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Beginn einer neuen Epoche?

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.02.2008 10:44

Die Menschen und alle anderen Lebewesen auf dem Planeten Erde könnten in einer neuen Epoche leben: Nach den Umweltwissenschaftlern machen sich jetzt auch Geologen eine Idee des Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen zu eigen und regen in den aktuellen Mitteilungen der Amerikanischen Geologischen Gesellschaft GSA an, der geologischen Zeitrechnung das Anthropozän als jüngste Epoche hinzuzufügen. Damit soll der beherrschende Einfluss des Menschen auf das Erdsystem ihren Niederschlag finden.

Der Beginn der neuen Epoche ist noch verschwommen, „das wird“, so Jan Zalasiewicz, Dozent an der Universität Leicester und Sprecher der Gruppe, „Gegenstand der Diskussion sein“. Aber irgendwann zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts, als die Industrielle Revolution begann, und den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als mit den oberirdischen Atomtests eine neue Klasse radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre gelangte, soll das Holozän enden und das menschbeherrschte Anthropozän beginnen – falls die Initiative durchkommt.

„Wir denken, dass der neue Begriff gerechtfertigt ist, wenn man sich all die Indizien für Wandel in der gegenwärtigen Geologie ansieht”, begründet Zalasiewiecz. Zu den Indizien gehört natürlich der steigende Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre. Doch damit hört es für die britischen Geologen nicht auf. Sie sehen den beherrschenden Einfluss des Menschen auch beim Materialtransport rund um die Welt. „Die Menschheit ist inzwischen der bedeutendste Faktor, der Gestein und Erdreich um die Erde bewegt, möglicherweise um eine Größenordnung einflussreicher als die anderen Faktoren“, so Zalasiewiecz. Durch Landwirtschaft, Bergbau und Rohstoffgewinnung und seine Bautätigkeit stellt der Mensch den Experten zufolge alle anderen Kräfte wie Erosion oder Verwitterung in den Schatten. Sein Baumaterial wird den Menschen zukünftigen Geowissenschaftlern dabei nach Ansicht des britischen Forschers am ehesten verraten. „Wir produzieren gewaltige Mengen an Beton, und das wird sicher ein wahrnehmbarer neuer Gesteinstyp werden“, so Zalasiewiecz.

Auch die Eingriffe des Menschen in die Biosphäre rechtfertigen nach Ansicht der Experten die neue Epoche. “Wir verändern offenbar große Teile der Lebensräume auf der Erde, daneben geht die Rate des Artensterbens in die Höhe, sowohl in den Weltmeeren als auch an Land“, erklärt Zalasiewiecz. All diese Effekte werden sich, so die Auffassung der britischen Geologen in der geologischen Überlieferung niederschlagen, “und das“, meint der Experte, „wird erkennbar sein, wenn jemand in der fernen Zukunft nachsieht”. Die geologische Überlieferung jedoch, die erkennbaren Unterschiede in der Schichtenabfolge der Gesteine, sie machen das Rückgrat der geologischen Zeitskala aus.

Beim eigentlichen Urheber des Begriffs Anthropozän stößt die Initiative auf große Zustimmung. „Ich finde das wunderbar, denn man kann sich die Zukunft der Erde ja gar nicht mehr ohne den beherrschenden Einfluss des Menschen vorstellen“, erklärt Paul Crutzen, Chemienobelpreisträger und emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz. Er hatte 2002 auf einer Tagung des Internationalen Geosphären-Biosphären-Programms die neue Epoche zur Diskussion gestellt und später in einem Artikel in der Fachzeitschrift „Nature“ näher erläutert. Als Atmosphärenchemiker verfolgt Crutzen freilich die Diskussion der Geologen freilich aus der Entfernung.


Die wird jetzt wohl erst beginnen, denn nicht jeder ist mit der menschbeherrschten Epoche seit 1800 einverstanden. Als „überspitzt“ bezeichnet etwa der Bonner Geologe Thomas Litt im Magazin „Der Spiegel“ die Diskussion. Richard Alley von der Pennsylvania State University wiederum pflichtet seinen britischen Kollegen bei. „Ein Geologe der fernen Zukunft würde nahezu sicher eine Linie ziehen“, erklärte er gegenüber dem Fachmagazin „Science“. Bevor also der Mensch seine eigene geologische Epoche erhält, wird noch geraume Zeit vergehen. Jan Zalasiewiecz: “Selbst wenn die Geologen jetzt in ernsthafte Diskussionen eintreten, denke ich, wird es mindestens drei, vier oder fünf Jahre dauern, bevor der Terminus ‚Anthropozän’ offiziell wird.”