22. Mär. 2017

Sicht auf die Phlegräischen Felder.

Die Campi flegrei im Westen der italienischen Millionenstadt Neapel sind Europas größter Vulkan - und vermutlich sind sie der am dichtesten besiedelte der Welt. Rund 500.000 Menschen wohnen direkt in der Caldera, die durch zwei Mega-Eruptionen vor 39.000 und vor 15.000 Jahren gerissen wurde, im Ballungsraum Neapel sind es Insgesamt 4,4 Millionen. Jetzt warnen italienische Forscher vor einer erneuten Phase erhöhter Aktivität.

Der Vulkan ist in den rund 3000 Jahren, in denen Menschen dicht an oder sogar in ihm siedeln, bemerkenswert ruhig geblieben. Nur im 16. Jahrhundert gab es einen vergleichsweise kleinen Ausbruch. Dennoch werden die Bewohner der Städte in der Caldera regelmäßig an das Ungeheuer unter ihren Füßen erinnert: immer wieder bläht sich der Untergrund spürbar auf, um danach wieder zusammenzusinken. Eine besonders aktive Phase gab es von Mitte der 60er- bis zur Mitte der 80er-Jahre, als sich die Erde um insgesamt 3,5 Meter hob, davon 1,8 Meter allein in den Jahren 1982 bis 1984. "Es war die größte Krise der vergangenen Jahrzehnte", erinnert sich Giovanni Chiodini vom Vesuvianischen Observatorium des Italienischen Geologischen Dienstes (INGV) in Neapel, "die Hebung in den 80er Jahren wurde von rund 20.000 Erdbeben begleitet, von denen einige auch so schwer waren, dass man die Stadt Pozzuoli zum Teil evakuiert hat." Die Aktivität ging danach wieder zurück und auch die Besorgnis von Bevölkerung und Behörden normalisierte sich.

Doch seit 2005 verzeichnen die Instrumente des INGV wieder steigende Aktivität. "Die Erde bläht sich wieder auf", sagt Chiodini, "aber die Raten sind mit ein paar Zentimetern im Jahr noch ziemlich gering." Dennoch gilt für die Campi flegrei seit 2012 die Warnstufe Gelb. Es ist die zweitniedrigste auf der fünfteiligen Skala des italienischen Zivilschutzes. "Doch damit sind sie der einzige der drei Vulkane in der Gegend von Neapel, der so hoch eingestuft wurde", betont Giuseppe di Natale vom Vesuvianischen Observatorium. Die beiden anderen, Ischia und der Vesuv, werden derzeit als "schlafend" eingestuft und fallen damit in die unterste grüne Kategorie.

Blick auf die Phlegräischen Felder.
Bild: NASA
Der Golf von Neapel mit dem Vesuv.
Bild: INGV

Was von der jüngsten Aktivität der Phlegräischen Felder zu halten ist, darüber gibt es auch unter den INGV-Experten des ältesten Vulkanobservatoriums der Welt keine Einigkeit. Giovanni Chiodini hatte in einem Bericht in "Nature Communications" vor einem Druckanstieg im Untergrund berichtet und dafür auch einen Aufstieg von Magma in die Magmakammer des Vulkans verantwortlich gemacht. Sein Kollege de Natale ist skeptisch. "In unseren Daten können wir keinen Hinweis auf einen Magmaaufstieg sehen und ich bin auch nicht davon überzeugt, dass wir überhaupt überall einen Temperaturanstieg sehen", sagt er in einem Interview.

De Natale bezieht sich dabei auf die Probebohrung in Bagnoli, einem westlichen Stadtteil von Neapel am Golf von Pozzuoli, der den unter Wasser liegenden, größeren Teil der Caldera markiert. Die Bohrung auf dem Gelände eines stillgelegten Stahlwerkes sollte eigentlich der Auftakt zu einer tief reichenden Bohrung in die Nähe der Magmakammer werden - einem prestigeträchtigen Projekt im Rahmen des Internationalen Kontinentalen Tiefbohrprogramms. Doch das von de Natale maßgeblich konzipierte und vorangetriebene Projekt stieß schnell auf Proteste in der Bevölkerung und große Bedenken bei den lokalen Behörden. Und so blieb es bei der 500 Meter tiefen Probebohrung, die die Geowissenschaftler immerhin mit zahlreichen Instrumenten ausstatten und zu einem Tiefenobservatorium des Vulkans ausbauen konnten.

Mit Hilfe der Bohrkerne für diese Observatorium kamen Giuseppe de Natale und seine Kollegen jetzt zu einem überraschenden Befund: Die Caldera ist offenbar kleiner als bislang gedacht. Nach dem ersten der beiden Mega-Ausbrüche gab es einen wesentlich geringeren Einbruch als man bisher annahm, und das obwohl der Ausbruch vor 39.000 Jahre wesentlich mehr Material über die Umgebung verteilt hatte. Um den offenkundigen Widerspruch aufzulösen, schlagen die italienischen Vulkanologen ein modifiziertes Bild der älteren Eruption vor. Bei ihr wäre nur ein Teil des Magmas im Krater von Pozzuoli ausgeworfen worden, ein größerer Teil wäre stattdessen aus Frakturen in der Kampanischen Ebene nördlich von Neapel eruptiert. Für den Großraum Neapel bedeutet das eine Veränderung der Bedrohung. Es scheint nach de Natales Angaben weniger wahrscheinlich, dass bei einem zukünftigen Ausbruch der Phlegräischen Felder der Eruptionskrater sich bis nach Neapel selbst fressen wird, statt dessen könnte der Hauptteil des Magmas durch Nebenöffnungen freigesetzt werden. Die Forscher vom Vulkanobservatorium plädieren daher dringend für umfassende weitere Forschungen an Europas größtem Vulkan. Ob sie damit bei Bevölkerung und Behörden mehr Glück haben als in der Vergangenheit, bleibt abzuwarten.