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Auf brodelndem Grund

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 12:23

Ihre erste Kolonie im westlichen Mittelmeer gründeten die Griechen im Golf von Neapel. Auf Ischia, in Kyme und schließlich im heutigen Neapel wurden seit etwa 770 vor Christus nacheinander Städte gegründet - immer im drohenden Schatten des Vesuvs. Und der ist beileibe nicht das größte Risiko. Unmittelbar daneben schlummert der Supervulkan der Phlegräischen Felder. Das günstige Klima und die ideale Lage machen bis heute die Bedrohung durch Vulkanausbrüche und Erdbeben offenbar mehr als wett. Mit Überwachungssystemen und Tiefbohrungen beobachten Wissenschaftler daher beide Ungeheuer.

Bewohnter SupervulkanIm Ballungsraum Neapel wohnen nach OECD-Angaben 3,3 Millionen Menschen Nach Rom und Mailand ist es die drittgrößte Agglomeration Italiens. Dabei tanzen die Stadt und ihre Bewohner nicht nur auf einem Vulkan. Nordwestlich des Vesuvs schlummert ein veritabler Supervulkan, die Phlegräischen Felder, dessen jüngster Ausbruch 15.000 Jahre zurückliegt. Von beiden Vulkanen ist der Vesuv nur der scheinbar bedrohlichere. Er spuckt immer wieder Feuer, Lava und Asche und bescherte Kampanien 79 nach Christus die größte Vulkankatastrophe in historischer Zeit, bei der die beiden römischen Städte Pompeji und Herculaneum vernichtet wurden. Doch der eigentliche Höllenschlund sind die Phlegräischen Felder, sie köcheln jedoch seit 15.000 Jahren eher auf kleiner Flamme vor sich hin: Der einzige größere Ausbruch in historischer Zeit ereignete sich 1538 nahe Pozzuoli. „Das war eine untergeordnete, sehr kleine Eruption, aber sie verursachte dennoch Schäden und Todesopfer“, erklärt Giuseppe de Natale, Vulkanologe am Osservatorio Vesuviano in Neapel. Damals wurde das Dorf Trepergole zerstört, aber wirklich beunruhigt zeigte sich niemand. Schon im Jahr darauf kam der Vizekönig von Neapel zu der glanzvollen Einweihung eines Palastes nach Pozzuoli.

Die Phlegräischen Felder gehören in die Kategorie Supervulkan, die Berge wie den Ätna oder den Vesuv zu kleinen Qualmlöchern reduziert. „Sie sind für den verheerendsten Vulkanismus verantwortlich, den es auf der Erde gibt“, betont Giuseppe de Natale. Zu diesem Typ gehören auch Santorin, Long Valley im östlichen Kalifornien und vor allem Yellowstone. Dessen berühmte Geysire sind nur schwache Zeichen des gewaltigen Ungeheuers, das im Untergrund schlummert. Glücklicherweise sind die Supervulkane in historischer Zeit weitgehend ruhig geblieben. Der Rabaul in Neu-Guinea rührte sich Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und legte die gleichnamige Provinzhauptstadt in Schutt und Asche, Santorin explodierte 1680 vor Christus und soll für eine ganze Reihe welthistorischer Umbrüche - vom Untergang der minoischen Kultur auf Kreta bis zum Ende des Mittleren Reiches in Ägypten - verantwortlich gewesen sein. Die anderen Supervulkane haben sich ruhig verhalten, solange die Menschheit zurückdenken kann.

Doch die Phlegräischen Felder haben mindestens genauso großes Zerstörungspotential wie Santorin. Ihr jüngster großer Ausbruch vor 39.000 Jahren war der gewaltigste im Mittelmeerraum in den vergangenen 200.000 Jahren. Er verwüstete ganz Süditalien und begrub Kampanien unter einer dicken Tuffschicht. Vor 15.000 brachen die Felder erneut aus und spuckten Dutzende von Kubikkilometern Gestein in die Luft, es war die vorerst letzte große Eruption des Supervulkans. Der berühmte gelbe neapolitanische Tuff, aus dem die Stadt größtenteils erbaut wurde, entstand damals. So glimpflich wie 1538 muss es daher nicht immer abgehen. Die 80.000-Einwohner-Stadt Pozzuoli liegt im Zentrum der Caldera von vor 39.000 Jahren. Sie hat einen Durchmesser von rund sechs Kilometern und ihre südwestliche Hälfte bildet den Golf von Pozzuoli. Der Nordwesten des Riesenkraters liegt dagegen an Land und ist dicht besiedelt.

Phlegräischen Felder„Die Region gehört zu denjenigen mit dem größten Vulkanrisiko weltweit“, so de Natale, „denn ein großer Teil des Ballungsraums Neapel liegt direkt auf der Caldera.“ Unmittelbar betroffen von einer Eruption wären heute rund eine Million Menschen. Das Risiko, in dem sie leben, ist durchaus nicht theoretisch. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts hob sich der Boden im Hafen von Pozzuoli. „Von 1982 bis 1984 hob sich der Boden um 1,8 Meter“, erklärt Giuseppe de Natale, „so dass die Stadt evakuiert wurde.“ Geschehen ist in damals nichts, die Erde senkte sich wieder. Aber wegen der langen Ruhezeiten können Vulkanologen kaum abschätzen, wann der Vulkan wieder ausbricht. Wenn er das allerdings tut, werden die Folgen für Kampanien und möglicherweise die gesamte Apenninhalbinsel verheerend sein.

Weil die Phlegräischen Felder mitten in einem Ballungsraum liegen, betrachten Vulkanologen wie Giuseppe de Natale sie als perfekt geeignet, mehr Informationen über die Supervulkane dieses Typs zu gewinnen. Ein Vorhaben des Internationalen kontinentalen Tiefbohrprojektes wird im kommenden Jahr anlaufen und zwei Tiefbohrungen sozusagen ins Herz des Vulkans absenken. Eine Bohrung wird in Bagnoli auf dem Gelände eines alten Stahlwerks am südlichen Rand der Caldera bis in 2000 Meter Tiefe abgesenkt. „Mit ihr wollen wir die chemischen und physikalischen Charakteristika des Gesteins in der obersten Schicht der Caldera untersuchen“, so de Natale. Die zweite Bohrung nördlich von Pozzuoli soll dagegen bis in vier Kilometer Tiefe vordringen. „Das wird die wirklich wichtige sein, mit der wir die Tiefe der Magmakammer bestimmen können und auch das Zusammenspiel von Magma und den Grundwasserleitern, das den Charakter des Calderen-Vulkanismus und seiner Eruptionen prägt“, betont der Vulkanologe. In beiden Bohrungen sollen ausgefeilte Beobachtungssysteme installiert werden. „ Die werden fest installiert und sollen über Jahrzehnte hinweg Informationen liefern“, betont der Neapolitaner. Gleichzeitig sollen die Tiefbohrungen das bisherige Überwachungsnetz des Supervulkans durch Informationen aus der Tiefe ergänzen.

Mit einer Tiefe von vier Kilometern rücken die Wissenschaftler dem Kern des Supervulkans ziemlich nahe. „Wir glauben derzeit, dass es in einer Tiefe von sechs, sieben oder acht Kilometer eine große Magmakammer gibt“, so de Natale. Auf seismischen Messungen habe man sie freilich noch nicht gesehen, weil das Magma offenbar beinahe fest sei und sich daher kaum vom umgebenden Gestein abhebe. Abgekühlt sei es wohl kaum, aber die vergangenen Eruptionen könnten zu einem Gasverlust im Magma geführt und es so verfestigt haben. „Experimente haben ergeben, dass das Magma erstarrt, wenn man den Anteil von Wasserdampf und anderen Gasen um zwei oder drei Prozent verringert“, so de Natale. Dadurch kann sich sogar Magma von 1000 Grad und mehr Temperatur verfestigen.

Das Tiefenobservatorium in Pozzuoli könnte jetzt helfen, die Fragen rund um die Magmaspeicher der Phlegräischen Felder zu klären. Eine italienisch-französische Arbeitsgruppe hatte bereits im Sommer seismische Messungen durchgeführt, die auf eine ausgedehnte magmaführende Schicht in rund neun Kilometern Tiefe hindeuten. Nach den Abschätzungen der Wissenschaftler um Aldo Zollo von der Universität Neapel sind dort mindestens 30 Kubikkilometer geschmolzenes Gestein vorhanden. Es sei, so die Wissenschaftler, überdies nicht ausgeschlossen, dass dieses Reservoir sowohl die Phlegräischen Felder als auch den Vesuv speist, obwohl die Laven der beiden Vulkane völlig unterschiedlich seien. Möglicherweise sei die Magmaschicht in sich bereits differenziert, was man auf den Seismogrammen nicht erkennen könne, möglicherweise werde das Magma aber auch beim Aufstieg durch die obersten Erdschichten verändert und erhalte so seine verschiedenen Signaturen.

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