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Auf Kufen zum Kaiserpalast

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.11.2013 16:45

Die chinesischen Herrscher scheuten zur Ausschmückung ihrer nördlichen Hauptstadt Peking keinen Aufwand. Für ihren Palast ließen die Ming-Kaiser viele Dutzend Tonnen schwere Steinblöcke aus dem rund 70 Kilometer entfernten Fangshan-Gebirge herantransportieren. Obwohl es damals bereits Räder gab, nutzte man Schlitten, die im Winter auf eigens angelegten Eisbahnen gezogen wurden. In den Abhandlungen der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften erklären Ingenieure aus China und den USA, wie genau die Transporte abliefen und warum Schlitten den Wagen überlegen waren.

Die Verbotene Stadt im Pekinger Smog. (Bild: gmoorenator/Flickr)Peking wurde mitten in die große Tiefebene im Nordosten des Landes gebaut, strategisch günstig nahe der Nordgrenze gelegen und kommerziell bedeutend als Ausgangspunkt der Seidenstraße. Doch für die monumentale Prachtenfaltung der Kaiser, die sie spätestens seit den Großkhanen der Mongolen als Haupt- und Residenzstadt nutzten, war die Lage ungünstig. Die Tiefebene besteht aus Sediment, die nächsten Steinbrüche liegen mindestens 70 Kilometer im Südwesten in den Fangshan-Bergen. Dennoch haben die Herrscher seit dem 16. Jahrhundert einen der größten Palastbezirke der Erde geschaffen. Aus dem berühmten Marmor der Fangshan-Berge ließen die Kaiser der Ming-Dynastie zahllose gewaltige Steinblöcke brechen, um sie in der Verbotenen Stadt einzusetzen. Der Transport von den Bergen zur Baustelle wurde offenbar im Dezember und Januar, den kältesten Monaten des Jahres, mit Schlitten durchgeführt. So sagen es jedenfalls Inschriften auf einem der größten Blöcke hinter der Halle zur Bewahrung der Harmonie. Danach brauchte man Mitte des 16. Jahrhunderts 28 Tage, um den Block, der damals wohl 300 Tonnen wog, heranzuschaffen. Heute wiegt der Gigant nur noch 200 Tonnen, da der Qianlong-Kaiser 1761 die ursprünglichen Reliefs wegschlagen und durch neue ersetzen ließ. Dass die Chinesen für solche Schwertransporte nicht auf das schon seit Jahrhunderten bekannte Rad setzten, lag zum einen daran, dass Wagen damals anscheinend nur um die 90 Tonnen schwere Lasten tragen konnten. Vor allem aber waren die Schlitten sicherer: Sie brachten die empfindlichen Blöcke eher heil ans Ziel. "Die Ebene ist wirklich sehr flach, doch die Straßen waren damals holprig", erklärt Howard Stone, Ingenieur-Professor an der Universität Princeton in den USA.

 

 Rund 300 Tonnen wiegt dieser Koloss vor der Halle der obersten Harmonie in Pekings Verbotener Stadt. (Bild: PNAS/Chu Hui)"Wir wollten berechnen, ob sich Holzschlitten mit Blöcken, die mehr als 100, manchmal mehr als 300 Tonnen wiegen konnten, wirklich über das Eis ziehen lassen", berichtet Stone. Die Transporte wurden generalstabsmäßig geplant. Um den Boden optimal zu präparieren, wurden alle 500 Meter Brunnen gegraben. Das Wasser wurde kurz vor den Schlitten auf die Oberfläche geleitet, unter den damals herrschenden Wintertemperaturen bildete sich so eine Eisbahn, die die Unebenheiten der Oberfläche zu großen Teilen ausglich. Auf ihr glitt dann der Schlitten mit durchschnittlich fast 30 Metern pro Stunde dahin. Waren die schweren Schlitten einmal ins Gleiten gekommen, brauchte man nur noch relativ wenig Kraft, um sie in Bewegung zu halten. Wären für einen Transport ohne Eis rund 1500 Männer nötig gewesen, schrumpfte diese Zahl nach den Schätzungen von Stone und seinen chinesischen Kollegen auf rund 300 Arbeiter. Stones Kollege Jian Li von der Pekinger Universität für Wissenschaft und Technik fand in alten Texten sogar Hinweise, dass man die Schlittenkufen noch einmal extra wässerte, um einen zusätzlichen Wasserfilm zu erzeugen. So konnten nach Stones Kalkulationen sogar weniger als 50 Arbeiter einen Steingiganten von über 100 Tonnen ziehen.