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Bibo mit Reißzähnen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 27.07.2012 14:42

In Bayern ist ein außerordentlicher Saurierfund gelungen. In einem Steinbruch im oberpfälzischen Painten haben Fossiliensucher das vollständige Skelett eines Baby-Raubsauriers gefunden. Es ist eine bislang unbekannte Art aus dem oberen Jura, ähnlich gefiedert wie die bekannten Dinos aus der chinesischen Provinz Liaoning. In den Abhandlungen der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften PNAS wird der neue Raubsaurier vorgestellt.

So könnte der junge Sciurumimus ausgesehen haben (Bild: BSPG/Oliver Rauhut).In bayerischen Plattenkalken haben Fossiliensucher einen versteinerten Baby-Saurier gefunden, dessen Überreste es an Detailreichtum mit den berühmten Funden aus der chinesischen Provinz Liaoning aufnehmen können. Sciurumimus albersdoerferi ist nur 70 Zentimeter groß, aber so gut erhalten, dass man Muskelfasern, Haut und auch Federn erkennen kann. Das Tier lief offenbar auf zwei Beinen, denn es hat die für viele Raubsaurier typischen verkürzten Vorderbeine. Der Clou aber sind die Federn. "Über den Schwanzwirbeln bilden die Federn ein dichtes Kleid, das doppelt so dick wie die Wirbel selbst sind", schreibt ein Paläontologen-Team unter der Leitung von Oliver Rauhut, Konservator an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in München, in PNAS. "Es waren im Prinzip so eine Art Flaumfedern", erklärt der Paläontologe im Gespräch, "die sind natürlich am besten geeignet für Isolierung, also Thermoregulation."

Sciurumimus lebte vor rund 150 Millionen Jahren im Oberen Jura und gehörte zur Gruppe der Megalosauriden. "Das war eine Gruppe großer Raubsaurier, die ihre erste Blüte im mittleren Jura hatte", erklärt Rauhut, "es war eine recht primitive, aber auch recht erfolg- und artenreiche Gruppe." Zu ihr gehörte der in Großbritannien gefundene Namensgeber Megalosaurus, ein sehr kräftiger sieben bis acht Meter langer Räuber, aber auch Spinosaurus, der mit einer Länge von bis zu 18 Metern größte bisher bekannte Raubsaurier. Wie groß ein ausgewachsenes Exemplar der neuentdeckten Art gewesen ist, können die Paläontologen allerdings nicht sagen, denn die Größe des Jungtiers gibt keinen Anhaltspunkt. "Wir wissen von verwandten Formen, zum Beispiel dem bekannten Allosaurus, dass sie als Kind nicht größer waren", erklärt Rauhut. Allosaurus war als Erwachsener aber acht bis zehn Meter lang und zu seiner Zeit der Herrscher des Jura. 

Das Skelett von Sciurumimus albersdoerferi aus dem Steinbruch von Painten auf der Frankenalb (Bild: BSPG/Oliver Rauhut).Rauhut zieht aus dem außergewöhnlichen Fund weit reichende Konsequenzen. "Diese Art von Federn, die wir jetzt bei diesem Tier gefunden haben, so etwas Ähnliches hat man auch schon bei Ornithischien gefunden." Dinosaurier werden nach der Form ihres Beckens in Saurischia und Ornithischia, Echsen- und Vogelbeckensaurier eingeteilt. Viele, aber eben nicht alle reptilische Federträger aus dem Erdmittelalter waren Saurischia, auch Sciurumimus gehört in diese Gruppe. Wenn es jetzt aber Vertreter aus beiden Großgruppen mit Federn gibt, "dann müssten wir eigentlich davon ausgehen", so Rauhut, "dass primitiv erst einmal bei allen Dinosauriern Federn vorhanden waren". Alle Dinos kämen danach erst einmal gefiedert zur Welt, manche würden die Körperbedeckung allerdings auch wieder verlieren. 

Noch weiter reichend wird diese Aussage, wenn man wie Rauhut annimmt, dass die Federn einem bestimmten Zweck, der Thermoregulierung nämlich, dienen sollten. Eine Isolierschicht, um die Körperwärme zu erhalten, brauchen warmblütige Tiere. Waren etwa alle Dinosaurier warmblütig? Nicht ganz, doch dass unter den ehemals als so kaltblütig angesehenen Echsen viele Vertreter sind, die gar nicht anders als warmblütig sein können, ist inzwischen Stand der Forschung. "Wir haben inzwischen gemerkt, dass die damalige Unterscheidung ein bisschen sehr grob gestrickt war", erklärt Rauhut, "diese Frage Warmblütigkeit/Kaltblütigkeit lässt sich in verschiedene Unteraspekte unterteilen, und wir haben gelernt, dass das auch bei heutigen Tiere nicht so eindeutig ist. Es gibt verschiedenste Formen." 

Für Rauhuts Kollegen sind seine Schlüsse trotzdem etwas gewagt, zumal die meisten bislang gefundenen gefiederten Saurier einer bestimmten Raubsauriergruppe angehörten, die wegen ihres leichten Körperbaus Coelurosaurier genannt wird. Paul Barrett vom Londoner Museum für Naturgeschichte hält sie für Spekulation. "Wir brauchen viel mehr Beispiele, etwa von Raubsauriern, die nicht zu den Coelurosauriern gehören, aber auch aus den anderen Gruppen, bevor wir darüber spekulieren können, dass Federn grundsätzlich zu den Dinosauriern gehören", sagte Barrett gegenüber "Nature". Die parallele, voneinander unabhängige Entwicklung der Federn gleich in mehreren Sauriergruppen hält wiederum Rauhut für zweifelhaft. "Ausschließen können wir es natürlich nicht", erklärt er, "aber ich denke, nach der bisherigen Datenlage ist es eigentlich eher wahrscheinlich."

Das Problem ist ein für die Paläontologie typischer Streit, denn die Überlieferung ist entgegen dem oberflächlichen Eindruck sehr lückenhaft. Erhalten haben sich vor allem Knochen, doch schon über die Art wie sich diese zu einem Skelett zusammensetzen lassen, können sich Forscher gehörig in die Haare kriegen. Nur an wenigen Stellen sind die Erhaltungsbedingungen so gut, dass sich neben den Knochen auch Weichteile wie Haut, Organe oder eben Federn erhalten konnten. Die oberpfälzischen Plattenkalke, aus denen Sciurumimus stammt und die zum Sollnhofener Komplex gehören, liefern diese Bedingungen. Die feine Vulkanasche der chinesischen Provinz Liaoning ebenfalls. "Uns fehlt immer noch eine Menge an Daten", sagt Oliver Rauhut, "aber bisher hat sich gezeigt, dass sich dort, wo die Möglichkeiten gegeben waren, solche Sachen wie Federn erhalten haben." 

Schwanzausschnitt von Sciurumimus unter ultraviolettem Licht: Hautreste erscheienen als gelbe Flecken und Federn als dünne bläuliche Linien über den Wirbeln (© BSPG/Oliver Rauhut).Hinzu kommt, dass die Methoden, mit denen man die Weichteile sichtbar machen kann, erst in der jüngeren Vergangenheit entwickelt wurden. Die feinen Spuren von Federn, Fleisch und Haut sieht man zum Beispiel nur unter ultraviolettem Licht. "Dann leuchten phosphatische Strukturen, während der Rest dunkel bleibt", erklärt Rauhut. Knochen strahlen geradezu in UV, weil sie viel Phosphat enthalten, Weichteile wie Federn enthalten weniger Phosphat, sind also schemenhafter zu erkennen, doch das reicht aus, denn das Umgebungsgestein bleibt komplett dunkel. Bei vielen Fossilien, die seit Jahrzehnten in den Museen und Sammlungen schlummern, kann die UV-Beleuchtung sogar zu spät kommen. Denn bei der Präparierung können die entscheidenden Steinschichten in Knochennähe abgetragen worden sein, eben weil man die feinen Phosphatstrukturen nicht sehen konnte.