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Am Rand der Überlastung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 07.12.2015 15:13

Die Menschheit verbraucht offenbar wesentlich mehr Süßwasser als man bisher annahm. Eine Bestandsaufnahme von Wissenschaftlern der Universität Stockholm in 100 großen Flusssystemen weltweit hat ergeben, dass die sogenannte Evapotranspiration, also der Wasserverlust durch Verdunstung und Blattatmung der Pflanzen, um gut 80 Prozent höher ist als gedacht. Dadurch wird der menschliche Süßwasserverbrauch gefährlich nahe an oder sogar schon über die so genannte Planetare Grenze getrieben, die die nicht nachhaltige Verschwendung einer wichtigen Ressource markiert.

Die Menschheit verbraucht durch Stauseen und Bewässerungen viel mehr Wasser als gedacht. (Foto: Science/Fernando Jaramillo)"Wir hatten in regionalen Studien den Hinweis gefunden, dass der Effekt von Flussregulierungen und Bewässerung auf die Evapotranspiration wesentlich größer als gedacht war", erklärt Georgia Destouni, Professorin für Hydrologie an der Universität Stockholm, "und haben das dann auf globaler Ebene überprüft." Die Menschen graben schon seit Jahrtausenden Kanäle, um ihre Felder künstlich zu bewässern, aber seit gut 150 Jahren stauen sie auch immer mehr Flüsse auf, um Wasser für trockene Zeiten zu speichern oder Energie zu gewinnen. Sowohl die künstlichen Seen als auch die zusätzlichen Ackerflächen verstärken die Abgabe von Wasser an die Atmosphäre, die als Evapotranspiration zusammengefasst wird. Destouni und ihr Kollege Fernando Jaramillo untersuchten für die weltweite Übersicht nicht die Modellrechnungen, die den globalen Wasserkreislauf abschätzen, sondern setzten auf konkret erhobene Daten in ganz konkreten Flusssystemen. "Unser Hauptproblem bestand darin, diese Informationen für eine globale Analyse zu gewinnen", meint Jaramillo.

Staudamm in der Schweiz. (Foto: Science/Fernando Jaramillo)Die beiden Forscher begannen mit 2000 Flusssystemen weltweit und endeten mit den 100 am besten dokumentierten, die sie für ihre Studie heranzogen. "Über sie hatten wir für das gesamte 20. Jahrhundert Klimadaten wie Niederschlag und Temperatur", so Jaramillo, "aber auch Informationen über den Bau von Stauseen und Dämmen und die Entwicklung der Bewässerungssysteme." Unter den berücksichtigten Flusssystemen waren alle großen in Europa und Nordamerika und viele wichtige in Asien und Afrika. Aber aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie von der indischen Halbinsel gibt es kaum ausreichende Daten.

Künstlich bewässerte Reisfelder in Indonesien. (Foto: Science/Fernando Jaramillo)Dennoch glauben die beiden Wissenschaftler, dass ihre Erhebung repräsentativ ist. Große Fehlerbalken sollen die statistischen Unzulänglichkeiten ausgleichen. So haben Destouni und Jaramillo einen mittleren Wasserverbrauch durch Stauseen und künstliche Bewässerung von 3563 Kubikkilometer im Jahr ermittelt, sagen aber, dass dieser Verbrauch um 979 Kubikkilometer oder gut 27 Prozent nach oben oder unten schwanken kann. Die Auswirkungen auf die Belastung der Frischwasservorkommen der Erde sind alarmierend. Der Wasser-Fußabdruck, der den gesamten Konsum der Menschheit abbildet, steigt im Mittel um 18 Prozent auf 10668 Kubikkilometer im Jahr. "Der Gesamtverbrauch der Menschheit an Frischwasser aus Flüssen, Seen und Aquiferen übersteigt mit 4370 Kubikkilometer im Mittel die Planetare Grenze, für die ein Wert 4000 Kubikkilometer vorgeschlagen wurde", warnt Destouni.

Mit "Planetaren Grenzen" versuchen Ökologen in zehn für die Stabilität des Erdsystems kritischen Prozessen zu messen, wie stark die Menschheit bestimmte Ressourcen nutzen kann, ohne den Planeten Erde nachhaltig zu schädigen. In der jüngsten "Grenzziehung", die am 13. Februar 2015 in "Science" veröffentlicht wurde, werden 4000 Kubikkilometer für den Frischwasserverbrauch angegeben. In dem damaligen Bericht wurde der Wasserkonsum als einer der drei Aspekte geführt, in denen die Menschheit noch nicht eine kritische Nutzung erreicht hat. Haben Jaramillo und Destouni mit ihrer Erhebung recht, wäre es auch damit vorbei. "Unsere Untersuchung ist ein Alarm, dass wir mehr Forschung über den Wasserkonsum brauchen, um eine zutreffende Einschätzung zu bekommen", betont Fernando Jaramillo.