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Der Riese schläft nur scheinbar

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 10:44

Die Antarktis ist offenbar doch nicht so sehr vom Rest der Welt isoliert wie bislang gedacht. Die Temperaturerhöhung, die die Meteorologen seit rund 100 Jahren auf der Erde verzeichnen, scheint sich nämlich auch in weiten Teilen des Südkontinents abzuspielen. Ein Klimatologen-Team aus den USA berichtet in „Nature“, dass sich die komplette Westantarktis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so stark erwärmt habe, dass sich auch für den Gesamtkontinent eine durchschnittliche Erwärmung ergeben hatte. Selbst das herbstliche Abkühlen über der riesigen Ostantarktis habe diesen Trend nicht aufhalten können.

Fieberkarte der AntarktisBislang war nur bekannt, dass sich die Antarktische Halbinsel, der Finger also, den der Kontinent in Richtung Südamerika ausstreckt, spürbar erwärmt. Da sich viele Forschungsstationen auf der 800 Kilometer langen Landzunge befinden, hatte man hier ein recht genaues Bild der Lage. Auf dem Kontinent selbst sitzen dagegen viel weniger Messstellen, und alle bis auf zwei liegen an der Küste. Besonders dünn ist das Messnetz in der Westantarktis, deshalb war unklar, was sich dort genau abspielt. Der Riese Ostantarktis dagegen, so sagten die Messwerte von dort ziemlich übereinstimmend, schien sich gegen den weltweiten Trend abzukühlen.

Die mangelhafte Datenlage und die widersprüchlichen Signale hatten noch den Welt-Klimafolgenrat IPCC bewogen, in seinem jüngsten Bericht die Frage auszusparen, ob sich der menschgemachte Treibhauseffekt auch schon in der Antarktis auswirke. Modellrechnungen hatten allerdings vor einigen Wochen ergeben, dass die auf dem Südkontinent gemessenen Temperaturen nur dann erklärbar sind, wenn man den menschlichen Treibhausgasausstoß in den Programmen berücksichtigt. Diese ersten Hinweise haben jetzt US-Klimaforscher unter Leitung von Eric Steig von der Universität von Washington in Seattle durch eine kontinentweite Temperaturrekonstruktion weiter erhärtet.

Atkabucht des Ekström-Jelbart-Schelfeises, AntarktisSteig und seine Kollegen versuchten, die Schwächen der Datenlage auszugleichen, indem sie verstärkt Satellitendaten heranzogen. Die Trabanten liefern flächendeckend für den gesamten Kontinent Temperaturwerte, fliegen allerdings erst seit rund 25 Jahren. Die US-Forscher haben daher die Satellitendaten zusammen mit den anderen Messwerten verwendet, um im Rechner die Temperaturentwicklung für den gesamten Kontinent zu rekonstruieren. Und dabei zeigte sich, dass die kontinentale Westantarktis den stärksten Temperaturanstieg von allen drei antarktischen Regionen erlebt hat. Die Temperatur stieg westlich des Transantarktischen Gebirges um durchschnittlich 0,17 Grad Celsius pro Jahrzehnt, wobei die Werte um 0,06 Grad nach oben oder unten abweichen können. Entsprechende Hinweise hatten bereits Eisbohrkerne geliefert, die an verschiedenen Stellen des westantarktischen Eisschildes genommen worden waren. Die Berechnungen der US-Gruppe zeigen jetzt, dass das keine punktuellen Ergebnisse waren.

Für den bisherigen antarktischen „Fieberherd“, die Halbinsel, ermittelten die Forscher dagegen einen Durchschnittswert von 0,11 mit einer Standardabweichung von 0,04 Grad nach oben oder unten. Für die Ostantarktis betrug der Wert immerhin 0,1 Grad. Allerdings ist hier die Abweichung mit 0,07 Grad wieder vergleichsweise groß, so dass sich kein wirklicher Trend ergibt. Vor allem im Herbst verzeichnet der riesige ostantarktische Gletscherschild, der rund 90 Prozent des irdischen Süßwassers speichert, demnach eine Abkühlung. Die Forscher sehen bisherige Vermutungen bestätigt, dass diese Abkühlung mit dem Ozonloch zusammenhängt, das sich regelmäßig im antarktischen Frühling ausbildet. Weil sich das Ozonloch voraussichtlich zur Jahrhundertmitte schließen wird, schwächt sich auch die Abkühlung über der Ostantarktis ab.

Eine Schelfeiskante in der AntarktisSpätestens dann wird sich das „Kühlhaus der Erde“ in den allgemeinen Klimatrend einreihen und deutliche Temperatursteigerungen erleben. Es bleibt abzuwarten, was das für die Eisschilde auf dem Kontinent bedeutet, doch die Prognosen stehen nicht günstig. Derzeit sehen wir nur eine Destabilisierung auf der antarktischen Halbinsel. Dazu gehören das fortlaufende Zerbröseln der auf dem Südozean schwimmenden Eisschelfe und ein beschleunigtes Abfließen der Gletscher von der Halbinsel. Zurzeit zerfällt das Wilkins-Eisschelf, eine Eisscholle, die einmal so groß wie Schleswig-Holstein war. Bei fortschreitender Erwärmung dürfte der Trend auch auf die Westantarktis und am Ende sogar auf den „ruhenden Riesen“ Ostantarktis übergreifen.

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