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Anpassung dringend nötig

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 10:50

Als der Internationale Klimafolgenrat IPCC vor zwei Jahren seine jüngste Prognose für den Klimawandel vorstellte, war das Echo in der Öffentlichkeit riesengroß. Das Wissenschaftlergremium konzentrierte sich damals vor allem auf die Veränderungen im Weltklimasystem selbst. Seitdem bemüht man sich, diese eher abstrakten Entwicklungen konkreter zu fassen, ihre Auswirkungen auf die Ökosysteme und den Menschen zu beschreiben. Es wird immer klarer: Die Menschheit steuert auf eine ausgesprochen ungemütliche Phase ihrer Geschichte zu, falls sie nicht gleichermaßen energisch in Vermeidungs- und Anpassungsstrategien investiert.

LandwirtschaftKlimaforscher von den Universitäten Stanford und Washington dringen zum Beispiel in „Science“ darauf, schleunigst und mit erheblichen Mitteln in die Suche nach Nahrungspflanzen der Zukunft einzusteigen. Anderenfalls, so ihre düstere Prognose, könnte rund die Hälfte der Weltbevölkerung 2100 von Nahrungsmangel bedroht sein. „Die Ernteverluste, die wir durch den Temperaturstress erleiden werden“, so David Battisti, Professor für Klimaforschung an der Universität von Washington in Seattle, „werden nahezu so groß sein wie die Ertragssteigerungen, die wir der grünen Revolution verdanken.“ Durch eine Kombination aus Kunstdünger und immer besseren Hochleistungssorten hat die Menschheit in den vergangenen 50 Jahren den Ernteertrag je Hektar mehr als verdoppelt, in manchen Gegenden sogar mehr als verdreifacht.

Sollten diese Erträge künftig schwinden, drohte allerdings ein wahres Katastrophenszenario. Schließlich wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2100 auf rund neun Milliarden Menschen anwachsen, und diese verglichen mit heute zusätzlichen drei Milliarden Menschen werden vor allem in den Ländern der Dritten Welt wohnen. „Ihre Bevölkerung wird sich verdoppeln“, so Battisti, „und gleichzeitig werden sie am stärksten von der klimabedingten Agrarkrise getroffen werden.“ Denn in vielen Gebieten der Tropen und Subtropen leiden die Pflanzen in extremen Sommern heute schon unter drastischem Hitzestress. Der Extremsommer 2003 als Beispiel: Nach Angaben des UN-Umweltprogramms UNEP sank die Maisproduktion im europäischen Mittelmeerraum deutlich: in Spanien um 15 Prozent, in Italien um 25 und in Frankreich um 30 Prozent. Beim für die Viehzucht wichtigen Grünfutter sah die Bilanz noch schlimmer aus: Spanien minus 30, Italien minus 40, Frankreich gar minus 60 Prozent.

Austrocknende WasserpfützenDa Sommer wie der von 2003 zum Ende des Jahrhunderts hin eher die Norm als die Ausnahme sein werden, sind die Aussichten nicht gut. Battisti und seine Kollegin Rosamund Naylor, die das Ernährungssicherheitsprogramm in Stanford leitet, gehen davon aus, dass selbst die niedrigsten Sommertemperaturen in dem breiten Band zwischen der europäischen Mittelmeerküste im Norden und Australiens Südküste im Süden mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit über den höchsten derzeit gemessenen Werten liegen werden. Doch schon heute sind die Temperaturen in den Tropen und Subtropen beunruhigend nahe an der Grenze, bis zu der Pflanzen optimal wachsen und Ertrag bringen. Wird sie überschritten, geht die Ernte zurück, und zwar drastisch. „Wir rechnen für jedes Grad, das wir über den bislang durchschnittlichen Sommertemperaturen liegen, mit zehn Prozent Ernteausfall“, so Battisti. Was das für die Länder Afrikas bedeutet, das komplett in der bedrohten Zone liegt, kann man sich ausmalen.

Die beiden Forscher haben die Modelle ausgewertet, die auch der IPCC für seine Vorhersagen benutzt, und dann deren Temperaturvorhersagen mit realen Hitzewellen der Vergangenheit verglichen. Die haben den Vorteil, dass nicht nur die physikalischen Wetterbedingungen bekannt sind, sondern auch deren Auswirkungen in der Biosphäre. Die Ausfallquote reicht je nach Klimamodell von 20 bis 40 Prozent. Zu den analysierten Extremsommern gehörte der europäische von 2003, aber auch der ukrainische Katastrophensommer von 1972, als dort die Getreideernte so schlecht ausfiel, dass der Sowjetunion massiv Weizen aus dem Westen importieren musste und damit den gesamten Getreideweltmarkt durcheinander brachte. „Damals konnte man von anderen Staaten importieren“, so Naylor, „aber in der Zukunft werden alle betroffen sein, falls wir nicht unsere Nahrungsmittelversorgung überdenken.“ Selbst die vom Klimawandel eher begünstigten höheren Breiten können den Verlust nicht ausgleichen. „Wir werden einen Nettoverlust erleiden, wenn wir fortfahren wie gehabt“, warnt David Battisti, „immer vorausgesetzt, alles andere bleibt wie bisher, so dass wir beispielsweise genug Wasser haben.“

WüstenbildungDas aber ist die große Frage. Allein der Faktor Temperaturerhöhung führt schon zu Ernteeinbußen, die schlimmstenfalls alle Errungenschaften der vergangenen 50 Jahre zunichte machen. Alles, was sonst noch die landwirtschaftlichen Erträge schmälern könnte, käme noch hinzu. Zu diesen zusätzlichen Bedrohungen zählen an allererster Stelle Wasserverknappung und Bodenverschlechterung durch Übernutzung und Wüstenbildung. David Battisti bereiten daneben Schädlinge und Krankheitserreger ziemliche Kopfschmerzen. Es ist absehbar, dass Bakterien, Pilze und Viren unter steigenden Temperaturen besser gedeihen werden. Schon jetzt warnen Fachleute vor der Gefahr einer verheerenden, weltweiten Pflanzenseuche, weil sich die moderne Landwirtschaft zu stark auf einige wenige Hochleistungssorten konzentriert und beim Auftreten eines Supererregers wehrlos ist. Dieses Risiko könnte sich in einer wärmeren Welt drastisch erhöhen.

Brandrodung in BeninDies ist für Naylor und Battisti das wichtigste: Konkrete Anpassungsstrategien an eine mehr oder weniger stark ausfallende Klimaerwärmung auszuarbeiten und durchzuführen. „Wir könnten auch versuchen, den Wandel zu vermeiden“, so David Battisti, „aber bislang waren wir darin so schlecht, dass wir uns dringend um Anpassungswege kümmern sollten.“ Und weil es Jahrzehnte dauern kann, bis hitzeangepasste Hochleistungssorten auf die Äcker kommen, die den Vergleich mit den heutigen aushalten, müsse man, so die Mahnung der beiden Forscher, jetzt anfangen, um in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gewappnet zu sein.

TröpfchenbewässerungDas Problem müsse auf mehreren Feldern gleichzeitig angegangen werden, so Battisti. Einmal die Pflanzen selbst: Hitze- und trockenheitstolerante Sorten müssten gezüchtet werden, durchaus auch mit Mitteln der Genmanipulation. „Es wird Jahre dauern, große Veränderungen zu erzielen“, so Battisti, daher sei keine Zeit zu verlieren. Auch der Umgang mit Wasser müsse verbessert, angepasste Anbaumethoden entwickelt werden. All das koste enorm viel Geld, „und derzeit sieht es nicht so aus“, so Battisti, „als ob die Menschen in den betroffenen Gebieten dieses Geld haben werden“. Gefragt sind daher die wohlhabenden Industriestaaten, das ist für Battisti sonnenklar: „Es wäre unethisch, wenn wir denjenigen nicht hülfen, die andernfalls in wesentlich schlimmerer Lage als heute wären.“

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