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Berge als Brandmauer

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 21.01.2010 16:47

Wenn sich im brütendheißen indischen Sommer der strahlende Himmel bezieht und dunkle Wolken zusammenballen, schwankt die Stimmung der Menschen zwischen Freude und Bangen. Der Monsun bedeutet Regen für die Felder, bringt aber auch Überschwemmungen mit sich. Viele hundert Millionen Menschen hängen vom Monsun ab, daher ist entscheidend, wie sich das Windsystem künftig entwickelt. Eine Studie, die in "Nature" veröffentlicht wurde, legt nahe, dass man bisher den Mechanismus des Monsuns missverstanden hat.

MonsunDie Wolken signalisieren die Ankunft des Sommermonsuns, das bedeutet einerseits, dass der lebensnotwendige Regen die lange Hitze endlich beendet.  Andererseits kann der Monsun aber auch Wolkenbrüche mit sich bringen, die sich zu reißenden Fluten auswachsen und Häuser, Hütten und Straßen wegschwemmen. Am Anstieg des Himalaja werden regelmäßig jährliche Niederschlagsmengen von durchschnittlich 9000 Millimetern gemessen. An manchen Orten wird das jedoch spielend überboten. So wurden in der ostbengalischen Stadt Cherrapunji 1861 allein im Juli über 9000 Millimeter Niederschlag gemessen. Der Jahreswert lag damals bei über 26.000 Millimetern.

Vom Sommermonsun hängen buchstäblich Milliarden Menschen auf dem indischen Subkontinent und in Südasien bis hin nach Indochina ab. Für ihr Wohlergehen ist das genaue Verständnis dieses stärksten Windsystems der Tropen von entscheidender Bedeutung. Bislang sahen Wissenschaftler im Hochland von Tibet den entscheidenden Akteur und schenkten den Vorgängen auf dem Dach der Welt entsprechend große Aufmerksamkeit. Zwei Wissenschaftler von der Universität Harvard stellen diese traditionelle Sicht allerdings infrage. Ihren Simulationen zufolge wird der Indische Monsun auf dem Subkontinent selbst gemacht und durch die hochaufragende Mauer des Himalaja gegenüber Zentralasien abgeschirmt.

Indischer MonsunDie klassische Theorie besagt, dass das Hochland von Tibet wie eine hochgelegene Heizplatte wirkt und die Atmosphäre in 5000 Metern über dem Meeresspiegel so erwärmt, dass der entstehende Sog eine Luftströmung hervorruft, die bis vor Afrikas Ostküste reicht.  "Wir zeigten, dass der Kern der erwärmten Atmosphäre nicht über dem Plateau liegt, sondern südlich des Himalaja", berichtet Bill Boos, Post-Doc am Institut für Geowissenschaften und planetare Studien der Universität Harvard. Zusammen mit Zhiming Kuang, Assistenzprofessor am selben Institut, hatte er mit den existierenden Daten ein Strömungsmodell gefüttert und dann die Topographie geändert. Das überraschende Ergebnis: "Man braucht nicht das Hochland von Tibet, um den Monsun aufrechtzuerhalten", so Boos, "man braucht jedoch diese schmale, aber hohe Gebirgskette südlich davon."

HimalajaDas gewaltige System aus Himalaja, Karakorum, Kunlun Shan, Pamir und Hindukusch wirkt wie eine Brandmauer zwischen Süd- und Zentralasien. "Die Ketten isolieren die warme und feuchte Luft der Tropen, die für den Monsun notwendig ist, von der kalten und trockenen der Extratropen", erklärt Boos, der vom Massachusetts Institute of Technology kam und demnächst als Assistenzprofessor an die nicht weniger renommierte Universität Yale wechselt. Ohne die Bergkette würde die trockene und kühle Luft von Norden den indischen Subkontinent überfluten und viel von der Feuchtigkeit, die vom Ozean kam, aufsaugen. Stattdessen prallt die wassergesättigte Warmluft von Süden an die Mauer des Himalaya und regnet sich dort in klassischen Steigungsregen ab.

Die große Frage ist jetzt, was wird in der Zukunft aus dem Monsun und den über zwei Milliarden Menschen, die von ihm abhängen. "Die Leute sind sehr besorgt über die abschmelzenden Gletscher auf dem Dach der Welt", so Boos, "eben wegen ihres bislang vermuteten Einflusses auf den Monsun." Denn auch wenn die Gletscher der Himalaja-Region nicht wie vom Internationalen Klimarat IPCC irrtümlich verbreitet, bereits 2035 verschwunden sind, sondern erst im Jahr 2350, bedrohen selbst kleinere Änderungen am Monsunsystem die Existenz der unter einer wahren Bevölkerungsexplosion ächzenden Region. Allerdings legen die Simulationen der beiden Harvard-Geophysiker nahe, dass die Bewohner der Region nicht über den Himalaja schauen brauchen, wenn sie die Zukunft des Monsuns wissen wollen. "Unsere Arbeit will vor allem sagen", betont Boos, "hey, vielleicht haben wir die ganze Zeit auf die falsche Region geblickt, um die Entwicklung der Regenfälle über Südasien zu prognostizieren."


MonsunStatt der Gletscher auf dem Dach der Welt sollte die Landnutzung auf dem Subkontinent in den Blick rücken, denn die beeinflusst die "Heizkraft" Indiens und damit die Stärke des Monsuns. Die Albedo, die Rückstrahlfähigkeit der Landoberfläche spielt ebenso eine Rolle wie die Verdunstungsrate. Beides wird unter anderem davon beeinflusst, wie die Inder mit ihrem Land umgehen, und beides lässt sich ziemlich schwierig voraussehen. "Wenn sich die Albedo Indiens ändert, wissen wir nicht notwendigerweise in welche Richtung, ob sie sich verstärkt oder abnimmt", erklärt Bill Boos. Die Prognose des zukünftigen Monsuns wird mit den neuen Erkenntnissen nicht unbedingt leichter.

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