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Anzeichen für Megatsunami

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 03.12.2014 17:37

Der US-Bundesstaat Hawaii mitten im Pazifik gehört zu den am stärksten von Tsunamis bedrohten Gebieten der Erde. Im Südosten, Nordosten und Nordwesten liegen die Bruchzonen des pazifischen Feuerrings, an denen sich schwerste Erdbeben ereignen können. Der Archipel muss daher aus nahezu jeder Himmelsrichtung mit zerstörerischen Wellen rechnen. Eine Simulation ergab jetzt, dass diese Wellen höher ausfallen können, als bislang angenommen.

Der 1. April 1946 steht für die größte Flutkatastrophe des US-Bundesstaates Hawaii. An diesem Tag traf ein Tsunami aus Richtung der Alëuten mit bis zu 18 Meter hohen Wellen den Archipel und kostete 169 Menschen das Leben. Die Wellen verursachten Schäden in Höhe von damals 26 Millionen Dollar, was etwa 320 Millionen in heutigen Dollar entspricht. Seither beziehen sich alle Tsunamischutzpläne auf dieses Ereignis. Es scheint allerdings wahrscheinlich, dass der Blick auf die kurze Geschichte unter amerikanischem Einfluß das Risiko verzeichnet und die derzeitigen Schutz- und Evakuierungspläne unzureichend sind.

Bild von Hilo auf Hawaii Island in dem Moment, als am 1. April 1946 die Tsunamiwelle an Land kommt. (Bild: USGS)Forscher der Universität von Hawaii haben in Modellierungen herausgefunden, dass irgendwann zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert eine wesentlich größere Welle die Inselgruppe getroffen haben muss. Spuren davon wurden bereits 2001 in einer zusammengebrochenen Höhle auf der nördlichen Insel Kauai gefunden, rund 100 Meter vom Strand entfernt und 7,2 Meter über dem Meeresspiegel. Rhett Butler, David Burney und David Walsh haben jetzt den Tsunami modelliert, der diese Höhe erreicht haben könnte. Er muss etwa drei Mal höhere Wellen produziert haben, als der von 1946, der an dieser Stelle drei Meter hoch aufgelaufen war. Als Auslöser ist ein Megabeben von Magnitude 9 oder mehr im Graben vor den östlichen Alëuten nötig. Beben dieser Stärke hat es in den vergangenen 100 Jahren eine gute Handvoll im pazifischen Raum gegeben. Doch vor der Inselkette, die sich von Alaska nach Kamtschatka hinzieht, wurde ein so starkes Beben nicht registriert. "Das hat man allerdings auch von der Nordküste Honshus gesagt", so Rhett Butler, "bis sich dann 2011 das Tohoku-Beben mit Magnitude 9 ereignete." Ein 9er-Beben würde einen Versatz der Krustenplatten um 35 Meter bedeuten und könnte eine genügend hohe Meereswelle in Gang setzen, um an der Südostküste von Kauai 10-Meter-Wellen bis zu 100 Meter landeinwärts zu schicken.

Ein solcher Tsunami würde nicht nur auf Kauai tief ins Landesinnere eindringen, sondern auch weite Gebiete auf der inzwischen dicht besiedelten Hauptinsel treffen. Ausläufer kämen an der nordamerikanischen Westküste von British-Columbia bis Südkalifornien mit durchschnittlich drei Meter hohen Wellen an. In Port San Luis, auf einer Landspitze nördlich von Los Angeles wären es sogar bis zu neun Meter. Auf Hawaii schauen sich die Behörden daher ihre Notfallpläne genauer an. "Die Änderungen an den Überflutungskarten sind erheblich", so Butler gegenüber dem "Scientific American", "in einigen Fällen müssen die Evakuierungszonen doppelt so weit ins Landesinnere reichen wie bisher."

 Ausbreitungsmodelllierung für Tsunamis, die von diversen Bruchzonen im Nordpazifik ausgehen. (Bild: USGS)Die Ergebnisse der hawaiianischen Geologen sind nicht nur reine Modellierkunst. Schließlich gibt es die Ablagerungen auf Kauai - und auch auf einer der Alëuten-Inseln finden sich entsprechende Spuren. Auf der nur knapp 17 Kilometer großen Sedanka-Insel hat man nach Anzeichen von früheren Tsunamis gesucht und nicht weniger als fünf identifizieren können, die zwischen 1600 vor Christus und 1957 das Alëuten-Eiland trafen und dabei bis zu 18 Meter hohe Wellen erzeugten. Einer fällt ins 16./17. Jahrhundert und würde damit zu den Ablagerungen auf Kauai passen. Falls dessen Auslöser ein Megabeben war, könnte sich rein rechnerisch wieder genügend Energie aufgebaut haben, denn im Alëuten-Graben bewegen sich die Platten mit rund sieben Zentimeter pro Jahr gegeneinander. Rhett Butler und seine Kollegen plädieren daher für einen Ausbau der Frühwarnsysteme im Nordpazifik. Die Wellen brauchen 4,5 Stunden, um in Hawaii einzutreffen; die Behörden rechnen mit mindestens 3 Stunden Vorwarnzeit, um Evakuierungen durchzuführen. Eine schnelle Tsunamiwarnung ist daher wichtig. Schon jetzt sind daher einige Tsunami-Bojen vor den Alëuten stationiert, doch sie sind wegen der harschen Bedingungen häufig außer Betrieb. Die drei Geowissenschaftler fordern daher die zusätzliche Installation von Bojen der jüngsten Generation.