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Alarmierender Befund

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:49

Hitzewellen, immer mehr Stürme und ansteigende Meeresspiegel - so sieht die aktuelle Prognose des UN-Expertenrates für den Klimawandel aus, die jetzt in Paris vorgestellt wurde. Über 500 Fachwissenschaftler aus der ganzen Welt haben an der Erarbeitung dieses Berichtes mitgearbeitet - und in Paris haben dann die Vertreter der UN-Mitgliedsstaaten um jede Formulierung gerungen. Herausgekommen ist dann ein Dokument, dem alle Beteiligten auch zugestimmt haben - eine Art weltweit anerkannter Bestandsaufnahme.

Der Bericht unterscheidet sich inhaltlich gar nicht so sehr von seinem Vorgänger, der 2001 herauskam. Damals wurden im Großen und Ganzen die gleichen Szenarien präsentiert wie jetzt in Paris. Doch etwas Entscheidendes hat sich in den vergangenen fünf Jahren getan. "2001 stand noch, dies sei wahrscheinlich, es war nur zu 66 Prozent sicher", erklärte die Atmosphärenchemikerin Susan Solomon vom US-Wetterdienst jetzt in Paris, "wir können nun sagen, es ist sehr wahrscheinlich und das heißt, wir haben eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent." Zahllose Messungen und immer leistungsfähigere Supercomputer haben den Befund fast zur wissenschaftlichen Gewissheit gemacht: Der Mensch dreht am Thermostat seines eigenen Treibhauses.

Insbesondere die Abgabe von Kohlendioxid, Methan und von Stickoxiden in die Luft verursacht den Treibhauseffekt, der das Klima verändert. Diese Treibhausgase absorbieren die Strahlung der Sonne und heizen so die Atmosphäre auf. Der CO2-Gehalt der Luft ist seit 1750 von etwa 280 auf 380 Teile pro Million angestiegen. Der Methangehalt der Luft hat sich in dieser Zeit von 715 Teilen pro Milliarde auf 1774 mehr als verdoppelt. Bei den Stickoxiden fiel der Anstieg moderater aus, sie erhöhten sich von 270 auf 319 Teile pro Milliarde. Die Zahlen mögen nicht nach viel klingen, doch es sind die höchsten Werte in den vergangenen 650.000 Jahren. Das haben Vergleiche mit antarktischen und arktischen Eisbohrkernen ergeben.

Vielerorts ist der Boden so ausgetrocknet, dass er tiefgründig aufreißt. Foto: UNCCD

Nun hat das Ökosystem Erde in seiner langen Geschichte schon ganz andere Kohlendioxidgehalte in der Atmosphäre gesehen und überlebt. Aber neben der absoluten Zahl ist es vor allem die Geschwindigkeit des Anstiegs, die den Wissenschaftlern Sorgen macht. "Wir haben seit Beginn der Industrialisierung das Erdsystem mit einer ähnlich hohen Störung belegt, wie es ein Eiszeitzyklus in 100.000 Jahren getan hat", schreibt der Klimaforscher Professor Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut für Meeres- und Polarforschung in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Derart rasante Änderungen können leicht die Anpassungsfähigkeit der Biosphäre überfordern. Nicht nur der Mensch wird daher stark betroffen sein, sondern das gesamte Leben auf der Erde.

Schon jetzt spüren wir die Auswirkungen. Die globale Mitteltemperatur hat sich in den vergangenen 100 Jahren um 0,74 Grad Celsius erhöht. Weil dies ein weltweit und über alle Jahreszeiten hinweg ermittelter Wert ist, stecken regional und jahreszeitenabhängig wesentlich höhere Steigerungen drin. Je nachdem, wie sich der Ausstoß von Treibhausgasen weiter entwickelt, wird sich das Klima drastisch ändern. Etwas widersprüchlich ist die bisherige Entwicklung bei den Gletschern und den polaren Eiskappen, doch für die Zukunft erwarten die Experten überall einen mehr oder weniger drastischen Schwund des Eises.

Das Packeis am Nordpol wird verschwinden. Foto: AWI

Die Veränderungen in der Atmosphäre und beim "ewigen" Eis lassen natürlich auch die Ozeane nicht unberührt. Zurzeit steigt der Meeresspiegel um 3,1 Millimeter pro Jahr, bis zum Ende des Jahrhunderts erwarten die Experten einen Anstieg um bis zu 59 Zentimetern. In einem online veröffentlichten Bericht für das Wissenschaftsmagazin "Science" bewertet eine Gruppe von Wissenschaftlern diese Schätzung jedoch schon als "konservativ", weil eher am unteren Rand der zu erwartenden Steigerung.

In allen bisherigen Prognosen, auch in den insgesamt sechs Szenarien, die jetzt der ICPP vorgelegt hat, liegt der Schwerpunkt der Klimaerwärmung auf der Nordhalbkugel. Schon jetzt verzeichnen die Meteorologen die stärksten Temperaturanstiege in der Arktis. Doch auch für Europa werden größere Veränderungen als die auf globaler Ebene erwartet. Umso lauter sind jetzt die Forderungen an die Staaten der Welt, mit dem Klimaschutz endlich ernst zu machen und die Reduktionsziele des Kyoto-Protokolls in der nächsten Runde der Bemühungen drastisch zu verschärfen. So fordert beispielsweise der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforscher, Professor Hans Joachim Schellnhuber, die deutsche Bundesregierung auf, eine Vorreiterrolle zu übernehmen.