Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Besseres Bild von der Störung

Besseres Bild von der Störung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 07.09.2012 15:32

Das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam startet heute zusammen mit dem Türkischen Katastrophenschutz und der Istanbuler Bogazici-Universität den Bau eines Tiefenobservatoriums für die Nordanatolische Verwerfung, die südlich der Metropole Istanbul durch das Marmara-Meer verläuft. Das Projekt im Rahmen des Kontinentalen Tiefbohrprogramms ICDP soll ein besseres Bild der Bebentätigkeit im östlichen Teil des Meeresbeckens liefern.

IstanbulKeine 20 Kilometer trennen den Ballungsraum Istanbul mit rund 13 Millionen Einwohnern von der erdbebenträchtigsten Bruchzone des Mittelmeerraums. "Die zieht von Izmit ausgehend nach Westen zu den Dardanellen durch das Marmara-Meer", erklärt Georg Dresen, Leiter der Arbeitsgruppe Geomechanik und Rheologie am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam.  Das unter bis zu 1400 Metern Wasser liegende Stück ist überdies der letzte Teil der nordanatolischen Verwerfung, an dem es in den vergangenen 75 Jahren noch nicht gebebt hat. Zuletzt war das 1999 in Izmit unmittelbar am Ostrand des Marmarameers der Fall. Westlich davon gähnt die seismische Lücke, die seit 1766 ruhig ist und nach Expertenansicht in näherer Zukunft Beben stärker als Magnitude 7 produzieren kann.

Heute beginnen daher die Bohrungen für ein Tiefenobservatorium, das ein genaueres Bild dieser wegen des tiefen Meeresbeckens nur schwer zugänglichen Lücke liefern soll. Bis zu zehn Bohrlöcher sollen am Ostrand des Marmara-Meeres in 300 bis 500 Meter Tiefe abgeteuft werden. "Wir werden die Region im Übergangsbereich zwischen der Ruptur von 1999 und der so genannten seismischen Lücke, also des Teils der Störung, der bisher noch nicht aktiviert worden ist, abdecken", erklärt Dresen, der Projektleiter des Gonaf genannten Observatoriums. In die Bohrlöcher sollen Seismometer und Verformungsmesser, sogenannte Strainmeter, eingesetzt werden. An der Erdoberfläche kommen dann noch hoch präzise GPS-Stationen hinzu, die die Bewegungen dort aufzeichnen.

Gefährdungskarte TürkeiDas Observatorium an der Grenze zur 1999 aktiven Störung, soll vor allem beobachten, ob und wie die Spannungen sich nach Westen fortgepflanzt haben. Die tief im Erdboden steckenden Seismometer schließen dabei eine Lücke der oberirdischen Überwachungsnetze. "Wir erwarten, dass wir mit ihnen die Anzahl der Beben, die wir tatsächlich sehen können, um den Faktor zehn erhöhen", erklärt Dresen. Zurzeit zeichnen die Messgeräte etwa 20 Beben pro Monat auf, die eine Magnitude unter 2,8 haben. Empfindlicher können die Netzwerke an der Oberfläche nicht mehr werden, "Hier werden insbesondere die von den kleinen Beben abgestrahlten seismischen Wellen besonders stark weggedämpft", so Dresen, "weil wir deren Signale nicht sehen, gehen wir eben in die Tiefe."

Erdbeben östliches Marmara-MeerDie Mikrobeben werden von den Bewohnern gar nicht oder kaum gespürt, doch für die Wissenschaft sind sie immens wichtig, geben sie doch Informationen über das Geschehen  an der erdbebenträchtigen Zone der Verwerfung. "Einer der Aspekte, die wir versuchen herauszufinden", sagt Dresen, "ist: Zu welchem Prozentsatz ist jetzt sozusagen dieses Störungssegment verhakt und wie hoch ist der Anteil einer kriechenden Verformung an der Störung." Eine verhakte Störung löst die sich aufbauenden Energien irgendwann in einem gewaltigen Stoß, eine kriechende Verformung bebt häufiger, dafür aber weniger stark.

Bohrbeginn GonafDas Gonaf-Observatorium soll für viele Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte am Marmara-Meer betrieben werden. Die Daten werden in Echtzeit sowohl zum GFZ als auch zum Türkischen Katastrophenschutz in Ankara und zum Erdbebenobservatorium Kandili der Bogazici Universität in Istanbul übermittelt. Möglicherweise wird es eines Tages auch um ein wirkliches Tiefenobservatorium ergänzt, wie es der US-amerikanische Geologische Dienst mit Safod in Parkfield direkt auf der kalifornischen San-Andreas-Störung betreibt. Das reicht direkt in die aktive Zone der Störung hinein. "Das haben wir jetzt noch nicht ins Auge gefasst", sagt Dresen, "das muss man sehen, wenn man die Ergebnisse hat, die jetzt aus diesem Bohrloch-Observatorium herauskommen." Jetzt wird erst einmal die erste Bohrung abgeteuft, instrumentiert und getestet. In den kommenden sechs Monaten werden dann die anderen folgen.

Verweise
Bild(er)