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Bauplan eines Killers

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 28.10.2011 14:42

Die Pestzüge des ausgehenden Mittelalters zählen wohl zu den traumatischsten Zäsuren in der jüngeren Menschheitsgeschichte. Je nach Schätzung starben in der Mitte des 14. Jahrhunderts innerhalb von nur fünf Jahren 25 bis 40 Prozent der europäischen Bevölkerung. Jetzt legen Wissenschaftler in "Nature" die entschlüsselte Gensequenz des damaligen Erregers vor: Seine heutigen Nachfahren unterscheiden sich genetisch kaum von ihm, können gleichwohl bei weitem nicht die Durchschlagskraft entwickeln.

TotentanzDer Schwarze Tod begleitet den Menschen heute noch, und das in weitgehend unveränderter Form. "An weniger als 100 der insgesamt 4,7 Millionen Positionen des DNA-Strangs stellten wir Veränderungen im Vergleich zu heutigen Pestbakterien fest", erklärte Johannes Krause, Junior-Professor am Institut für Urgeschichte und naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen. Damit wären die heutigen Pestbakterien nahezu exakte Kopien des Erregers, der vor rund 600 Jahren je nach Schätzung zwischen 25 und 40 Prozent der europäischen Bevölkerung ausrottete.

Krause hat zusammen mit Kollegen aus Tübingen und vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sowie von Universitäten in Kanada und den USA das Genom des Erregers ermittelt. Die Wissenschaftler fanden das Erbmaterial in 46 Zähnen und 53 Knochen, die man aus dem alten Londoner Pestfriedhof von East Smithfield im Osten der mittelalterlichen Stadt geborgen hatte. Der war zur Zeit des ersten großen Pestzuges von 1347 bis 1350 benutzt worden, um die zahllosen Toten so schnell wie möglich zu beerdigen. In den 80er Jahren war der aus zwei Teilen bestehende Friedhof untersucht worden. Damals schätzte man, dass 2400 Menschen begraben worden waren. 634 Skelette wurden geborgen und werden im Museum of London aufbewahrt.

Aus den Proben gewannen die Forscher Erbmaterial, das zum überwältigend großen Teil nicht vom Pestbakterium Yersinia pestis stammte, sondern natürlich von den Toten selbst, daneben aber auch von Bakterien oder Pilzen, die die Leichen nach der Beerdigung besiedelt hatten. Dennoch konnten sie fast 99 Prozent des bakteriellen Erbguts rekonstruieren und verglichen dieses mit den DNA-Sequenzen der 17 heutigen Yersinia-Stämme, die man entschlüsselt hat. Alle 17 sind sehr enge Verwandte des mittelalterlichen Pestbakteriums.

Grab auf PestfriedhofDiese enge Verwandtschaft wirft die Frage nach der Ursache für die ungeheure Durchschlagskraft des mittelalterlichen Erregers auf, denn die Forscher gehen nicht davon aus, dass die geringen Unterschiede sich auf die Aggressivität des Bakteriums auswirken. Warum also raffte Yersinia vor 650 Jahren allein in Europa schätzungsweise 30 Millionen in nur fünf Jahren dahin, während heutzutage pro Jahr etwa 2000 Menschen in aller Welt der Attacke des Bakteriums erliegen? Ein Grund war wohl die schlechte Konstitution der damaligen Europäer, denn die Pest traf einen Kontinent, in dem sich nach Aufschwung und Bevölkerungsexplosion des Hochmittelalters Krisenzeichen bemerkbar machten - allen voran Nahrungsmittelknappheit. In diese Situation schleppten genuesische Schiffe aus der Schwarzmeerregion einen neuen Erreger ein, eben die Pest. Wie die Ergebnisse der Arbeitsgruppe um Johannes Krause zeigen, war dieser Erreger nicht nur für Europa neu, sondern offenbar erst kurz zuvor "entstanden". 

Der genetische Stammbaum aller Yersinia-pestis-Erreger zeigt, dass sie vor 668 bis 729 Jahren einen gemeinsamen Vorfahren hatten, das wäre in der Zeit zwischen 1282 bis 1343. Bakterien verändern ihr Erbgut nicht nur durch Mutationen wie andere Lebewesen auch, sie können darüber hinaus auch aktiv Gene austauschen, die auf sogenannten Plasmiden liegen. Das sind kleine Erbgut-Ringe, die vom Haupt-DNA-Strang unabhängig sind und von Bakterium zu Bakterium weitergereicht werden. Dazu bilden die Beteiligten Ausstülpungen und stellen eine Direktverbindung zum Nachbarn her. Über diese Leitung werden die Erbgut-Stücke dann ausgetauscht. Zwei solcher Plasmide sind pMT1 und pPCP1, die Yersinia pestis mit besonders wirkungsvollen Waffen gegen Säugetiere ausstatteten.

Die "Aufrüstung" geschah offenbar in Fernost, denn dort gibt es immer noch die größte Vielfalt an Yersinia-pestis-Varianten, was von Genetikern immer als Hinweis auf einen sehr ursprünglichen Standort angesehen wird. Das würde sich auch mit historischen Berichten decken, die erzählen, dass die tatarischen Belagerer der genuesischen Stadt Kaffa auf der Krim 1347 von einer rätselhaften Seuche befallen wurden, die auf die Stadt übersprang. Genuesische Schiffe waren es dann, die den Erreger über Konstantinopel und das sizilianische Messina bis nach Marseille trugen. Von den Hafenstädten breitete sich die Seuche schließlich in Windeseile in ganz Europa aus.

Die Menschen, auf die das Bakterium traf, waren offenbar auch völlig unvorbereitet, ihr Immunsystem konnte dem unbekannten Einzeller kaum etwas entgegensetzen. Auch das kann zu der auffällig unterschiedlichen Virulenz von Yersinia pestis einst und jetzt beigetragen haben. Denn die Menschen waren vermutlich unterschiedlich empfindlich gegenüber der Bakterienattacke. Dahingerafft wurden vor allem die mit dem Immunsystem, das am wenigsten gegen den Erreger ausrichten konnte. Da nach 1347 Pestzug auf Pestzug durch Europa ging, dürfte es einen Selektionsdruck zugunsten widerstandsfähiger Europäer gegeben haben. Die Forscher um Johannes Krause wollen in Zukunft das Erbgut von Menschen vor und nach dem Pesteinbruch untersuchen. Gut möglich, dass sich ein entsprechendes Bild ergibt.

Eins scheint jedoch auf jeden Fall klar: Die Erreger der großen Plagen des Altertums haben nicht überdauert. Krause und seine Kollegen fanden in den bekannten Genomen kein Anzeichen dafür, dass es heutige Verwandte zum Beispiel der sogenannten Justinianischen Pest aus dem 6. Jahrhundert gibt. Diese Seuche tötete schätzungsweise 100 Millionen Menschen, wütete im christlichen Kulturkreis aber vor allem im Oströmischen Reich. Dort nahm sie in Ägypten ihren Ausgang und erreichte schnell alle größeren Städte inklusive der Hauptstadt. Die erste und schwerste Welle traf das Reich 541 unter der Herrschaft Justinians, doch immer neue Seuchenzüge ereigneten sich bis ins 8. Jahrhundert hinein. So abrupt wie der Pesterreger 541 auftauchte, so spurlos verschwand er auch wieder. In den sequenzierten heutigen Pest-Stämmen hat er jedenfalls keine Spuren hinterlassen. Die Forscher um Johannes Krause fragen sich daher, ob die Justinianische Pest überhaupt eine Pest im medizinischen Sinne war und nicht eine von einem komplett anderen Erreger verursachte Krankheit.

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