Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Abstrakte Bedrohung wird konkret

Abstrakte Bedrohung wird konkret

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 27.10.2008 10:01

Der Klimawandel droht, so warnt aktuell die Umweltschutzorganisation WWF, schneller und drastischer zu kommen, als es der jüngste IPCC-Bericht vorhersagt. Dahinter steht nicht der Alarmismus einer Unweltschutzorganisation, sondern der Erkenntniszugewinn der Wissenschaft seit dem Abschluss des jüngsten IPCC-Berichts. Je deutlicher aber die Anzeichen für eine künftige Verschlechterung vielerorts werden, desto stärker rücken diejenigen ins Blickfeld, die unter harscheren Umweltbedingungen leiden werden. Einer Konferenz der UN-Universität in Bonn beschäftigte sich jetzt mit dem Thema. Unter anderem wurden Forderungen laut, neben Flüchtlingen aus politischen oder religiösen Gründen auch solche anzuerkennen, die aus Umweltgründen ihre Heimat verlassen.

Land unter in den Straßenzügen von New OrleansAls Hurrikan Katrina im Sommer 2005 den US-Golfküstenstaat Louisiana bedrohte, löste er die größte Flüchtlingsbewegung in der Geschichte der Vereinigten Staaten aus: 1,5 Millionen Menschen brachten sich vor dem Sturm in Sicherheit. Heute, mehr als drei Jahre nach der Katastrophe, sind 300.000 Menschen immer noch in ihre frühere Heimat zurückgekehrt. Der Tsunami, der Weihnachten 2004 durch den Indischen Ozean rollte, schlug rund zwei Millionen Menschen in die Flucht, nach UN-Schätzungen verloren damals 1,5 Millionen Menschen ihr gesamtes Hab und Gut und ihren Lebensunterhalt, viele von ihnen sind ebenfalls noch nicht zurückgekehrt.

Zwei augenfällige Beispiele für durch die Umwelt ausgelöste Fluchtbewegungen - doch es sind nur diejenigen, die am stärksten ins Auge springen. Tatsächlich, so sagt das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, sind im vergangenen Jahr 25 Millionen Menschen durch Umweltereignisse der unterschiedlichsten Art zur Wanderung gezwungen worden. Die niedrigste Schätzung geht immer noch von 17 Millionen aus. Angesichts von 191 Millionen Menschen, die nach UN-Begriffen derzeit als Flüchtlinge oder Migranten gelten, scheinen beide Zahlen nicht allzu hoch zu sein. Doch es ist die Perspektive, die den Fachleuten Sorgen macht. „Die Umweltmigration wird zunehmen“, warnte Philippe Boncour von der Internationalen Migrationsorganisation IOM, einer zwischenstaatlichen Organisation, die sich seit 1951 um Flüchtlinge kümmert. Die am häufigsten zitierte Schätzung geht davon aus, dass im Jahr 2050 rund 200 Millionen Menschen aufgrund von Umwelteinwirkungen auf Wanderschaft gezwungen werden könnten, doch es werden Zahlen zwischen 50 und 700 Millionen genannt. Das wären zwischen 0,6 und 8 Prozent der dann auf neun Milliarden geschätzten Weltbevölkerung.

Austrocknende WasserpfützenDass die Schätzungen so stark voneinander abweichen, hat mit der Natur der Umwelteinflüsse zu tun. Abgesehen von Katastrophen wie dem Tsunami im Indischen Ozean oder Hurrikans wie „Katrina“ wirken sie schleichend.  „Sie verschärfen und verstärken eher andere Migrationsursachen“, berichtete Richard Kinley von der OSZE in Paris. Am Anfang von politischen Unruhen können Dürren oder Überschwemmungen stehen, die dann zu Hunger und danach zu Auseinandersetzungen führen, fliehen werden die Menschen allerdings vor Bürgerkrieg und Hunger und weniger vor Dürre oder Überschwemmung. „Kein Flüchtling macht sich wegen nur einer Ursache auf den Weg“, betonte Professor Janos Bogardi, Vizerektor der UN-Universität und Leiter des Instituts für Umwelt und menschliche Sicherheit.

Dennoch gibt es Forderungen, neben den anerkannten Fluchtgründen wie Krieg oder persönlicher Verfolgung auch Umweltverschlechterung zu etablieren. Schon bemühen sich die Bewohner zweiter Atolle in der Südsee wegen des steigenden Meeresspiegels um Flüchtlingsstatus und der gleichfalls in der Südsee liegende Staat Tuvalu hat den Kampf um Hilfen aus dem Norden für die Südsee zum Programm seiner UN-Mitgliedschaft gemacht. Sollten jüngere Modellrechnungen recht behalten, könnte im Pazifik der Ernstfall schneller kommen als gedacht. Inzwischen gehen einige Wissenschaftler davon aus, dass der globale Meeresspiegel bis 2100 eher um 1,20 Meter als um 60 Zentimeter steigen wird. Neben den Südseestaaten sind insbesondere die Karibik, Mittelamerika und Chinas Küsten bedroht. Im Nahen Osten und in Zentralasien drohen wegen schwindender und von Versalzung bedrohter Wasserreserven Auseinandersetzungen bis zu kriegerischen Konflikten. In denselben Weltregionen, dazu im Mittelmeerraum, in Australien, Afrika und in den USA bedroht Wüstenbildung die Landwirtschaft, die in Zukunft eher höhere als geringere Erträge bringen müsste, um die steigende Weltbevölkerung zu ernähren.

Banda Aceh nach dem TsunamiDiese Entwicklung wird Wanderungsbewegungen auslösen und der entwickelte Norden wird zunehmend das Ziel der Menschen sein. Schon heute, so berichtete Botschafter Salvino Busuttil, Berater des maltesischen Außenministers, seien 2,5 Prozent der maltesischen Bevölkerung Flüchtlinge, die das exponierte EU-Mitglied von der nahen libyschen Küste erreichten. Auf den italienischen Inseln Lampedusa und Pantelleria ist die Situation vergleichbar ernst. Der entwickelte Norden habe zu akzeptieren, dass er das Ziel der Flüchtlingsströme sei und entsprechende Konzepte zu entwickeln. „Durch das Mittelmeer kann man keine Mauer bauen“, betonte Busuttil.