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Der Sahel wird grüner

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.07.2016 08:34

Der Sahel ist der Inbegriff von Dürre, Hunger und Not. Dieses Bild wurde vor allem von den großen Trockenperioden in den 70er und 80er Jahren geprägt, in denen Hunderttausende verhungerten. Auch auf der Klimafolgenkonferenz COP-12, die jetzt in Nairobi beginnt, wird hauptsächlich von der katastrophalen Situation im Sahel die Rede sein. Doch Teile der Region südlich der Sahara befinden sich inzwischen auf dem Weg der Besserung, sie haben sich eine dauerhafte Vegetationsdecke zugelegt.

Wenn Chris Reij von einer Anhöhe aus über das Department Zinder im Süden Nigers blickt, traut er seinen Augen kaum. "Man hat den Eindruck, man blickt auf einen Wald", schwärmt der Geograph von der Freien Universität Amsterdam. So weit das Auge reicht, überziehen Bäume wie ein grüner Pelz die lehmbraune Erde um die alte Hauptstadt des Niger. Zinder liegt mitten im Sahel, einem Synonym für Trockenheit, Wüstenbildung und Hungersnot. Vor 30 Jahren war das auch die Realität. Eine katastrophale Dürre suchte den gesamten Sahel heim, die Pflanzen vertrockneten, Vieh und Menschen starben - auch in Zinder. Die Bilder von den Verhungernden rüttelten damals den Westen auf.

Seitdem hat sich viel getan - zumindest in Zinder. "Was wie Wald aussieht, ist eigentlich eine landwirtschaftlich genutzte Parklandschaft", erklärt Reij. Die Bauern haben auf ihren Feldern Bäume einer einheimischen Akazienart gepflanzt. Das geschah zunächst nur in einigen Dörfern auf Anraten westlicher Entwicklungshilfeorganisationen, doch die Nachricht von dem Erfolg der Maßnahme verbreitete sich per Mundpropaganda und inzwischen stehen nach Reijs Hochrechungen Millionen von Bäumen im Department. Sie halten die Feuchtigkeit auf den Feldern und sie stabilisieren die dünne Schicht Mutterboden, doch sie dienen auch als nachhaltige Quelle für Viehfutter und Brennholz.

Der Sahel vom Satelliten aus. (Bild: NOAA)

So grün wie auf diesem koloriertem Satellitenbild ist der Sahel zwar noch nicht, doch Steppe und Wüste ziehen sich punktuell zurück. (Bild: NOAA)

Die Maßnahme zeigte Erfolg: Als im Niger 2005 wieder eine Hungersnot herrschte, gab es in den Orten, die Bäume gepflanzt hatten, nur geringe Probleme. "Wir haben hinterher in den Dörfern nach der Kindersterblichkeit gefragt und in diesen Orten gab es sie nicht", erzählt Reij, "der Nachbarort, der keine Bäume gepflanzt hatte, hatte viele Kinder zu Ernährungszentren abgeben müssen, und sie waren noch nicht wieder zurück." Auch in Tahoua in Zentralniger gibt es diese Bestrebungen, aus Mali wurde sie berichtet, und Reij kennt sie bereits aus früheren Projekten im östlichen Nachbarland Bourkina Faso.

Gegenden wie die um Zinder sind dafür verantwortlich, dass seit einigen Jahren vom wieder ergrünenden Sahel die Rede ist. Sogar auf den Satellitenbildern aus dem Weltall kann man das beobachten. "Auf Satellitenbildern fanden wir eine beachtliche Erholung der Vegetation", erklärt Professor Lennart Olsson vom Umweltforschungsinstitut der schwedischen Universität Lund. Der Geograph hat mit Kollegen aus Dänemark und Großbritannien die Bilder ausgewertet, die ein US-Wettersatellit in den vergangenen 20 Jahren täglich geschossen hat. Und die zeigen eindeutig, dass die Pflanzen überall im Sahel wieder auf dem Vormarsch sind. Und dieser Vormarsch scheint vor allem die Folge von besser angepasster Wirtschaft zu sein.

Die Meteorologen erwarten zwar, dass der Monsun sich im südlichen Westafrika verstärkt und den zwischen Trockenheit und einer bescheidenen Vegetation schwankenden Sahel stärker begrünt. Und tatsächlich gibt es auch mehr Regen als während der Dürrejahre, in Burkina Faso etwa beträgt die Steigerung rund zehn Prozent. Doch noch immer ist es im Sahel wesentlich trockener als im Durchschnitt der vergangenen 100 Jahre. Der von allen Klimamodellen für die Region vorhergesagte Regenzuwachs infolge des globalen Treibhauseffektes hat noch nicht eingesetzt, und man sollte, so warnt Martin Claussen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie, auch nicht auf kurzfristige Hilfe durch den Treibhauseffekt hoffen. "Unser Modell produziert keine zufälligen 10-Jahres-Schwankungen und deshalb können wir noch nicht mit Sicherheit sagen, ob das, was jetzt da passiert, eine 10-Jahres-Schwankung ist, oder vielleicht schon ein Trend." Statt auf besseres Wetter zu hoffen, müssen sich die Bewohner weiterhin um eine besser angepasste Wirtschaftsweise bemühen. Denn das Wetter reagiert auf Veränderungen am Boden. "Es gibt eine positive, das heißt sich selbst verstärkende Wechselwirkung", erklärt Martin Claussen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie, "wenn man es ganz einfach sagen will, zieht Vegetation sozusagen den Regen an und verstärkt auf diese Art und Weise den Monsun, und das wird dann zu einer deutlich grüneren Sahara."

Die Beobachtungen von Chris Reij zeigen, dass es lokale Fortschritte sind - dort nämlich, wo die Dörfer mit massiver Unterstützung aus dem Ausland ihre Landwirtschaft umstellen und auf maximalen Boden- und Wasserschutz setzen. Das wichtigste Argument für einen im Wesentlichen menschlichen Einfluss auf die Begrünung erschließt sich jedoch bei einem Flug über die betroffenen Staaten: Dort liegen Dörfer mit zunehmender Vegetation direkt neben Dörfern, auf deren Gebiet die Wüste voranschreitet, weil sie keine angepasste Wirtschaftsweise betreiben. "Wir sehen im Niger eine beträchtliche Wende zum besseren, vor allem in den dicht besiedelten Gebieten", erklärt der Geograph, "und wir hoffen, dass sich diese Erfahrungen auch bis zu den Klimaschutzkonferenzen herumsprechen, wenn nicht zu der jetzt beginnenden in Nairobi, dann vielleicht bis zur nächsten."