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Die ersten Briten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 08.07.2010 13:06

Die britischen Inseln sind doch früher von Urmenschen erkundet worden, als bislang gedacht. An der Nordseeküste Norfolks haben Paläoanthropologen Urmenschen-Werkzeuge gefunden, die mindestens 780.000 Jahre, vermutlich aber sogar fast eine Million Jahre alt sind. In der aktuellen "Nature" stellen sie ihre Funde vor.

Ausgrabung am StrandDie mittelenglischen Grafschaften Norfolk und Suffolk nördlich und südlich der Themsemündung waren vor etwa einer Million Jahre ein lauschiger Ort - für nordeuropäische Begriffe. Die Sommer waren etwas wärmer als heute, die Winter dafür etwas kälter und die Niederschläge wohl nicht so reichlich, alles in allem etwa so wie heutzutage der skandinavische Süden aussieht. Für Menschen aus südlicheren Gefilden wäre es dennoch kein so angenehmer Platz gewesen, und trotzdem sind sie offenbar dagewesen.

Flintwerkzeuge aus NorfolkEin Wissenschaftler-Team unter Leitung des Natural History Museums in London hat bei der Ortschaft Happisburg in Norfolk Steinwerkzeuge gefunden, die auf jeden Fall älter als 780.000 Jahre sind und aufgrund der Beifunde entweder in eine Zwischeneiszeit vor 950.000 Jahren oder eine vor 840.000 Jahren gehören. "Damit reiht sich Happisburg in eine Reihe von etwa gleich alten, wenn auch weniger gut datierten Funden aus Deutschland und Nordfrankreich ein", kommentieren die beiden Paläoanthropologen Rainer Grün und Andrew Roberts von der Australischen Nationalen Universität in Canberra in "Nature".

Viel mehr als die Flintsteine mit den für steinzeitliche Werkzeuge typischen abgeschlagenen Kanten hat sich von den allerersten Briten nicht erhalten. Doch die insgesamt 78 Artefakte können nicht per Zufall an den Fuß der Sandkliffs von Happisburg gelangt sein. Die Urmenschen, so die Ansicht der Forscher um Professor Chris Stringer vom Naturkundemuseum in London, haben sie absichtlich hierhergetragen, und das auch öfter, denn die Relikte fanden sich in verschiedenen Schichten. "Diese bei weitem ältesten Hinweise auf Menschen in Britannien haben weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis von Verhalten, Anpassungsfähigkeit und Überleben der frühesten Menschen", erklärt der Paläoanthropologe.

Ausgräber am StrandDie Urmenschen waren schließlich aus ihrer ursprünglichen Heimat Afrika und allen uns bisher bekannten Fundorten warmes Klima gewohnt, ein heftiger Kontrast zu den jahreszeitlich stark schwankenden Temperaturen mit Eis und Schnee im Winter, die sie in Englands Osten vorfanden. Allerdings fand die erste Wanderung aus Afrika heraus auch schon vor 1,8 Millionen Jahren statt und vor 1,3 Millionen Jahren hatten sich die Urmenschen offenbar rund ums Mittelmeer etabliert. Vor einigen Jahren hatte man bereits am Südufer der Themse Spuren von Urmenschen gefunden, die rund 700.000 Jahre alt waren. Damals erlebte Europa eine der zahlreichen Zwischeneiszeiten, in denen allerdings eine Landbrücke zwischen der britischen Hauptinsel und Europa bestand. Solche Verhältnisse hat es auch vor 840.000 und vor 950.000 Jahren gegeben, England war durch einen breiten Streifen zwischen den Grafschaften Suffolk und Kent mit dem Kontinent verbunden, die Nordsee ein nur nach Norden offenes Randmeer.

Happisburg vor 900.000 Jahren"Die Funde in Happisburg sind so unglaublich bedeutend", betont Nick Ashton, Archäologe am British Museum und Mitautor der Studie, "weil sie mit einer einzigartigen Fülle von Umweltdaten einhergehen, die uns ein ziemlich klares Bild von der damaligen Umwelt zeichnen." Danach lag die heutige Nordseeküste von Mittelengland weiter vom damaligen Meer entfernt, dichte Nadelwälder dominierten das Bild, nur im Umland der Urthemse, eines träge dahinfließenden Stroms gab es Grasland mit Erlenwäldchen, Sümpfe und Marschen, in Richtung der breiten Flussmündung auch Salzmarschen. Die Urmenschen werden sich vornehmlich in diesen offenen Flussauen aufgehalten haben, wo sie essbare Pflanzen fanden und Fische aus dem Fluss holen konnten, und wo sich auch große Pflanzenfresser, ihre bevorzugte Beute, aufhielten.

Zu welcher Frühmenschenart die Urheber der Flintwerkzeuge aus Happisburg gehören, können die Wissenschaftler nicht sagen, weil sich keinerlei menschliche Fossilien erhalten haben.  "Sie können durchaus mit dem sogenannten homo antecessor zu tun haben, dessen Fossilien wir in Atapuerca in Spanien gefunden haben", so Chris Stirnger. Dann wären die frühesten Briten Vorfahren des späteren Neandertalers gewesen. Auf jeden Fall war die Besiedelung Britanniens nicht dauerhaft, sondern wurde durch die vorstoßenden Gletscher der nachfolgenden Eiszeit wieder beendet.

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