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Baby aus der Vorzeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 20:23

In der an Fossilien von Vormenschen reichen Afar-Region in Äthiopien haben Forscher des Dikiki-Projektes ein weiteres Aufsehen erregendes Skelett gefunden: Die nahezu vollständig erhaltenen Überreste eines wahrscheinlich dreijährigen Australopithecus afarensis. Damit kann man die Individualentwicklung dieser Vormenschenart besser beurteilen, und ihre Rolle beim Übergang von den Affen zu den Menschen erfassen.

Äthiopien vor etwa 3,3 Millionen Jahren. Das Gebiet, das heute der Awash-Fluss durchfließt, sah damals völlig anders aus. "Es war eine flache Landschaft, ein See war ganz in der Nähe der Fundstätte des Fossils und in diesen See mündete ein Fluss", erzählt Jonathan Wynn, Geologe an der Universität von South Florida, "heute herrscht dort Erosion, Badlands." Damals strömte der Fluss in einem breiten Delta in den See und es gab reiche Vegetation, Buschwerk und sogar Wälder. "Dort gab es wohl immer Wasser und es war deshalb ein stabiler Lebensraum für die Vormenschen und andere Wirbeltiere", so Wynn. Kein Wunder also, dass die Gegend um den Awash-Fluss so reich an vormenschlichen Fossilien ist.

Jetzt ist eins hinzugekommen - und das ist auch noch ein besonders interessantes. "Es ist das vollständigste und best erhaltene Kleinkind-Skelett eines frühen Hominiden", freut sich Entdecker Zeresenay Alemseged, Wissenschaftler in der Abteilung Humanevolution des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Das Fossil ist von einem auf drei Jahre geschätzten Kleinkind und gehört zur Vormenschenart Australopithecus afarensis. Seine Leiche wurde bei einer plötzlichen Flutwelle in einem Seitenarm des damaligen Flusses abgelagert und ist deswegen nahezu vollständig erhalten geblieben. Die bekannteste Vertreterin der äthiopischen Australopithecinen ist die berühmte "Lucy", und fast könnte man von Lucys Baby reden, wenn das neue Fossil nicht rund 300.000 Jahre älter wäre.


Der Kopf des 3,3 Millionen Jahre alten Australopithecus-Kindes. Foto: Zeresenay Alemseged/Nature

"Das Skelett zeigt, dass dieses Individuum nicht nur aufrecht auf zwei Beinen gegangen ist, sondern wahrscheinlich auch noch klettern konnte", erklärt Friedemann Schrenk, Paläoanthropologe am Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt, "die Diskussion, wie stark bei Australopithecus afarensis die Fähigkeiten zu klettern noch ausgeprägt sind, wurde schon lange geführt. Und es scheint so zu sein, dass ausgerechnet dieser Kinderfund bestätigt, dass die Kletterfähigkeit noch vorhanden gewesen ist." Das würde gut zur damaligen Umgebung passen, in der Waldstücke und offene Graslandschaft sich abwechselten. Zum ersten Mal bei einem Vormenschen wurde auch ein Zungenbein gefunden. Aus ihm kann man Rückschlüsse auf die Fähigkeit der Art ziehen, Laute von sich zu geben. Bei dem neu gefundenen Baby ist das Zungenbein eher wie das eines Affen statt wie das eines Menschen. Mitentdecker Fred Spoor vom University College in London: "Wir können also annehmen, dass Australopithecinen sich eher wie Gorillas oder Schimpansen angehört haben und nicht so sehr wie Menschen, gleichgültig, ob sie Sprache gehabt haben oder nicht."

Zu den interessantesten Eigenschaften des Fossils zählen die Forscher allerdings die detaillierte Überlieferung des Kopfes und der Hirnschale. Denn daraus kann man den Entwicklungstand des Gehirns ableiten. Schließlich ist Größe und Entwicklung des Gehirns eine der Besonderheiten der menschlichen Art. Mit dem Baby-Fossil kann man jetzt sehen, wie Lucy und ihre Artgenossen im Äthiopien vor 3,5 bis 3 Millionen Jahren aufwuchsen. "Wenn man die Evolution der Arten verstehen will, muss man verstehen, wie die Individuen aufwachsen, und hier bekommen wir einen Schnappschuss über Wachsen und Entwicklung", erklärt Fred Spoor.

Was sagt das Babyfossil nun über die Entwicklung aus? Zu erkennen ist, dass sein Gehirnvolumen noch nicht so weit entwickelt ist, wie das von gleichaltrigen Schimpansen. "Das deutet darauf hin, dass die Gehirnentwicklung bei dieser Art langsamer war als bei Affen", meint Alemseged, "vielleicht zeigt uns das, dass die Veränderung im Verhalten bereits vor 3,5 Millionen Jahren begonnen hat." Die langsamere Gehirnentwicklung wäre ein Merkmal, das der Australopithecus mit dem Menschen teilt, denn auch unsere Kleinkinder liegen in der Entwicklung des Hirnvolumens im Vergleich zu den Primaten zurück.

Doch Fred Spoor warnt vor voreiligen Interpretationen: "Wir Menschen sind so langsam in der Hirnentwicklung, weil wir sehr viel Hirnmasse ausbilden müssen, das war aber beim Australopithecus nicht der Fall." Der hatte nämlich mit 400 bis 500 Kubikzentimeter ein Gehirnvolumen, das mit dem von Primaten vergleichbar ist, Menschen haben dreimal mehr. "Ich persönlich glaube daher", so Spoor, "dass beispielsweise der Speiseplan der Australopithecinen schlechter gewesen ist als bei Schimpansen oder Gorillas, und sich das Gehirn dieses Individuums deshalb langsamer entwickelt hat." Außerdem könnte das Alter des Mädchens nicht korrekt sein. Es wurde aufgrund eines Vergleichs mit Schimpansenzähnen festgestellt - aber es ist lediglich eine Annahme, dass die Gebissentwicklung bei Schimpansen und Australopithecinen gleich gewesen ist.

Das ungewöhnlich vollständige Fossil wird in der kommenden Zeit viel Stoff für die Klärung der Frage liefern, wie affenähnlich der Australopithecus noch oder wie menschenähnlich er schon war. Friedemann Schrenk: "Man hat angenommen, dass Australopithecus bereits relativ menschenähnlich gewesen ist. Ich denke, dass dieser Fund zeigt, dass es nicht eindeutig so ist, sondern dass es unterschiedliche Mosaikbestandteile gibt in diesem Körper, die sich also nicht gleichförmig entwickelt haben."