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Einladung zum Pressegespräch

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Thema: FS Sonne wieder zurück - Ergebnisse und Eindrücke von der SO178-KOMEX-Expedition<br> Am: 09.09.2004 um 11:00 Uhr<br> Wo: Großer Konferenzraum des IFM-GEOMAR, Gebäude 8, Wischhofstr. 1-3, 24148 Kiel

FS SONNE wieder zurück aus dem Ochotskischen Meer

Zum Schluss wären sie beinahe noch "Chaba" in die Wind-Fänge geraten. Doch der Supertaifun hat glücklicherweise abgedreht und so sind die zehn Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR) wieder wohl behalten zurück in Kiel. In den vergangenen fünf Wochen haben sie gemeinsam mit russischen, italienischen und deutschen Kollegen von Bord des Forschungsschiffs SONNE aus umfangreiche ozeanographische, geochemische, geologische, geobiologische und vulkanologische Untersuchungen im Ochotskischen Meer durchgeführt. Das Außergewöhnliche an dieser Reise: Die SONNE war das erste nicht-russische Forschungsschiff, das in den russischen Hoheitsgewässern (ehemaliges militärisches Sperrgebiet) auf Expedition gehen und den Hafen von Wladiwostok anlaufen durfte.

Das Team um Fahrtleiter Professor Wolf-Christian Dullo entdeckte neue untermeerische Vulkane, Gashydratvorkommen und auch Tiefwasserkorallen mit ihren sehr exotischen Lebensgemeinschaften. Verschiedene, teilweise videogesteuerte Geräte kamen zum Einsatz, mit deren Hilfe die Wissenschaftler zahlreiche Proben entnehmen konnten. Besonders stolz sind die Wissenschaftler, dass es ihnen gelungen ist, ungewöhnlich lange Sedimentkerne von teilweise mehr als 24 Metern aus dem Ochotskischen Meer zu ziehen. Je länger der Sedimentkern, desto tiefer und detaillierter der Einblick in die geologische Vergangenheit der Erdoberfläche.

Eine Überraschung brachte die Bergung von Baritschloten: Einige Zentimeter unter der Oberfläche hatte sich der Barit - eine Barium-Schwefel-Verbindung - in Aragonit umkristallisiert. Aragonit ist eine spezielle Form von Calciumcarbonat, für dessen Bildung wahrscheinlich Mikrobakterien verantwortlich sind. Wie das genau funktioniert, werden die Untersuchungen im Heimatlabor zeigen.

Sowohl wissenschaftlich als auch zwischenmenschlich - gute Stimmung an Bord ist nicht immer selbstverständlich - war die SO178-Komex-Expedition ein voller Erfolg. Prof. Wolf-Christian Dullo, Dr. Nicole Biebow und die weiteren Expeditionsteilnehmer vom IFM-GEOMAR werden bei dem Pressegespräch von ihren Erlebnissen und Erfahrungen berichten und erste Ergebnisse vorstellen.

Hintergrundinformationen:
KOMEX
(Kurilen Ochotskisches Meer Experiment) ist ein groß angelegtes Forschungsprojekt, koordiniert wird es vom IFM-GEOMAR in Kiel und vom P.P. Schirschow-Institut für Ozeanologie der russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Neben den genannten sind eine Reihe weiterer russischer Institute in Moskau, St. Petersburg, Wladiwostok und Petropawlowsk-Kamtschatskij an dem Projekt beteiligt. In einem interdisziplinären Forschungsansatz untersucht das KOMEX-Team die Funktionsweise des Systems Ochotskisches Meer. Das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBF) der Bundesrepublik Deutschland und das Ministerium für Industrie, Wissenschaft und Technologie der Russischen Föderation unterstützen das Projekt schon seit dem 01.01.1998.

Die Daten und die Proben die auf der SO178 KOMEX Expedition gewonnen wurden, bilden die Grundlage für zahlreiche Diplom- und Doktorarbeiten, die in Russland und Deutschland geschrieben werden. Damit wird nicht zuletzt ein ganz wesentlicher Beitrag zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowohl in Russland als auch in Deutschland geleistet.

Das Ochotskische Meer ist mit einer Fläche, die Nord- und Ostsee etwa gemeinsam einnehmen, nach dem Südchinesischen Meer das zweitgrößte Randmeer des Pazifischen Ozeans. Es wird im Osten und Süden durch die Halbinsel Kamtschatka und den Kurilen-Inselbogen begrenzt. Im Ochotskischen Meer treffen eine Vielzahl geologischer Phänomene aufeinander, die es zu einem einzigartigen Forschungsgebiet macht.

Die Erdkruste unter dem Ochotskischen Meer ist seismisch besonders aktiv, da dort die Pazifische Platte unter dem Kurilen-Inselbogen versinkt und sich entlang von Sachalin die Ochotskische- und die Amur-Platte aneinander reiben. Eine Folge dessen sind zahlreiche Erdbeben und Vulkanausbrüche in der Region.

Eine weitere Folge der tektonischen Prozesse ist das Sprudeln unzähliger Methanquellen am Meeresboden. Das Ochotskische Meer ist somit eine bedeutende Quellenregion für den Eintrag klimarelevanter Gase in die Atmosphäre (z.B. CH4, CO2), durch Methanquellen am Meeresboden sowie durch Vulkanausbrüche. Zudem weist es die höchste potentielle Methanproduktionsrate in der nördlichen Hemisphäre auf und besitzt ein großes Vorkommen an Gashydraten. Seine saisonale Eisbedeckung reguliert in besonderer Weise den Gasaustausch mit der Atmosphäre.

Andererseits produziert das Ochotskische Meer während der Warmzeiten große Mengen an Plankton und stellt somit eine Hochproduktionszone dar. Dies ist besonders interessant, da in Hochproduktionsgebieten der Atmosphäre CO2 entzogen wird. Vor allem im Hinblick auf den jüngsten anthropogen verursachten CO2-Anstieg und Treibhauseffekt ist die Abschätzung der Möglichkeit eines natürlichen Abbaus von CO2 von großer Bedeutung. Damit besitzt das Ochotskischen Meer eine Schlüsselrolle für die Entwicklung des globalen Klimas.

Weiterhin hat das Ochotskische Meer, ähnlich wie die Norwegisch-Grönländische See für den Atlantik, eine herausragende Bedeutung als mögliche Quelle für die Bildung von Tiefenwasser im Pazifischen Ozean. Ihm käme damit eine Steuerungs- und Kontrollfunktion für die Wassermassenzirkulation und Nährstoffverteilung im Pazifik zu. Eine weitere Besonderheit des Ochotskischen Meeres ist das ungewöhnlich häufige Auftreten der Radiolarienart Cycladophora davisiana. Radiolarien sind einzellige Lebewesen, die in unterschiedlichen Wassertiefen leben und sich von organischem Material ernähren. Cycladophora davisiana wurde in solchen Größenordnungen wie im Ochotskischen Meer bisher nur in eiszeitlichen Sedimenten gefunden.

All diese Besonderheiten deuten darauf hin, dass die heutigen Verhältnisse im Ochotskischen Meer denen eines eiszeitlichen Ozeans sehr ähneln könnten. Doch die KOMEX-Untersuchungen können nicht nur helfen, die Vergangenheit besser zu verstehen, sie liefern auch wichtige Daten für die Modellierung der heutigen Klimaentwicklung.

Verweise
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