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Abrupter Bevölkerungswechsel in der Arktis

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.08.2014 13:44

Der amerikanische Doppelkontinent ist relativ spät von Sibirien aus besiedelt worden. Derzeit gehen Forscher von insgesamt drei Wellen aus, in denen die Vorfahren der indianischen Ureinwohner und der Inuit einwanderten. Paläogenetische Studien im nordamerikanischen und sibirischen Polarkreis haben jetzt aber ergeben, dass es noch eine vierte Einwanderungswelle gegeben haben muss und dass diese Menschen vor rund 700 Jahren spurlos verschwanden. In der aktuellen "Science" berichten die Genetiker über ihre Ergebnisse.

Kanadische Landschaft mit Inuit. (Bild: Science/Jette Bang Photos/Arktisk Institut)Insgesamt vier Mal sind in den vergangenen Jahrtausenden Völker über das Gebiet der Beringstraße von Sibirien nach Amerika eingewandert, so das Ergebnis einer genetischen Studie zur Besiedelungsgeschichte der Arktis. "Die Paläoeskimos sind mit keinem der amerikanischen Ureinwohnern verwandt und haben auch eine andere genetische Signatur als die heutigen Inuit und ihre Vorfahren", erklärte Maanase Raghavan, Paläogenetikerin am Zentrum für Geogenetik des dänischen Naturkundemuseums in Kopenhagen, "deshalb muss man dem derzeitigen Modell mit drei Einwanderungswellen eine vierte hinzufügen." Die Paläoeskimos werden mit verschiedenen Kulturen in Verbindung gebracht, deren jüngste, die Dorset-Kultur, vor rund 700 Jahren spurlos verschwand und durch die Vorfahren der heutigen Inuit, die Thule-Kultur ersetzt wurde. Die Ergebnisse von Raghavan und ihren Kollegen zeigen jetzt, dass nicht nur die Kultur, sondern auch die Menschen innerhalb von 100 oder 200 Jahren verschwanden — und das, nachdem sie rund 5000 Jahre lang den Polarkreis von Alaska bis Grönland besiedelt hatten. Zum Vergleich: In unserem Kulturkreis blühten vor 5000 Jahren die ersten Hochkulturen im Zweistromland und in Ägypten. Selbst der manchmal als die letzten Nachkommen der Dorset angesehene Stamm der Sallirmiut, der auf drei Inseln in der Hudson-Bucht lebte und Anfang des 20. Jahrhunderts ausstarb, war mit den Inuit verwandt. Seine Kultur hatte sich in der großen Isolation auf den Inseln offenbar stark von der der umgebenden Völker wegentwickelt.

Probennahme in Nordgrönland. (Bild: Science/Claus Andreasen)Die Forscher unter Leitung des dänischen Paläogenetikers Eske Willerslev vom Naturkundemuseum in Kopenhagen hatten Mitochondrien-DNA von insgesamt 158 Personen untersucht, darunter Überreste von Paläoeskimos, deren älteste 4000 Jahre alt waren und der urtümlichen Saqqaq-Kultur zugeordnet wurden. Dazu kamen Proben aus Sibirien, von Vertretern der Thule-Kultur und der heutigen Inuit aus allen Regionen der nordamerikanischen Arktis, Daten von Vertretern der Athabasken, der amerikanischen Ureinwohner, die den kanadischen Norden besiedelten, kamen hinzu und nicht zuletzt von den Wikingern, die unter Erik dem Roten Grönland und die östlichsten kanadischen Inseln erschlossen und für einige Jahrzehnte dort Siedlungen unterhalten hatten. Danach haben weder die Athabasken noch die Wikinger irgendwelche genetischen Beziehungen zu den Paläoeskimos. "Normalerweise zählt bei Völkern mit engerem Kontakt auch Sex und damit genetischer Austausch zu den Beziehungen", sagte Willerslev, "aber wir finden überraschenderweise keinen Hinweis auf eine solche Vermischung." Zwischen den Paläoeskimos und den Thule-Völkern gibt es zwar genetische Beziehungen, allerdings liegen diese Kontakte weiter als 4000 Jahre zurück. Willerslev und seine Kollegen gehen daher davon aus, dass die Vermischung noch auf sibirischem Boden geschah, als beide Ursprungspopulationen relativ eng benachbart wohnten. Jahrtausende vor Christi Geburt kamen dann die Vorfahren der Paläoeskimos auf Booten über die Beringstraße in die Neue Welt und verbreiteten sich über den gesamten amerikanischen Polarkreis bis nach Grönland. "Ihre Zahl dürfte aber nie mehr als 2000 oder 3000 Menschen betragen haben", so William Fitzhugh, Direktor des Zentrums für Arktische Studien am Smithsonian Museum in Washington. Sie siedelten in kleinen Dörfern mit vielleicht 20 oder 30 Bewohnern und jagten Karibus und lauerten hin und wieder Walrössern, anderen Robben oder kleineren Walen an Wasserlöchern im Eis auf.

Die Kunst große Wale und andere Meerestiere auf dem offenen Wasser zu jagen, beherrschten sie nicht, diese Expertise brachten erst die Vertreter der Thule-Kultur mit. Sie hatten auch die größeren und schnelleren Boote, bewegten sich an Land mit Hundeschlitten und kamen offenbar auch in viel größeren Gruppen. "Die Paläoeskimos waren für sie einfach kein Gegner", so Fitzhugh, "die Thule-Kultur verbreitete sich daher in atemberaubendem Tempo bis nach Grönland." Das ging so schnell, der Wechsel war so abrupt und einschneidend, dass manche Forscher sogar vermuten, dass die Neuankömmlinge die alteingesessenen Völker einfach auslöschten. "Wir haben zwar keine guten Indizien dafür, dass es zwischen den Dorset und den Thule zu Feindseligkeiten kam", so Fitzhugh, "aber wenn ein ganzes Volk mitsamt seiner Tradition und Kultur innerhalb von so kurzer Zeit verschwindet, wirft das natürlich Fragen auf." Diese Fragen kann die Genetik allerdings nicht mehr beantworten. Das ist Aufgabe der klassischen Archäologie.

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