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Chance für die Hochgebirge

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.09.2013 14:51

Weltweit befinden sich die Gletscher auf dem Rückzug, diejenigen in den europäischen Alpen bilden da keine Ausnahme. Bis zum Ende des Jahrhunderts werden die meisten wohl verschwunden sein. Und was kommt dann? Hochgebirgsökologen sehen im Schwinden der Gletscher eine Chance für die Bergfloren und -faunen. Denn sie können sich so Ausweichquartiere erschließen, die den Lebensraumverlust in tieferen Höhen ausgleichen.

Tiefblau wie ein Saphir inmitten sattgrüner Matten liegt der Salzbodensee am Fuß des Venedigermassivs in Osttirol. Kein Wind geht, und so spiegeln sich die schneebedeckten Dreitausender ebenso wie die Wolken in der unbewegten Oberfläche des Bergsees. Die Alpenwelt zeigt sich an diesem Sommertag von ihrer besten Seite - hart am Rand zum Kitsch, aber doch authentisch. Das Idyll liegt auch hart am Rand zur lebensfeindlichen Gletscherwelt, die sich in Resten immer noch in den Alpen hält. Das Schlatenkees, der zweitgrößte Gletscher der Venedigergruppe in den österreichischen Hohen Tauern, endet nur wenige hundert Meter entfernt, sein Gletscherbach strömt gurgelnd am Salzbodensee vorbei und stürzt dann über eine 300 Meter hohe Steilstufe in die Tiefe des Gschlösstals. 1850 strömte hier noch das Eis in einem wild zerklüfteten Fall hinab und brandete am gegenüberliegenden Hang empor.

 Das Schlatenkees am Großvenediger. (Bild: NPHT)Davon ist gut 150 Jahre später nichts mehr zu sehen, das Schlatenkees ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Alpenrosen überziehen das Gestein mit ihren leuchtend roten Blüten. Wie dem Schlatenkees geht es fast allen der insgesamt noch mehr als 3700 Alpengletschern: Sie ziehen sich zurück und werden bis auf wenige Reste am Ende des Jahrhunderts voraussichtlich verschwunden sein. "Wir haben Maximalrückgänge von 30 Metern pro Jahr, gerade mal in der jetzt letzten Dekade ist das relativ häufig aufgetreten", erklärt Andrea Fischer vom Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Um abzuschätzen, welches eisige „Kapital“ da verloren geht, gehen die Glaziologen auf den Gletscher und messen, wie viel Eis da ist, wie viel abschmilzt und wie viel im Nährgebiet liegt, wo sich Nachschub bildet. Diese Daten gewinne man mit so genannten Ablationspegeln, sagt Andrea Fischer: "Das sind Stangen, die ins Eis gebohrt werden, die man am Anfang tief reinbohrt und jedes Mal, wenn man hingeht und sie abliest, schauen sie weiter raus." Von den österreichischen Gletschern werden neun auf diese Art vermessen, jeder von ihnen hat zwischen zehn und 50 Pegelstangen.

Auf der Gletscherzunge des Schlatenkees - also dort, wo der Eisstrom vor allem abschmilzt - stehen drei Pegelstangen, jede gut acht Meter lang und wandern mit der Gletscherbewegung. Zu Beginn werden sie so tief im Gletschereis versenkt, dass nur eine kurze Spitze herausschaut. Unter den Bedingungen heutzutage bleibt es nicht lange dabei: Auf der Gletscherzunge des Schlatenkees liegt eine der Stangen auf der Eisoberfläche, sie wurde erst im vergangenen Jahr eingesetzt und ist vollständig freigelegt. "Dass so viel Eis abschmilzt, ist normal", sagt Andrea Fischer, "die Frage ist immer, wieviel kommt im Vergleich dazu oben drauf." Oben, im so genannten Nährgebiet des Schlatenkees, kommt jedoch nicht genug hinzu und damit steht dieser Gletscher nicht allein da. Alle österreichischen Eisströme verlieren derzeit Masse, "im Mittel über die gesamte Gletscheroberfläche", so Fischer, "zwischen ein und zwei Meter".

 Alpenflora direkt am Gletscher des Untersulzbachkees. (Bild: NPHT Salzburg/Rieder)Was das Eis freigibt, wird schnell von der Alpenflora kolonisiert, die in diesem Jahr in den Hohen Tauern eine Blütenpracht entfaltet wie selten. "Der Rückgang der Gletscher ist für manche bedauerlich, die sie sehr gerne sehen. Ich finde sie auch großartig, aber für die Organismen öffnet sich einfach ein neuer Lebensraum", meint Christian Körner, Professor für Pflanzenökologie an der Universität Basel. Körner ist Spezialist für Hochgebirgsökologie. Ihn interessiert, was auf den Flächen geschieht, die die Eisströme gerade freigegeben haben. Körner beobachtet diese Einwanderung der belebten Natur in die ehemals feindseligen Gletschergebiete am Furkapass zwischen den Schweizer Kantonen Uri und Wallis. Seine Kollegin Katharina Aichborn vom österreichischen Nationalpark Hohe Tauern hat die Wahl: Ob vor dem Schlatenkees am Großvenediger oder vor der Pasterze am Großglockner, überall dehnt sich das Leben in die Gebiete aus, die kurz zuvor das Eis geräumt hat. "Wir sind in dem Bereich, der erst seit 2010 frei ist", erklärt die Botanikerin am Fuß der Pasterze. Schon im dritten Jahr, nachdem das Eis wich, haben sich hier erste Steinbrechpflanzen angesiedelt. Sie krallen sich zwischen dem Geröll fest, offenbar gewillt, höchstens dem Eis zu weichen. Vermutlich hat der Wind ihre Samen an den Fuß der Pasterze geweht, dann mußte nur noch wenig zusammenkommen. "Die Besiedelung ist sehr stark abhängig von der Höhenlage, vom Untergrund und sehr, sehr stark vom Substrat", erklärt Aichborn, "es braucht einiges an Feuchtigkeit, und das Material muss eine gewisse Stabilität haben. Wo das gegeben ist, können sich die ersten Pionierpflanzen ansiedeln." Mit der Zeit siedeln sich andere Pflanzen an. Durch die Stabilisierung kommen Nährstoffe hinein, es fängt die Bodenbildung an. Minerale verwittern, Bakterien fixieren Nährstoffe, zersetzen zusammen mit den Pilzen Pflanzenreste, Humus reichert an.

 Das Gletschertor der Pasterze, aus dem der Gletscherbach hervorströmt. (Bild: Dagmar Röhrlich)In 50, 60 Jahren wird am Fuß der Pasterze alles grün sein, in vielleicht 100 Jahren werden die ersten Lärchen wachsen. Am Rhonegletscher im Schweizer Wallis hat es auch so angefangen - vor 100 Jahren. Wo einst das Eis weit ins Tal vorstieß, fließt heute die Rhone zwischen 80jährigen Lärchen dahin. Der Gletscher selbst hängt inzwischen auf rund 2200 Meter Höhe, rund 400 Meter höher als noch 1850, bis 2100 soll er verschwunden sein. Indes - neu ist das nicht. "Letztes Jahr haben wir beim Salzbodensee einen Baumstamm freilegen können, eine alte Lärche", erzählt Florian Jurgeit, Geograph und Leiter der Nationalparkverwaltung Hohe Tauern in Tirol vom Schlatenkees. Der Baumstamm hat einen Durchmesser von 60 bis 70 Zentimeter und war rund 9000 Jahre alt. 


Was jüngst in den Alpen und anderen Hochgebirgen unter tätiger Mithilfe des Menschen geschah, hat sich in den vergangenen zwei Millionen Jahren mehrfach ereignet. Immer wieder haben Tiere und Pflanzen, die dort leben, auf die Vorstöße und Rückzüge der Gletscher reagiert - auf kleine, wenn es ein paar Jahre oder Jahrzehnte kühler oder wärmer wurde, und vor allem auf die großen, die eiszeitlichen Zyklen von Warm- und Kaltzeiten. "Letztmalig hat das Eis vor 18.000 Jahren einen Höhepunkt in den Alpen gehabt", erzählt Christian Körner, "damals ist es innerhalb weniger Tausend Jahre verschwunden. Und vor 12.000 Jahren hatten wir schon die Vegetation wieder gar nicht weit von den Höhenstufen entfernt, wo wir sie auch heute finden."

 Die Pasterze am Fuß des Großglockners ist Österreichs größter Gletscher. (Bild: Dagmar Röhrlich)Am Fuß des Großglockners hat es sogar vor nicht gar zu langer Zeit ein Moor gegeben - das schließlich von den Eismassen der Pasterze überfahren wurde. 16 Torflagen haben Geographen beim Ausbau des Gletscherpfades gefunden. Einer dieser Horizonte ist 4000 Jahre alt, die anderen könnten bis zu 6000 Jahre alt sein. Sie verraten, dass die Menschen damals hier oben eine Art Almwirtschaft betrieben, denn in ihnen stecken winzige Holzkohlereste und vor allem Pollen. Andreas Kellerer-Pirklbauer, Geograph an der Universität Graz: "Da sind Gräser drinnen, und zum Beispiel der Ampfer oder die Brennessel, die hier auch verstärkt zu sehen sind und durchaus Anzeiger für Weidewirtschaft sind."

Zu dieser Zeit konnte der "Ötzi" getaufte Mann aus der Bronzezeit mit vergleichsweise leichter Bekleidung hoch oben auf das Tisenjoch in Südtirol steigen. Funde am Schnidejoch zwischen den Schweizer Kantonen Bern und Wallis aus derselben Zeit beweisen, dass dort, wo heutzutage Sommerskibetrieb herrscht, in der Bronzezeit ein Jagdrevier war. In der Spätantike stießen dann wieder die Gletscher vor, was sich zum vorläufig letzten Mal in der so genannten Kleinen Eiszeit zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert wiederholte. Seither schrumpfen die weißen Riesen und der einzige Unterschied zu den vorherigen Abmagerungskuren besteht in der rasanten Geschwindigkeit, mit der im Hochalpinen die Temperaturen steigen.

Der Sandersee ist einer der jungen Gletscherseen im Vorfeld der Pasterze. (Bild: NPHT/Popp)Das Tempo macht zwar durchaus einen Unterschied, aber damals wie heute reagiert die Natur. "Dieser Freiraum wird natürlich sofort besiedelt von Spezialisten", erzählt Körner, "die Organismen stehen praktisch in den Startlöchern, damit sich dort neues Leben entwickeln kann. Gletschervorfelder sind unglaublich reich an Organismen." Auf die Ökosysteme im Gebirge wirkt der menschengemachte Klimawandel auf mehreren Wegen ein: über die Temperaturerhöhung, die Veränderungen im Niederschlag und mit der Dauer, die der Schnee liegen bleibt. "Unterhalb der Waldgrenze wird der Effekt der Erwärmung dominieren und der Winter dürfte kürzer werden", sagt Christian Körner, "aber ab einer gewissen Höhenstufe kommt zum Tragen, dass aus rein physikalischen Gründen eine wärmere Atmosphäre mehr Feuchtigkeit tragen kann, sodass die Niederschläge zunehmen." Will sagen, in den Höhen wird es mehr Schnee geben und er wird wohl auch länger liegen bleiben. "Der verbliebene Bergsommer ist also sehr kurz", so Körner, "das Leben ist jetzt zusammengedrängt auf wenige Wochen." Die Vielfalt der Klimazonen im Hochgebirge sorgt dafür, dass innerhalb dieses verkürzten Zeitraums die Tier- und Pflanzenarten immer noch eine genügende Vielfalt von Lebensräumen vorfinden. "Wir haben zeigen können, dass nicht ein einziger Typus von Lebensraum verschwindet, wenn man in einem waldfreien Terrain oberhalb der Waldgrenze die Temperatur um zwei Grad erhöht", erklärt Hochgebirgsökologe Körner, "es wird mehr Konkurrenz geben, aber es wird nicht zu einem Aussterben kommen. Dafür sorgt die reichhaltige Topographie des Gebirges." Um einer Erhöhung der Temperatur um zwei Grad zu entgehen, müsse eine Spinne in den Alpen beispielsweise nur zwölf Meter weit laufen, so Körner. Für ein winziges, vielleicht zwei Zentimeter großes Tier ist das zwar keine geringe Strecke, aber dennoch machbar.

 Der Großglockner im Nationalpark Hohe Tauern. (Bild: Dagmar Röhrlich)Auch die Folgen für das Umland der Alpen könnten sich in Grenzen halten, denn die Rolle des Hochgebirges als Wasserspender für das Vor- und Flachland ist offenbar geringer als gedacht. Radarmessungen zufolge liegen in Österreich derzeit etwa 13 Kubikkilometer Gletschereis. Ihr Schmelzwasser reiche aus, Österreich zwölf Zentimeter hoch zu überziehen, das entspräche in etwa dem Niederschlag in einem normalen Sommermonat, erklärt Michael Kuhn von der Universität Innsbruck: "Man muss also vorsichtig sein mit der Einschätzung der Alpengletscher als großen Wasserreserven." Die Ötztaler Ache bezieht noch ein Drittel ihres Wassers aus den umliegenden Gletschern. Nach der Vereinigung mit dem Inn sinkt dieser Anteil drastisch: Am Pegel Innsbruck sind es noch acht Prozent und an der Innmündung bei Passau noch ganze 1,5 Prozent. Sehr schnell dominiert folglich der normale Niederschlag.

Forscher und Nationalparkverwaltungen in den Alpen können im Schrumpfen der Gletscher sogar eine Chance für das so stark vom Menschen geprägte Europa entdecken. Wolfgang Urban, Leiter der Nationalparkverwaltung Hohe Tauern Salzburg in Mittersee: "Im Hochgebirge haben wir die große Chance, primäre Wildnis für die kommenden Generationen zu sichern und hier Prozesse zu beobachten, wie sie vor 15.000 Jahren nach der Eiszeit große Flächen in Europa betroffen haben." Die Hochgebirge, davon ist auch Christian Körner überzeugt, können Refugien für bedrohte Arten werden, wenn das Klima verrückt spielt.