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Bröckelndes Eis

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 08:54

Es bröckelt in der Antarktis. Nachdem vor ein paar Jahren das Larsen-B-Schelf an der Ostseite der antarktischen Halbinsel geradezu zerbröselte, trifft es jetzt das Wilkins-Schelf an deren Westseite. Das auf der pazifischen Seite der Halbinsel gelegene Eisschelf verliert in diesen Tagen offenbar eine wichtige Barriere, die es bislang vor dem offenen Ozean abschirmte.

Wilkins SchelfEin Steg aus massivem Eis, der die Latady- mit der Charcot-Insel vor der Küste der Halbinsel miteinander verband, droht vollends zu zerbrechen. Bislang verhinderte die Eisbrücke den Abfluss von etlichen Hundert Quadratkilometern brüchigen Eises, das sich hinter ihr wie Blätter hinter einem Hindernis im Bachlauf gestaut hatte. „Wir erwarten derzeit einen Eisverlust von etwa 800 Quadratkilometern“, erläutert die Polarforscherin Angelika Humbert vom Institut für Geophysik der Universität Münster. Die „Eismelange“ genannte Ansammlung von mehr oder weniger großen Bruchstücken wird als Eisberge in den Pazifik hinausdriften.

Auf den Bildern des europäischen Umweltsatelliten Envisat konnten Polarforscher verfolgen, wie der Teil des Wilkins-Schelfs, der zwischen den beiden Inseln liegt, immer stärker unter Druck geriet. Die in den 1960er Jahren noch 100 Kilometer breite Brücke war in jüngster Zeit auf 15 Kilometer zusammengeschrumpft.  Im vergangenen Antarktis-Sommer 2007/8 maß ihre schmalste Stelle dann nur noch 900 Meter, und genau hier bricht derzeit die Barriere, während sich der antarktische Sommer seinem Ende zuneigt. Wie es weitergehen wird, bleibt abzuwarten. Ohne Schutz durch die feste Eisbrücke können die Herbststürme das brüchige Eis zwischen den beiden Inseln und der festen Hauptmasse des Wilkins-Schelfs immer weiter lockern und schließlich in den Ozean treiben. „Da sich bereits Risse weiter südlich als zunächst angenommen gebildet haben, müssen wir damit rechnen“, so Humbert, „dass sich der Schwund schlimmstenfalls auf 3700 Quadratkilometer erhöhen wird. Das wäre fast ein Drittel des Wilkins-Schelfs.

Wilkins-KarteDie antarktische Halbinsel ist der kleinste und verwundbarste Teil der Antarktis. Hier steigen die Temperaturen besonders schnell und hier haben sich auch schon erste Eisschelfe vollkommen aufgelöst. Zuletzt war das 2002 bei Larsen-B der Fall, einem 25.000 Quadratkilometer großen Gebiet im atlantischen Teil der Halbinsel. Auch hier lösten sich große Teile der ehemals so massiv wirkenden Schelfeisfläche in atemberaubender Geschwindigkeit auf. Wenn sich die auf dem Meer schwimmenden Eisflächen auflösen, tragen sie nicht zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Wenn sie aber verschwinden, können die Gletscher auf dem antarktischen Festland mit erhöhter Fahrt in Richtung Ozean fließen - und sie lassen den Meeresspiegel ansteigen. Bei Larsen-B hat man bereits gemessen, dass die Gletscherflüsse schneller fließen.

Der westantarktische Eisschild, der zweitgrößte am Südpol, ist nach dem Verschwinden seiner Schelfgebiete sogar schon einmal weitgehend abgeschmolzen. Das multinationale Andrill-Bohrprojekt im Ross-Schelf auf der pazifischen Seite der Antarktis hat ergeben, dass vor fünf bis drei Millionen Jahren das Klima am Südpol so warm war, dass selbst das riesige Ross-Schelf komplett verschwand. Dieses Eisschelf hat etwa die Größe von Frankreich. Wenn es verschwindet, haben sich alle anderen Eisschelfe längst aufgelöst. Modellrechnungen ergaben, dass unter solchen Bedingungen der westantarktische Eisschild geradezu ausläuft und weitgehend abschmilzt. Ein Meeresspiegelanstieg von sieben Metern wäre die Folge.

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