Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen "Alles wird gut!"

"Alles wird gut!"

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.03.2012 17:38

Ein turbulentes Jahr hat das internationale Meerestiefbohrprogramm IODP hinter sich gebracht. Zuerst wurde der Wissenschaftsplan für die nächste Dekade, die Ende 2013 beginnt, verkündet, dann stand dieses Nachfolgevorhaben zur Jahresmitte 2011 überraschend zur Disposition. Mittlerweile haben sich die Partner wieder zusammengerauft. Ob sich in dem dann "Ocean Discovery Program" genannten Projekt etwas gegenüber der laufenden Periode ändert, und wenn ja, was, das zeichnete sich auf dem gemeinsamen Status-Kolloquium der deutschen Sektionen von IODP und seinem Festlands-Pendant ICDP in Kiel erst langsam ab.

Ein Bohrkern wird an Deck der "DP Hunter" geborgen."Alles wird gut!" Für diesen Satz erntete der deutsche IODP-Koordinator Jochen Erbacher deutlich hörbares Schmunzeln im Hörsaal des Kieler Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung. Der BGR-Geologe stellte die optimistische Prognose an den Beginn seines Rückblicks auf das wohl turbulenteste Jahr in der Geschichte der internationalen Tiefbohrprogramme. In den vergangenen zwölf Monaten hatten sich die drei großen Partner des Meerestiefbohrprogramms IODP erst zu einer gemeinsamen Planung für die kommenden zehn Jahre aufgerafft, vorgestellt im Juni des vergangenen Jahres unter dem Titel "Beleuchtung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Erde". Knappe acht Wochen später zerriss die US-amerikanische Förderagentur NSF den rund 100-seitigen Wissenschaftsplan in kleine Fetzen und teilte lapidar mit, man steige aus dem IODP-Folgeprogramm aus. Wieder ein paar Wochen später hatte man sich doch wieder zusammengerauft, um das Programm bis 2023 fortzuführen. 

Alex Wülbers ist Kurator des Bremer IODP-Bohrkernlagers (Bild: Hannes, Grobe, Marum/Uni Bremen)."Für die Wissenschaftler selbst wird sich nichts ändern", versprach Kiyoshi Suyehiro, als Chief Executive der internationalen Steuerungsgesellschaft IODP MI so etwas wie Vorsitzende des multinationalen und überall auf der Welt tätigen Bohrprogramms. Wie bisher sollen die drei Partner - Japan, die USA und als kleinster das euro-kanadische Ecord-Konsortium - gemeinsam die Vorschläge für Bohrprojekte prüfen und eine einheitliche Rangliste aufstellen. Wie bisher sollen die Bohrkerne der Expeditionen in den drei Kernlagern in den USA, Japan und Deutschland aufbewahrt und allen Interessenten zur Verfügung gestellt werden. 

Das japanische Bohrschiff Chikyu im Einsatz (Bild: Jamstec/IODP).Allerdings sollen die Bohrschiffe künftig wieder stärker unter der Regie der einzelnen IODP-Partner fahren, was offenbar vor allem ein Zugeständnis an die Geldgeber ist. "Besonders in den USA hat man gesagt: Wir wollen unsere Aktivitäten im IODP wieder mehr im nationalen Kontext sehen und auch vermitteln", erklärt Jan Behrmann, Professor für marine Geodynamik in Kiel. Die Auswirkungen auf die gemeinsam erstellte Projekt- und Prioritätenliste sind noch unklar, schließlich beginnt das Ocean Discovery Program erst im Herbst 2013.

Dann werden auch externe Geldgeber eine stärkere Rolle spielen. "Die Finanzierung reicht nicht, um jedes Schiff so einzusetzen, wie es von Betreiberseite her sinnvoll wäre", gesteht Kiyoshi Suyehiro. Wegen fehlender Mittel hatte die NSF schon für das laufende Jahr verfügt, dass die Joides Resolution nur noch sechs statt acht Monate eingesetzt wird. Der japanische Bohrgigant Chikyu wird regelmäßig für Industriezwecke vermietet und steht deshalb nur fünf Monate im Jahr zur Verfügung. Künftig sollen auch die wissenschaftlichen Bohrprojekte selbst für Interessenten außerhalb des IODP-Kreises geöffnet werden. Diese Art der Fremdfinanzierung dürfte den USA leichter fallen als Japan, denn das amerikanische Bohrschiff gilt unter Wissenschaftlern als das vielseitigere. Die Chikyu ist zwar leistungsfähiger und topmodern ausgestattet, doch für viele Vorhaben ist der Riese einfach zu groß und bei Betriebskosten von fast einer halben Million Dollar pro Tag zu teuer.

Bohrschiff "Vidar Viking" (im Vordergrund) eskortiert von zwei Eisbrechern (Bild: IODP).Interessant ist in dieser Konstellation die Position der Europäer. Sie steuern bislang rund ein Fünftel zum Budget des IODP bei, das in diesem Jahr immerhin bei 140 Millionen Dollar liegt. Von den teilnehmenden Wissenschaftlern allerdings kommt jeder dritte aus einem Mitgliedsstaat des Ecord-Konsortiums. "Meine Voraussage oder auch Befürchtung ist, dass sich das nach 2013 nicht mehr so darstellen wird", meint Jan Behrmann. Erbacher äußert sich wesentlich optimistischer: "Wir werden wahrscheinlich eine größere Rolle spielen, weil wir als Konsortium einig sind."

Probenauswahl an Bord der "Joides Resolution" (Bild: NSF/IODP).Der Zusammenschluss aus 17 europäischen Staaten und Kanada plant auch für das neue Programm eine Expedition pro Jahr, doch bei der Wahl der Vehikel will man sich offenbar mehr Freiheiten nehmen. Mangels eigenen Bohrschiffs mietete sich Ecord bislang bedarfsgerecht sogenannte "mission specific platforms" oder MSP, die ganz bewusst Gebiete abdecken sollten, die weder das amerikanische noch das japanische Bohrschiff erreichen. Paradebeispiel ist etwa der Polarozean, den die Europäer 2004 mit einem eisgängigen Bohrschiff und einer Eskorte aus schwedischen und russischen Eisbrechern aufsuchten. Mit Blick auf das neue Programm ändert sich der Tenor: "Wir werden diese eine Ecord-Expedition haben", so Erbacher, "aber für uns ist offen, ob das eine mit den MSP sein wird, oder ob wir eine Expedition mit einem der beiden Bohrschiffe kofinanzieren."

Eins haben die Europäer ihren Partnern jedenfalls voraus: die Erfahrung mit multinationalen Projekten. So könnte Ecord relativ leicht um weitere Partner ergänzt werden, die die Finanzbasis verbreitern. Gerade ist Polen als Partner aufgenommen worden, Israel steht vor der Tür. Darüber hinaus bietet Ecord den Europäern auch so etwas wie eine Auffangposition, falls das kommende Tiefbohrprogramm doch nicht zustande käme. Denn noch sind die Streitigkeiten nicht vollkommen beseitigt. "Was die NSF im vergangenen Sommer sagte", so Kiyoshi Suyehiro, "hält sie weiterhin aufrecht." 

Verweise
Bild(er)