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„Es gibt keinen Anspruch auf ein konstantes System Erde!“

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.01.2013 15:06

Professor Reinhard Hüttl leitet das Deutsche Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam. Der Bodenkundler ist zudem Lehrstuhlinhaber für Bodenschutz und Rekultivierung an der BTU Cottbus. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Hüttl zusammen mit dem Wissenschaftsmagazin "Bild der Wissenschaft" ein Sonderheft zum Klimawandel. Im Interview befragte Holger Kroker den Geowissenschaftler zum Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit.

planeterde: Herr Hüttl, Sie sind Bodenkundler von Haus aus. Haben Sie umgeschult und sind Klimaforscher geworden?

Reinhard Hüttl: Nein, weder bin ich Klimaforscher noch ist das GFZ ein reines Klimaforschungszentrum. Aber alle Geowissenschaften leisten Beiträge zur Klimaforschung. Es ist meine und auch die Auffassung des Zentrums hier in Potsdam, dass das Klima nicht ein System an sich ist, sondern eine Schnittstelle, an der die verschiedenen Sphären (Geosphäre, Hydrosphäre, Atmosphäre, Kryosphäre und Biosphäre) des Systems Erde interagieren. Es wäre einfach viel zu kurz gesprungen, wenn man die damit befassten Wissensgebiete außen vor lassen würde. Dazu gehört eben die gesamte Breite der Geowissenschaften, einschließlich der Bodenwissenschaften bzw. der Geoökologie und der Geobotanik.

planeterde: Haben Sie denn bei sich und dem GFZ ein Defizit ausgemacht?

Sand- und Staubsturm in der Sahelzone. (Bild: J. Leyrer, NIOZ)Hüttl: Wir hatten letztlich drei Beweggründe: Einmal ging es darum, unsere Sicht und unsere Beiträge zum Thema Klimawandel darzustellen. Dabei handelt es sich um die geowissenschaftliche Perspektive, die davon ausgeht, dass Klimawandel im Sinne von Klimadynamik ein implizierter Teil der Entwicklung des Systems Erde ist. Das eine lässt sich ohne Kenntnis des anderen nicht adäquat erklären. Es gibt keinen Anspruch auf ein konstantes System Erde, und somit gibt es auch keinen Anspruch auf ein konstantes Klima. Die Erde hat einen Anfang und ein Ende. Was dazwischen passiert, ist eine Entwicklung, die wir nicht wirklich vorhersehen können, die aber – wie auch in der Vergangenheit – durch große, auch kurzfristige Veränderungen charakterisiert sein wird. Der zweite Punkt ist die Diskussion in der Öffentlichkeit, die sich darauf stützt, dieses Klima zu schützen. Wir sagen: Man kann nicht das Klima als solches schützen, sondern man muss den Menschen vor dem Klima schützen. Dieser Kontext ist also anders zu betrachten als beispielsweise die Begriffe Umwelt- oder Naturschutz. Die Vorstellung, man hätte mit der CO2-Reduktion sozusagen eine Stellschraube in der Hand, an der man nur etwas drehen müsste und man könnte damit einen bestimmten Klimazustand relativ stabil einstellen wie ein Thermostat bei einer Heizung, das ist wissenschaftlich nicht belegbar. Andererseits ist es aber richtig, dass der Mensch an der aktuellen Klimadynamik, am Klimawandel mitwirkt, und zwar signifikant durch die von ihm verursachten CO2-Emissionen. Indem er fossile Rohstoffe nutzt, hat er in kurzer Zeit riesige Mengen CO2 in die Atmosphäre gebracht, die ohne ihn dort nicht wären. Diese vom Menschen gemachte Veränderung ist mit Risiken und potenziellen Gefahren verbunden, die in unserem Wirtschaftssystem nicht über den Markt geregelt werden. Es ist deshalb Aufgabe der Politik, Regelwerke zur Reduktion von CO2 bzw. der gesamten Palette der anthropogenen Treibhausgase zu schaffen. Das muss allerdings international erfolgen, weil die Ausbreitung von CO2 über alle nationalen Grenzen hinweg verläuft. Aber neben diesem notwendigen Mitigationsansatz müssen wir drittens fragen: Wie können wir uns an den Klimawandel anpassen? Und da liefert gerade die Geoforschung durch Paläoklima-Studien hervorragende Ergebnisse. Diese Resultate ermöglichen Aussagen zu den Fragen: Wie war es denn in Brandenburg oder in anderen Regionen, als es schon einmal wärmer war, als es schon einmal kälter war, als es mehr geregnet hat, als es längere Trockenzeiten gab? Und dieses Lernen aus der Vergangenheit ist eine wichtige Basis für moderne Anpassungsmaßnahmen, genauso wie die Klimaforschung globale Klimamodelle herunter brechen muss auf regionale Kontexte. Denn der sich aktuell vollziehende Klimawandel bewirkt zwar global eine Erwärmung, aber regional ist er mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen verbunden. Und das vierte Motiv, wenn Sie so wollen, ist unsere Aufgabe als Helmholtz-Zentrum, eben auch in den Dialog mit der Gesellschaft, mit der Politik, mit der Wirtschaft, aber ebenso mit allen Bereichen der Wissenschaft zu kommen.

planeterde: Also ist das 2-Grad-Ziel der internationalen Klimapolitik ein bisschen zu starr?

Steinkohlekraftwerk Voerde. (Bild: Steag, Evonik)Hüttl: Dabei handelt es sich um eine politische Zielsetzung, die ich durchaus unterstütze. Es ist notwendig, Mitigationsstrategien voranzubringen – ohne Wenn und Aber. Nur  kann Deutschland das eben nicht allein leisten. In Europa können wir Vorreiter sein, aber global betrachtet, ist Deutschland im Moment lediglich mit 2,5 Prozent an den weltweiten anthropogenen CO2-Emissionen beteiligt. In der Tat haben wir in Deutschland die für das Jahr 2020 gesetzten Ziele praktisch bereits erreicht, aber global nehmen die Treibhausgasemissionen weiter zu. Das ist die eine, die politische Seite. Die andere, die wissenschaftliche Seite, also für die tatsächliche Erreichbarkeit des 2-Grad-Ziels eine wissenschaftliche Begründung zu finden, ist problematisch. Denn damit würde die Wissenschaft der Gesellschaft ein Versprechen geben, das Klima tatsächlich stabilisieren zu können. Und genau das lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Das wäre etwa so, als wenn der Arzt seinem Patienten versprechen würde: Wenn du aufhörst zu rauchen, bekommst du keinen Lungenkrebs. Die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, wird geringer, aber sie lässt sich nicht ausschließen. Es gibt Leute, die rauchen und bekommen trotzdem keinen Lungenkrebs, und es gibt Leute, die nicht rauchen, und gleichwohl an Lungenkrebs erkranken. Schon die anthropogenen Treibhausgasemissionen, die bislang in die Atmosphäre gelangt sind, werden Veränderungen verursachen. Und weil die damit verbundenen Prozesse nicht linear und rückgekoppelt verlaufen, wissen wir nicht wirklich, welche Mechanismen wir bereits angeschoben haben, welche bereits zurückwirken. Wir wissen auch nicht, welche wir zurückholen könnten, selbst wenn wir die relevanten Emissionen auf null stellten. Wir stehen vor dem Problem, bei nach wie vor unsicherem Wissen handeln zu müssen. Natürlich ist es die Aufgabe der Wissenschaft, möglichst sicheres Wissen zu etablieren, es ist aber auch die Aufgabe der Wissenschaft, auf die Unsicherheiten des bestehenden Wissens hinzuweisen.

planeterde: Nun hätten Politik und Öffentlichkeit gerne von Ihnen klare Aussagen. Können Sie das leisten?

Bohrturm auf der Anlage des CO₂-Speichers in Ketzin. (Bild: GFZ)Hüttl: Wir sind unterwegs, unsere diesbezüglichen Beiträge zu optimieren. Wissenschaft ist aber bei der Frage, was am Ende gesellschaftspolitisch zur Umsetzung kommt, nur ein Akteur. Hierfür benenne ich das Thema CCS, also Carbon Capture and Storage. Die ersten Veröffentlichungen vom IPCC, aus der Politik, aber auch aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Raum, priesen diesen technologischen Ansatz als eine Art Heilsbotschaft. Wir trennen das CO2, das bei relevanten Verbrennungsprozessen entsteht, ab, wir verflüssigen es und speichern es dann im geologischen Untergrund, und zwar in Formationen, von denen wir ausgehen, dass das CO2 dort sicher gespeichert werden kann. Dann hat eine Diskussion eingesetzt, die dieses Konzept auf den Kopf gestellt hat, und in Deutschland ist CCS heute faktisch Teufelszeug. Da lässt sich dann auch mit noch so guten wissenschaftlichen Fakten nichts mehr ausrichten. International wird dieser technologische Ansatz ganz anders gesehen, es wird intensiv geforscht bzw. diese Technologie befindet sich bereits in der Umsetzung.

planeterde: Was ist denn bei CCS in Deutschland falsch gelaufen?

Reinhard Hüttl beim Start von CO₂Sink. (Bild: GFZ)Hüttl: Ich glaube, ein Kernproblem dieser Debatten ist, dass wir die Dimensionen nicht richtig einordnen. CCS kann nicht das CO2-Problem lösen, aber es kann sehr wohl in bestimmten Zusammenhängen wichtige Beiträge leisten. Wir haben diese Technologie in unserem Pilotprojekt in Ketzin getestet und können nun sagen: Wenn wir die richtige Konstellation finden, funktioniert dieser Ansatz im Pilotmaßstab. Der nächste Schritt wäre jetzt gewesen, diese Technologie europaweit in verschiedenen Demonstrationsprojekten zu realisieren. In diesen Projekten wäre das CCS-Konzept in einem industriellen Maßstab geprüft worden. Diese Maßnahmen hätte man dann über eine Periode von 10 bis 15 Jahre beobachtet, um dann zu entscheiden, ob diese Technologie großflächig zum Einsatz kommen könnte, ob sie tatsächlich praxistauglich ist. Genau in dieser Phase vom Pilot- zum Demonstrationsmaßstab gab es eine öffentliche Diskussion, in die ganz verschiedene Argumente hineinspielten, beispielsweise die Probleme mit dem Atommülllager Asse, Probleme von Unternehmen, die in Schleswig-Holstein große Mengen von Kohlendioxid entsorgen wollten, weil sie das in ihrer Umgebung geologisch nicht realisieren konnten, ohne aber dazu eine gesellschaftliche Debatte – vor allem mit der lokalen Bevölkerung – geführt zu haben. Es gab auch kein Kompensationskonzept, das diese Speicherung für die davon betroffenen Kommunen, Einwohner bzw. Eigentümer honoriert hätte. Hinzu kamen Meldungen aus Kanada, wo angeblich aus einem CO2-Speicher Gas entwichen sei und zum Tod von Weidetieren geführt hätte. Also, es hat eine Reihe von Faktoren zusammengewirkt, die ich hier nur anekdotisch darlegen kann, die letztendlich dazu geführt haben, dass sich daraus ein sehr negatives Meinungsbild entwickelte. Und in unserer modernen Medienwelt hat dieser Mainstream eine solche Wucht erreicht, dass wir Wissenschaftler nicht mehr die Möglichkeit hatten, sachlich zu erklären, warum wir das erforschen und zu welchem Zweck das eigentlich zunächst gedacht war. Konkret vor Ort, nämlich in Ketzin bei unserem Pilotprojekt, hatten wir durchgängig eine konstruktive und positive Einschätzung. Denn wir haben der dort ansässigen Bevölkerung von Anfang an gesagt, was wir tun und was die damit verfolgten Ziele sind. Und die kommunalen Gremien, die das zu verantworten hatten und haben, unterstützen uns bis heute. Ohne diese Unterstützung wäre das Projekt auch gar nicht möglich gewesen. Richtig ist aber auch: Ketzin ist ein Pilotprojekt, Demonstrationsprojekte müssen eine andere Dimension haben.

planeterde: Und was sollte Wissenschaft besser machen, wenn Sie die CCS-Debatte rekapitulieren?

Das Areal des CO₂-Speicher-Pilotvorhabens CO2Sink in Ketzin bei Potsdam. (Bild: GFZ)Hüttl: Wichtig ist, dass das, was die Wissenschaft kommuniziert, auch wissenschaftlich belegt ist oder wir eben ganz transparent auf Wissenslücken und Unsicherheiten hinweisen. Vorauseilend Politikfähigkeit erreichen zu wollen und dann zurückrudern zu müssen, ist definitiv der falsche Weg. Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, evidenzbasierte Beiträge zu leisten. Und das heißt für die gesellschaftliche bzw. politische Debatte, aber auch für den Journalismus, der das transportieren muss, häufig längere Zeiten der Ungewissheit, in der meist unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze existieren. Diese Zeiten sind in der Regel durch wissenschaftlichen Streit, d.h. durch wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzungen, geprägt, bis wir dann früher oder später zu einem Konsens kommen. Es gibt in der Regel nicht den Zeitpunkt X, an dem die Forschung fertig ist und man ein für alle Mal entscheiden kann. Vielmehr handelt es sich um interaktive Prozesse, und alle Beteiligten müssen mit der Tatsache umgehen, dass ständig neues Wissen generiert wird, dass mitunter bislang als sicher eingestuftes Wissen auf den Kopf gestellt wird. Dieses neue Wissen muss notwendigerweise in die gesellschaftliche und dann auch in die politische Debatte und damit in Gesetze und Regelwerke einfließen. Und das bedeutet ein gerüttelt Maß an Selbstreflexion und Flexibilität auf allen Seiten. Aber das müssen wir wohl erst noch lernen, wenn wir wirklich eine Wissensgesellschaft werden wollen.