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Die ältesten Lauscher der Welt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.09.2007 10:49

Summende Insekten, die man mit den Ohren besser orten und dann umso erfolgreicher jagen kann, ihnen haben die Landwirbeltiere wohl nicht ihr ausgefeiltes Gehör zu verdanken. Paläontologen vom Museum für Naturkunde in Berlin haben jetzt moderne Ohren an so alten Reptilien entdeckt, dass diese bisher beste Theorie über den evolutionären Ursprung unseres Gehörs ins Wanken gerät. Die untersuchten Reptilien sind 260 Millionen Jahre alt. Sie stammen aus dem Perm, also aus einer Zeit vor der großen Blüte der modernen Insekten. Wenn es keine summende Beute war, dann, so der Vorschlag der Paläontologen, vielleicht ein Leben in der Dämmerung oder sogar Nacht.

Die Fossilien mit den uralten Ohren liegen schon seit einiger Zeit im Paläontologischen Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. „Nur sind sie bisher nicht sonderlich gut untersucht worden“, erklärt Dr. Johannes Müller vom Museum für Naturkunde in Berlin. Das haben Müller und seine Kollegen inzwischen nachgeholt, und bei dieser eingehenden Untersuchung entdeckten die Paläontologen auch die Kennzeichen eines modernen Gehörs. Die Fossilien stammen von Mitgliedern der Parareptilien und wurden im Becken des Mesen gefunden, eines nordrussischen Flusses, der ins Weiße Meer mündet. Diese Reptiliengruppe hatte ihre Blütezeit im Perm und starb spätestens in der Trias aus. Den Aufstieg der Dinosaurier und auch die Blüte der Insekten hat sie also nicht mehr erlebt.

Gehör als Vorteil im Nachtleben

In ihrem Bericht in PLoS One schlagen die Berliner Paläontologen daher eine andere Ursache für die Entwicklung des Gehörs vor. Denn dass diese rund einen halben Meter langen Reptilien hören konnten, daran besteht kein Zweifel. „Es gibt keine andere Erklärung für die anatomischen Merkmale“, so Müller. Statt summenden Insekten nachzustellen, könnten sie sich, schreiben Müller und seine Kollegin Linda Tsuji, an Land eine neue ökologische Nische erschlossen haben.

Wer hören kann, kann sich auch in Umgebungen orientieren, in denen ihm die Augen nichts nützen, zum Beispiel in der Dämmerung oder gar in der Nacht. Möglicherweise sind also die Parareptilien aus dem heutigen Nordrussland dem wachsenden Bevölkerungsdruck auf dem paläozoischen Festland ausgewichen, indem sie ihre Lebensweise in die Nacht verlegten. „Unter den heutigen Landwirbeltieren können auch die nacht- oder dämmerungsaktiven am besten hören“, begründet der Paläontologe seine Hypothese. Dafür sprechen nach Müllers Aussagen auch die relativ großen Augen, die alle untersuchten Schädel hatten. „Wir stellen sie uns wie Wüsten- oder Trockentiere vor, die erst in den Abendstunden aus ihren Löchern kamen“, meint Müller.

Schädel zeigen Anzeichen von Gehör

Gefunden haben Müller und Tsuji etwa eine große Ausbuchtung im Schädelbereich, die bei den lebenden Tieren von einer Membran überspannt war. Dazu gehört aber auch ein filigraner Steigbügel, der die Schallwellen vom Trommelfell an das Innenohr übermittelt. „Den Steigbügel gibt es schon immer, aber als Balkenknochen zum Abstützen des Schädels“, so Müller, „hier aber hat er seine Verbindung zum Schädel gelöst und ist nur noch sehr dünn.“ Seine zierliche Ausführung wird dem Steigbügel häufig zum Verhängnis, „er wird“, so Müller, „meistens wegpräpariert“. Doch zumindest bei einigen der russischen Fossilien blieb er erhalten. Als drittes fanden die Forscher auch noch die für das Innenohr typischen kleinen Öffnungen im Inneren des Schädels. Auch sie waren früher membranüberspannt und bildeten den einzigen Zugang zum flüssigkeitsgefüllten Innenohr. Auf der einen sitzt das kleine Ende des Steigbügels auf, und gibt so die Impulse des Trommelfells an das Innenohr weiter, das andere Fenster dient dem Druckausgleich, wenn der Steigbügel sich in das Innenohr bohrt.

Die Parareptilien aus dem Mesen-Becken sind zwar die Wirbeltiere, bei denen man die ersten Ohren gefunden hat. Sehr zweifelhaft ist allerdings, ob sie damit die Urheberschaft für das Wirbeltiergehör beanspruchen dürfen. Schließlich starben sie kurze Zeit später ohne Nachkommen aus. Stattdessen dürfte sich das Gehör mehrmals parallel in den Vorfahren der späteren Wirbeltierklassen entwickelt haben, die in Perm und Trias die Erde bevölkerten.