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Waren Neandertaler oder moderne Menschen die ersten Kuenstler?

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Die 1931 ausgegrabenen menschlichen Skelettreste aus der Vogelherdhoehle auf der Schwaebischen Alb sind einer neuen Datierung mit Hilfe der Radiokohlenstoffmethode unterzogen worden. Danach sind sie zwischen 3.900 und 5.000 Jahren vor heute alt. Bisher wurden sie immer im Zusammenhang mit den ebenfalls in der Hoehle gefundenen Figuren aus Elfenbein und Werkzeugen aus der Zeit des fruehen Aurignacien, der ersten Kulturstufe der juengeren Altsteinzeit in Europa vor 30.000 bis 40.000 Jahren vor heute, gesehen. Aufgrund der neuen Datierung kann nun nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden, wer die "ersten Kuenstler" waren, die Neandertaler oder die ersten modernen Menschen in Suedwestdeutschland, die in dieser Zeit nach Europa einwanderten. Diese Ergebnisse werden in der Ausgabe von Nature vom 8. Juli 2004 von Wissenschaftlern der Universitaet Tuebingen, der Universitaet Kiel und der Loyola University of Chicago veroeffentlicht.

Die auf der Schwaebischen Alb in Suedwestdeutschland gelegene Vogelherdhoehle ist beruehmt fuer ihr reiches Fundensemble, darunter fast ein Dutzend Figuren aus Mammutelfenbein, die zu den aeltesten Zeugnissen figurativer Kunst weltweit gehoeren. Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden die menschlichen Skelettreste aus der Vogelherdhoehle als bester Beweis angesehen, dass anatomisch moderne Menschen die neue Technologie, figuerliche Kunst und Musikinstrumente der juengeren Altsteinzeit vor ca. 30 - 40.000 Jahren herstellten. Radiokohlenstoff-Messungen an fuenf der menschlichen Fossilreste vom Vogelherd ergaben nun, dass die Menschenreste tatsaechlich in die spaete Jungsteinzeit zwischen 3900 und 5000 Jahre vor heute datieren, also viel juenger sind als die restlichen Funde und vermutlich aus spaeteren Bestattungen stammen. 26 weitere C14-Datierungen an Tierknochen haben hingegen wie erwartet ein eiszeitliches Alter ergeben. Die neuen Daten der Menschenknochen vom Vogelherd schwaechen auch die Argumente fuer die "Donau-Korridor-Hypothese", die besagt, dass anatomisch moderne Menschen relativ frueh ueber die Donau in unseren Raum einwanderten. Sie unterstuetzen hingegen die Moeglichkeit, dass die Neandertaler wesentlich zur Entwicklung der jungpalaeolithischen Kultur beigetragen haben.



(c)Jensen, Universität Tübingen


Im Sommer und Herbst 1931 wurde die Vogelherd-Hoehle unter der Leitung des Tuebinger Archaeologen Gustav Riek ausgegraben. Die veroeffentlichten Informationen sprachen fuer eine unzweifelhafte Vergesellschaftung der menschlichen Skelettreste und der klassischen Stein-, Knochen- und Elfenbeinwerkzeuge des Aurignaciens. Lange Zeit haben die Forscher deshalb geglaubt, dass auch die Menschenreste aus der Vogelherdhoehle aus dieser Epoche stammen.


(c)Jensen, Universität Tübingen


Seit der Entdeckung von anatomisch modernen Menschenresten mit Aurignacienwerkzeugen im Felsschutzdach von Cro-Magnon im Jahr 1868, galt das Aurignacien, wie diese Kulturstufe spaeter benannt wurde, als Werk des modernen Menschen. Forscher haben die Cro-Magnon Menschenreste aus Suedwestfrankreich immer als sicheren Beleg fuer diese These betrachtet, bis juengste Radiokohlenstoffmessungen an dieser Menschenform ebenfalls ein juengeres Alter ergaben als erwartet.


(c)Jensen, Universität Tübingen


Mit den neuen Daten vom Vogelherd existieren nun keine menschlichen Fossilreste mehr, die einen zweifelsfreien Zusammenhang frueher Aurignacienfunde mit anatomisch modernen Menschen belegen. Die wenigen vorhanden Menschenreste von anderen Fundstellen weisen entweder keine Skelettmerkmale zur eindeutigen Artbestimmung auf oder stammen aus unsicherem Fundkontext. Die kulturelle Entwicklung am Beginn der juengeren Altsteinzeit wird von vielen Wissenschaftlern als Hinweis auf eine revolutionaere Veraenderung der geistigen Faehigkeiten verstanden, in der vollentwickeltes symbolisches und damit modernes Verhalten zur Entfaltung kam. Zu diesem Zeitpunkt haben jedoch sowohl Neandertaler als auch moderne Menschen in Europa gelebt.

Das junge Alter der menschlichen Skelettreste vom Vogelherd wirft die Frage nach den Traegern der fruehen Aurignacien-Kultur erneut auf. Im Moment kann die Hypothese, dass Neandertaler die fruehen Aurignacienfunde hergestellt haben, nicht widerlegt werden. Zudem kann die "Donaukorridor-Hypothese" fuer eine fruehe Kolonisierung Zentraleuropas durch den modernen Menschen - obwohl immer noch plausibel - nicht mehr anhand einer Verbindung von modernen Menschen und fruehem Aurignacien belegt werden. Mit den neuen Daten vom Vogelherd ist somit eine der meist verbreiteten Annahmen der Palaeoanthropologie, naemlich dass die kulturellen Innovationen des Aurignacien ausschliesslich mit modernen Menschen zu verknuepfen sind, fraglicher als je zuvor.

Die Autoren des Artikels "Unexpectedly recent dates for human remains from Vogelherd", Nature July 8, 2004 sind Nicholas J. Conard(1)
Pieter M. Grootes(2) und
Fred H. Smith(3).

(1) Abteilung fuer Aeltere Urgeschichte und Quartaeroekologie
Institut fuer Ur-und Fruehgeschichte und Archaeologie des Mittelalters
Universitaet Tuebingen,
Schloss Hohentuebingen,
72070 Tuebingen,
Germany
Tel.: (07071) 29-72416
Fax: (07071) 29-5714

(2) Leibniz Labor fuer Altersbestimmung und Isotopenforschung
Universitaet Kiel,
Max-Eyth-Str. 11-13
24118 Kiel,
Germany

(3) Department of Anthropology
Loyola University of Chicago
6525 North Sheridan Road
Chicago, IL 60626, USA

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Presse- und Oeffentlichkeitsarbeit
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