit modernen Methoden untersucht und datiert. Dazu gehoeren mikrogeomorphologische Kartierung von aktiven Stoerungen, Georadar-Untersuchungen, Datierung von versetzten Bodenhorizonten an jungen, durch Erdbeben induzierten Stoerungsflaechen, aber auch die Auswertung von Archivmaterial wie alten Photographien und Berichte. Das gewonnene Material laesst nicht nur Aussagen zur Magnitude und Intensitaet des/der Palaeobeben, zur Haeufigkeit von Beben, zur absoluten Datierung der Ereignisse (14C-Datierungen) zu, sondern auch zu Wiederholraten.

Erste Ergebnisse deuten auf eine starke Aktivitaet der 1884 bewegten Stoerung mit mindestens zwei Ereignissen in den letzten 3000 Jahren hin. Vor allem diese Stoerung wollen sich die Geowissenschaftler diesen Sommer vornehmen. Im Vergleich zur Tuerkei, wo eine Konzentration von Erdbeben in Nordanatolien beobachtbar ist, stellen sich die Beben und somit die Gesamtdeformation in Andalusien in mehreren kleineren Verwerfungen dar, die sich zwischen der Costa del Sol und dem Guadalquivir gebildet haben und sich von Cadiz bis nach Alicante erstrecken.

Die Forscher haben mit ihrer Arbeit eine grosse Verantwortung uebernommen: Wenn sie in historischen Quellen oder bei der Untersuchung der Erdschichten weitere Hinweise auf grosse Beben finden, laesst das Rueckschluesse auf die Wiederholraten der starken Erdbeben in diesem Gebiet zu. Das koennte ein erhoehtes Risiko fuer diese dicht besiedelte erdbebengefaehrdete Region bedeuten.

Weitere Informationen
PD Dr. Klaus Reicherter
Telefon: 0341 97 32 911