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Bakterium aus der Kupferzeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 09.01.2016 18:42

Vor 25 Jahren entdeckten deutsche Wanderer im Südtiroler Schnalstal die Leiche eines rund 5300 Jahre alten Mannes. Die Mumie wurde schnell Ötzi getauft und in ein eigens gegründetes Speziallabor in der Südtiroler Landeshauptstadt Bozen überführt. Dort dauern die Untersuchungen an der Leiche aus der Kupferzeit weiterhin an und produzieren regelmäßig überraschende Erkenntnisse. In der aktuellen "Science" berichten Wissenschaftler über die Magen-Darm-Flora des Gletschermannes.

Die Gletschermumie Ötzi im Bozener Speziallabor. (Bild: EURAC/Marion Lafogler)Die Gletschermumie Ötzi vom Tisenjoch in den Ötztaler Alpen ist ein Glücksfund für die Anthropologen. "Wir konnten den bislang ältesten Krankheitserreger isolieren und sein Erbgut entziffern", berichtete Yashon Moodley über die jüngsten Erkenntnisse anhand der 5300 Jahre alten Leiche. Der Zoologie-Professor an der südafrikanischen Universität von Venda ist Mitglied einer Gruppe von Mikrobiologen, Genetikern und Bioinformatikern, die in "Science" das Genom des Magenbakteriums Helicobacter pylori vorstellte, das sie in Proben aus Ötzis Magen-Darmtrakt isoliert hatten.

Besiedelung des Magen-Darm-Trakts bei Ötzi. (Bild: Südtiroler Archäologiemuseum/EURAC/Krankenhaus Bozen)Das Bakterium ist ein alter Bekannter der Menschen, vor einigen Jahren haben Moodley und andere Genetiker berechnet, dass es unsere Spezies seit mehr als 100.000 Jahren begleitet. Mediziner gehen davon aus, dass in vielen Völkern mindestens die Hälfte der Menschen Helicobacter-Keime in ihrem Magen-Darm-Trakt beherbergen. Erst die Errungenschaften der modernen Hygiene drängten das Bakterium etwas zurück. Seine weite Verbreitung macht den Organismus, der unter anderem für Magengeschwüre verantwortlich gemacht wird, so wertvoll für die Wissenschaft. "Seine Entwicklung spiegelt nahezu perfekt die menschliche Ausbreitung wider", erklärte Moodley, der auch eine Zeitlang an deutschen und österreichischen Forschungsinstituten gearbeitet hat.

Das Paläogenetik-Labor an der Europäischen Akademie in Bozen. (Bild: EURAC/Marion Lafogler)Das gilt auch für die Helicobacter aus Ötzis Magen. "Dieser Stamm ist am engsten mit einer Helicobacter-Population verwandt, die heutzutage in Nordindien und einigen Teilen Südasiens vorkommt", so Moodley. Die Magenbakterien der heutigen Europäer haben dagegen noch eine weitere Komponente, die nordostafrikanische Ursprünge hat. "Die Migrationswellen, die diesen Stamm nach Europa brachten, können daher erst nach dem Tod des Eismanns stattgefunden haben", betont der Südafrikaner. Archäologische und paläogenetische Untersuchungen in jüngster Zeit haben bereits Indizien für eine solche relativ junge Einwanderung nach Europa ergeben. Auch sie deuten darauf hin, dass diese Migration der Kupferzeit, der Ötzi angehörte, ein Ende setzte. "Diese Masseneinwanderung mit allen damit verbundenen demographischen Änderungen kann definitiv die Ursache für die Veränderung bei Helicobacter sein", sagte Studien-Hauptautor Frank Maixner von der Europäischen Akademie in Bozen auf der "Science"-Pressekonferenz.

Der Magen der Gletschermumie unter dem Röntgengerät. (Bild: Krankenhaus Bozen)Nordostafrika ist dabei nicht als Ursprung der Einwanderer zu verstehen, vielmehr stimmt das Genom der heute dort üblichen Helicobacter-Population am besten mit dieser zweiten Komponente des europäischen Stammes überein.  "Wer jetzt im Einzelnen die Menschen waren, die die afrikanischen Magenbakterien nach Europa brachten, ist unklar", betont Yashon Moodley, "möglicherweise kamen die Bakterien über den Fruchtbaren Halbmond im Mittleren Osten nach Europa."

Rekonstruktion des Gletschermannes von 2011. (Bild: South Tyrol Museum of Archaeology, Ochsenreiter)Die Funde in Ötzis Magen sind ein weiterer Puzzlestein im verwirrenden Bild der europäischen Besiedlung, der allerdings nur im Zusammenhang mit anderen Studien gesehen werden darf. Schließlich sei es schwierig, warnt der britische Mikrobiologe Mark Achtman von der Universität von Warwick in der "New York Times", von einem einzelnen Beispiel weitreichende Schlüsse über die Verbreitung von Bakterien oder gar Menschen auf einem ganzen Kontinent zu ziehen. Eines allerdings können die Forscher um Frank Maixner mit relativer Sicherheit sagen: Die Bakterien in Ötzis Magen waren nicht harmlos. "Wir fanden klare Hinweise auf eine Immunantwort des menschlichen Organismus", sagte Teamleiter Albert Zink von der Europäischen Akademie in Bozen, "aber wir können nicht hundertprozentig sicher sein, dass er schon Magenbeschwerden hatte." Diese Frage werden die Forscher niemals klären können, denn die Magenschleimhaut hat die 5300 Jahre in Eis und Schnee nicht überlebt.

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