31. Jul. 2017

Spuren von kreiselnden Eisbergen im Meeresboden der zentralen Barentssee, Tiefe: ca. 250 Meter.

Polarforscher aus aller Welt haben ein im digitalen Zeitalter ungewöhnliches Projekt beendet. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union stellten das britische Herausgeber-Team den "Atlas der glazialen Meeresbodenformationen" vor und empfahlen ausdrücklich die Buch-Version. Mehr als 600 Seiten stark und 2,7 Kilo schwer bietet der Band für 140 Pfund einen Vergleich zwischen beiden Polen.

In der südöstlichen Laptew-See ist der Meeresboden über Tausende Quadratmeter hinweg von einem auffälligen Netzmuster bedeckt. Dicht an dicht sind auf den hochaufgelösten Sonogrammen der Russischen Akademie der Wissenschaften eckige Flecken zu erkennen, die durch schmale Stege voneinander getrennt sind. Mehr als zwei Dutzend dieser Formationen haben Expeditionen zwischen der Lena-Mündung und den Neusibirischen Inseln in zehn bis 17 Meter Wassertiefe entdeckt, sie sind jetzt auf einer anschaulich bebilderten Doppelseite im "Atlas der glazialen Meeresbodenformationen" zu sehen.

Permafrostforschern kommen die Muster sehr vertraut vor: Wenn im Sommer die tiefgründig gefrorenen Regionen Sibiriens und Nordamerikas antauen, tauchen diese Permafrost-Polygone auf. Dass sie auch im Boden des sibirischen Randmeeres zu sehen sind, ist der aktuellen Warmzeit zu verdanken. "Sie haben sich gebildet, als sich das Meer während der jüngsten Kaltzeit weit zurückzog und sind danach im steigenden Wasser versunken", erklärt Kelly Hogan, Geophysikerin des British Antarctic Survey, die zu den Herausgebern des Atlas gehört.

Die Gitterstruktur am Meeresgrund ist nicht der einzige Blickfänger des großformatigen Bandes. Zu sehen sind außerdem zum Beispiel die Schleifspuren, die Eisberge im Schlamm vor Spitzbergen oder in der Barentssee hinterlassen haben. Darunter befinden sich nahezu perfekte Kreisformen, die die driftenden Kolosse in rund 250 Meter Wassertiefe hinterlassen haben. Der Atlas hat mehr als 35 solcher Oberflächenstrukturen auf über 180 Bildern zusammengestellt, die Wissenschaftler an beiden Polen, aber auch zum Beispiel im libyschen Murzuq-Becken in Nordafrika dokumentiert haben. "Dass wir Aufnahmen aus allen Regionen in einem Band zusammengetragen haben, ist für uns ist der größte Wert dieser Veröffentlichung", so Kelly Hogan, die den Atlas auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien offiziell vorstellte. Denn so lassen sich die Formen direkt vergleichen.

Grundmoränenlandschaft im Bottnischen Meerbusen, Tiefe : zwischen 50 und 90 Meter.
Bild: British Antarctic Survey
Permafrostpolygone im Meeresboden der Laptew-See vor der Nordküste Sibiriens.
Bild: British Antarctic Survey
Bathymetrie des Eisfjordes auf Spitzbergen.
Bild: British Antarctic Survey
Eine nahezu kreisrunde Schleifspur, die ein Eisberg vor Brasvelbeen, Spitzbergen-Archipel, in rund 30 Meter Tiefe hinterlassen hat.
Bild: British Antarctic Survey
Schleifspuren von Eisbergen mit ungewöhnlich flachen Kielen, aufgenommen in der Barantssee in 240 Metern Tiefe.
Bild: British Antarctic Survey

Größtmögliche Vielfalt in einem Buch ist auch der Grund, warum Afrika sich im Atlas wiederfindet. "Wir haben sehr schöne Eisspuren aus einer frühen Eiszeit vor 440 Millionen Jahren im Ordovizium abgebildet", so Hauptherausgeber Julian Dowdeswell, Direktor des Scott-Polarforschungsinstituts an der Universität Cambridge, "und man kann beim Blick auf Aufnahmen von der heutigen Antarktischen Halbinsel direkt daneben sehen, wie sehr sich die Bilder gleichen." Zum Teil sind in den Kapiteln auch so etwas wie Zeitreihen so sehen. Aufnahmen von bestimmten Stellen, die aus verschiedenen Jahren stammen, wurden zusammengestellt.

Die Herausgeber brauchten vier Jahre, um bei ihren Fachkollegen die schönsten und aussagekräftigsten Abbildungen einzusammeln. Der Atlas, der dabei herauskam, erscheint rund 20 Jahre nach einem vergleichbaren internationalen Vorhaben. "Wir haben seither einen immensen technologischen Sprung vollzogen und können deswegen unvergleichlich mehr Daten erheben", erklärt Kelly Hogan, "insofern war jetzt genau der richtige Zeitpunkt für ein neues Buch dieser Art." Der Atlas bietet dreidimensionale bathymetrische Abbildungen, die mit aktuellen akustischen Technologien erstellt wurden und im Fall von Sedimentfächtern viele Hundert Kilometer groß sein können, und Fotografien von kleinräumigen Phänomenen.

Nach Ansicht der Herausgeber ist das 2,7 Kilo schwere und das DIN-A4-Format überschreitende Buch trotz seiner Dimensionen die ideale Erscheinungsform. "Wir wollen zwar alle gern Informationen stets und in Sekundenschnelle elektronisch verfügbar haben, aber bei einem Buch gelingt der Vergleich zwischen den Formationen immer noch am besten", so Kelly Hogan. Der Band ist im Verlag der Geological Society of London erschienen und kostet 140 Pfund, für Mitglieder Londoner Gesellschaft und ihrer Partnergesellschaften gibt es Nachlässe. Parallel erscheint der Atlas auch online in der Lyell Collection, in der einzelne Kapitel kostenpflichtig heruntergeladen werden können.