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Auf der Spur der Jahrhundertflut

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Haengen Klimawandel und extreme Hochwasser zusammen?

Im Jahr 1993 bricht der Rhein wieder einmal alle Rekorde: berstende Daemme und Deiche, ueberflutete Strassen und Plaetze, vollgelaufene Keller. Die Schaeden gehen in die Milliarden. Schnell ist das Ereignis von 1993 zum "Jahrhunderthochwasser" gekuert, doch schon 1995 stellt erneut ein Hochwasser alles bisher Dagewesene in den Schatten. Ende Januar erreicht der Rhein am niederlaendischen Grenzpegel von Lobith eine Rekordhoehe von 16,68 Metern. Natuerlich stellt sich die Frage, was schuld ist an den Wasserflu-ten. Die Versiegelung der Landschaftsflaeche, fehlende Ueberflutungsflaechen am Oberlauf, oder gar das Klima? Sorgt die zunehmende Erwaer-ung der Erdatmosphaere auch fuer gewaltigere Hochwasser? Dieser Frage geht jetzt der Statistiker Dr. Philipp Sibbertsen vom Institut fuer Wirtschafts- und Sozialstatistik der Universitaet Dortmund nach. In seinem Computer hat Sibbertsen die Pegelstaende von ueber 100 Jahren Rhein abrufbereit. Sechs Rheinpegel nimmt er unter die Lupe, dazu die Pegel zahlreicher Nebenfluesse wie Main, Mosel und Neckar, die ihr Uebriges dazu tun, den Rhein mit Wasser aufzufuellen. Beauftragt, finanziert und mit reichlich Daten unterstuetzt wird Sibbertsen von der Bundesanstalt fuer Gewaesserkunde in Kob-lenz, die vor allem eines wissen will: Wie verhalten sich der Rhein und seine Nebenfluesse langfristig? Und: Ist in den Pegeln eine Klimaveraenderung abzulesen?
Eine wahre Aufgabe fuer Statistiker also, aus einer Analyse von 100 Jahren Vergangenheit eine Prognose fuer die kuenftig anstehenden Jahrzehnte zu geben. Unscheinbare, krakelige Messkurven sind es, die Sibbertsens Grundlage bilden, und die mehr Information bereithalten, als es der Laie auf den ersten Blick vermutet. Der Fachmann entdeckt einzelne Effekte darin, Ueberlagerungen und oertliche Eigenheiten. "Je mehr wir rheinabwaerts gehen, desto geringer wird der Einfluss der Schneeschmelze auf den Rheinpegel und desto staerker kommt der Regen ins Spiel. Waehrend die Schneeschmelze ueber einen langen Zeit-raum viel Wasser einbringt, bringt der Regen kurzzeitig einen grossen Scheitel." Eine Klimaveraenderung wuerde bedeuten, dass die Minima und Maxima in den Pegelstaenden extremer werden. So wuerde bei einer Klimaerwaermung die Schneeschmelze frueher eintreten, waehrend sich gleichzeitig die Regenfaelle nach hinten verschieben. "Der Super-GAU waere, wenn sich die Peaks von Schneeschmelze und Regenwasser deutlich aufeinander zu bewegen. Dann haetten wir ein Super-Hochwasser", warnt Sibbertsen. So sei es - ganz vereinfacht und die besondere Wetterlage in dieser Situation ausser Acht gelassen - im Jahr 2000 beim Elbehochwasser in Ostdeutschland gewese. "Das Regenwasser haette die Elbe sonst locker auffangen koennen, aber so musste sie ein-fach ueberlaufen", bemerkt Sibbertsen und kehrt zurueck zur Ausgangsfrage, wie sich der Verlauf der Hochwasserereignisse langfristig entwickeln wird. "Gibt es noch andere Gruende, die uns so haeufig Hochwasser bescheren?", fragt er sich immer wieder. Schliesslich gibt es noch ein "Gedaechtnis" bei langen Zeitreihen wie etwa Pegelstaenden. "Bis zu 200 Monate kann dieses Langzeitgedaechtnis zurueckreichen", ist Sibbertsen selbst verbluefft, also ueber 16 Jahre! Hierdurch entsteht eine Struktur, die ueber einen langen Zeitraum hinweg sehr hohe Abfluesse verursacht, andererseits dann aber ueber einen langen Zeitraum niedrige Abfluesse nach sich zieht. Es ist nicht auszuschliessen, dass die vielen Hochwasser der vergangenen Jahre auf so eine Phase mit hohen Abfluessen zurueckzufuehren sind. "Um beim Rhein zu bleiben: Nehmen sie den Bodensee. Er hat ziemlich wenig Wasser und jetzt kommt eine Hochwasserwelle. Der Bodensee kann sie aufnehmen, so dass rheinabwaerts gar nichts davon zu spueren ist. Aber eine zweite, vielleicht sogar kleinere Hochwasserwelle kommt ploetzlich ungebremst durch, einfach weil der Bodensee jetzt voll ist und nichts mehr speichern kann." Diese Ueberlagerungen muss Sibbertsen erkennen, um langfristige, nicht-zufaellige Trends wie Klimaveraenderung von zufaelligen, "stochastischen" Ereignissen zu unterscheiden. Hat er nun schon erste Ergebnisse? Kann er anhand der Analyse seiner Daten eine Klimaveraenderung feststellen? Fuer Sibbertsen sehen die Hochwasserereignisse eher nach stochastischen Trends aus, sie waeren also rein zufaellig. "Ich persoenlich waere mit Aussagen wie Klimaerwaermung sehr vorsichtig, ohne die Gefahr jedoch herunterspielen zu wollen. Aber es ist wirklich nicht eindeutig!" Naechstes Jahr, wenn die Koblenzer Bundesanstalt Sibbertsens Auswertung in den Haenden haelt wird sie einen Anhaltspunkt dafuer haben, ob die getroffenen Hochwassermassnahmen am Rhein ausreichend sind beziehungsweise, wie lange sie noch ausreichen werden. Denn eines kann Sibbertsen jetzt schon voraussagen: das naechste Hochwasser kommt bestimmt.

Weitere Informationen:
Ole Luennemann
Universitaet Dortmund
Tel.: 0231/755-2535
Fax: 0231/755-4664

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