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Abschied von der Kette

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.04.2011 09:20

Die Geowissenschaftler müssen sich wohl von einer weiteren aufsehenerregenden Theorie verabschieden. Die Einschlagserie an der Wende von der Trias zum Jura vor rund 200 Millionen Jahren hat es wohl nicht gegeben. Darauf deuten jüngste und sehr präzise Datierungen hin, die deutsche Geowissenschaftler für den französischen Rochechouart-Krater vorgelegt haben. Auf der EGU-Generalversammlung in Wien stellten sie ihre Ergebnisse vor.

Nördlinger Ries auf einer LuftaufnahmeVor rund zehn Jahren hatten Geologen aus den USA, Kanada und Großbritannien aus insgesamt fünf Einschlagskratern von der Ukraine bis nach North Dakota in den USA eine Kette von schweren Asteroidentreffern konstruiert, die die Erde innerhalb von geologisch kurzer Zeit habe einstecken müssen. "Es gab diesen Mehrfachtreffer auf der Erde in der geologischen Vergangenheit nicht", erklärte dagegen jetzt Martin Schmieder vom Institut für Planetologie der Universität Stuttgart auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien.

Der Geologe hat sich zusammen mit Kollegen aus Heidelberg, Neu-Ulm und Bordeaux den Krater im westfranzösischen Rochechouart vorgenommen. Rochechouart hat einem Krater von ursprünglich rund 50 Kilometer den Namen gegeben, den man nur noch mit geschultem Auge erkennen kann. Anders als das deutsche Nördlinger Ries ist der Rochechouart-Krater weitgehend abgetragen. "Dennoch ist die Gegend reich an speziellen Gesteinen, die sich während des Einschlags gebildet haben", berichtet Schmieder, "es gibt da rote, grüne, gelbliche, bräunliche Impakt-Gesteine, die sind teilweise dann auch bei den sehr hohen Temperaturen und Drücken, die während eines solchen Einschlags herrschen, aufgeschmolzen worden." An der Verteilung dieser Gesteine können Geologen die Ausdehnung eines Meteoritenkraters ablesen, selbst wenn er wie der von Rochechouart topographisch nicht mehr erkennbar ist.

Asteroideneinschlag Kreide-TertiärUnter den Impakt-Relikten suchten die Wissenschaftler obendrein solche, die sie mit der Argon-Argon-Datierungsmethode untersuchen können, die höchstmögliche Präzision erlaubt. "Wir haben im zentralen Bereich der Struktur nach spezifischen Gesteinen gesucht, die für eine solche Argon-Argon-Altersdatierung nützlich sind und haben dann ein relativ robustes und aussagekräftiges Alter von ziemlich genau 201 Millionen Jahren herausbekommen", so Schmieder. Das neu ermittelte Einschlagsalter fällt damit auf die ausgehende Trias und innerhalb der Fehlertoleranz auch auf die Wende zur anschließenden Jurazeit.

Bislang schwankten die Altersangaben für die Struktur westlich des für sein Porzellan bekannten Limoges zwischen 150 und 220 Millionen Jahren, mit eindeutigem Schwerpunkt auf einem triassischen Alter von rund 214 Millionen Jahren. Da auch die anderen Einschlagskrater - der Obolon-Krater 200 Kilometer südöstlich von Kiew, der Manicouagan-Krater in der ostkanadischen Provinz Québéc, der St.-Martin-Krater in der westkanadischen Provinz Manitoba und der Red-Wing-Krater in North Dakota in den USA - ungefähr dieses Alter aufwiesen, lag der verführerische Schluss von der Einschlagskette nicht fern. "Man sprach von einer Kraterkette, die sich quer über die Erde zog, über 4500 Kilometer Länge", so Schmieder. Ein Schwarm von Asteroiden oder vielleicht sogar Bruchstücke eines einzigen riesigen Himmelskörpers sollen damals, ähnlich dem Einschlag des zerbrochenen Kometen Shoemaker-Levy 9 auf dem Planeten Jupiter im Jahr 1994, die Erde getroffen haben.

Heute liegen zwischen der ukrainischen Struktur und dem Red-Wing-Krater in den USA gute 8500 Kilometer, doch in den vergangenen 200 Millionen Jahren haben die Kontinente gewaltige Strecken über die Erdoberfläche zurückgelegt. Zum Ende der Trias waren nahezu alle Landmassen noch in dem Riesenkontinent Pangäa vereint. Seine genaue Form und Lage ist weiterhin umstritten, doch gehen die meisten Geologen davon aus, dass Pangäa sich wie ein riesiges S von Norden nach Süden erstreckte. Und in diesem gewaltigen S lagen Europa und Nordamerika direkt nebeneinander. "Der Atlantik war zu der Zeit nur ein schmaler Meeresarm, der sich zwischen Westeuropa und Nordamerika gebildet hatte", beschreibt Schmieder die damalige Geographie. Westeuropa selbst war mehr ein Archipel größerer Inseln im Tethysmeer, einem Vorläufer des heutigen Mittelmeeres. Eine dieser Inseln bildet heute das französische Zentralmassiv, eine weitere liegt heute beispielsweise unter London, der südlichen Nordsee und Belgien.

20. Juni planeterde: Ries KraterAuch wenn die fünf Einschläge wohl nicht miteinander zusammenhängen, sondern in einem Zeitraum von einigen Millionen Jahren geschahen, jeder von ihnen verwüstete einen mehr oder weniger großen Teil der Erdoberfläche. "Als Faustregel nimmt man an", so Schmieder, "ab etwa 100 Kilometer Kraterdurchmesser haben wir es mit einem globalen Ereignis zu tun, und alles darunter wird sich eher halbglobal bis überregional auswirken." Rochechouart fällt mit seinen geschätzten 40 bis 50 Kilometer Durchmesser eher in die Regionalklasse, Einschläge wie der von Chicxulub vor 66 Millionen Jahren sind dagegen vermutlich global gewesen. Der Asteroid schlug damals einen Krater von 200 Kilometern Durchmesser auf der Halbinsel Yucatán in Mexiko und wird in Verbindung mit den Auswirkungen des Einschlags auf das Erdklima von einigen Wissenschaftlern für das Ende der Dinosaurier verantwortlich gemacht.

Dennoch bedeutete der Einschlag im heutigen Rochechouart eine verheerende Katastrophe für die Inselwelt des triassischen Westeuropas. Der auf einen Durchmesser von mindestens einem Kilometer geschätzte Himmelskörper aus Eisen schlug mit einer Geschwindigkeit von mehreren Dutzend Kilometern pro Sekunde im Westteil des Zentralmassivs ein, möglicherweise im seichten Meer, möglicherweise teilweise auch an Land. "Beispielsweise hat man in den Impakt-Gesteinen der Rochechouart-Struktur erhöhte Chlorwerte gemessen, was zumindest indirekt ein Hinweis darauf sein kann, dass Meerwasser im Spiel war", erklärt Schmieder.

Der Einschlag erschütterte die Erde wie kaum ein tektonisches Beben es könnte. Schmieder und seine Kollegen haben überschlägig ermittelt, dass die freigesetzte Energie der eines Bebens der Stärke 10 oder 11 auf der Richterskala gleichkommt. Zum Vergleich: Für das jüngste Tōhoku-Großbeben in Japan wurde zuletzt die Magnitude 9,1 angegeben, das bisher stärkste gemessene Beben erreichte eine 9,5. Von einer Stufe der Skala zur nächsten steigt die Energiefreisetzung auf das Dreißigfache, ein Zehnerbeben hätte damit das Dreißigfache des Tohoku-Bebens, ein Elferbeben sogar das 900-fache an Energie freigesetzt. "Man man kann sich als Mensch und in menschlichen Zeiträumen nicht ausmalen, wie ein solches Ereignis vonstattengeht", so Schmieder.

Da der Einschlag wohl auch ins Wasser des Tethysmeers traf, rechnen die Wissenschaftler auch mit einem gewaltigen Tsunami, der die westeuropäische Inselwelt verwüstete. "Das Interessante dabei ist, dass wir auf den Britischen Inseln, die zur damaligen Zeit etwa 700 bis 1000 Kilometer nördlich lagen, genau im fraglichen Zeitabschnitt von eben solche Erdbebenablagerungen und aber auch Tsunamiablagerungen finden", so Schmieder. In den kommenden Jahren wollen die Meteoritenforscher jetzt diese Ablagerungen genauer auf mögliche Spuren des Rochechouart-Einschlags untersuchen um das Szenario eines gewaltigen durch den Einschlag ausgelösten Tsunamis zu erhärten.

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