Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Die große Lücke der Megafauna

Die große Lücke der Megafauna

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 09.11.2015 12:25

Die großen Tiere hinterlassen in den Ökosystemen offenbar einen unerwartet großen ökologischen Fußabdruck. In einer ganzen Reihe von Beiträgen in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften haben Biologen den Beitrag der sogenannten Megafauna zur Leistungsfähigkeit der Ökosysteme untersucht. Ihr Fazit: Die Menschheit weiß gar nicht, welchen Schaden sie sich selbst zugefügt hat.

Ein Buckelwal kommt an die Wasseroberfläche. (Foto: NOAA)"Mit einem relativ simplen Modell haben wir abgeschätzt, dass die Erde sehr viel fruchtbarer war, als es noch viele dieser großen Tiere gab", meint Chris Doughty, Juniorprofessor am Institut für Ökologischen Wandel der Universität Oxford, "ganz einfach, weil diese sehr effizient Nährstoffe von reichen zu armen Regionen verteilten." Megafauna - üblicherweise fallen darunter Tiere von mehr als 40 Kilogramm Körpergewicht - hat es bis vor relativ kurzer Zeit auf allen Kontinenten gegeben. Mit der Verbreitung der modernen Menschen vor 100.000 Jahren setzte ihr Niedergang ein, "und er ist", sagt Jens Christian Svenning von der dänischen Universität von Aarhus, "keineswegs zu Ende."

Damit meint der Professor für Biodiversität vor allem den Kontinent, der sich als letzter überhaupt noch eine nennenswerte Bevölkerung von Großtieren erhalten hat: Afrika. In Afrika sind heutzutage allen Anstrengungen der Naturschützer zum Trotz die Großtiere unter erheblichen Druck geraten. Sie sind Ziel eines inzwischen weltweiten Jagdtourismus, Elefanten und Nashörner werden dazu noch wegen ihrer Stoßzähne und Hörner gewildert - vor allem aber konkurrieren die Großtiere mit den Menschen um Lebensraum. Doch wenn die Ergebnisse stimmen, die Svenning, Dougthy und ihre Kollegen in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften berichten, dann könnten es die Menschen in Afrika den Druck auf die Großtiere noch bereuen. "Diese haben einen sehr großen Einfluss auf die Bewaldung", sagt Svenning, "sie kontrollieren, wie der Wald strukturiert ist und verbreiten Pflanzensamen über weite Strecken."

Elefanten plündern gern die Felder im Umkreis der Serengeti. (Foto: H. Kroker)Es ist vermutlich diese Transportfunktion, die der Megafauna ihren größten ökologischen Fußabdruck verschafft. "Sie transportieren Nährstoffe zwischen den Regionen hin und her, vom Boden der Ozeane in die oberen Stockwerke der Weltmeere und vom Wasser zurück an Land", berichtet Chris Doughty. Im wesentlichen ist das die wissenschaftliche Beschreibung der Tatsache, dass die großen Tiere in fruchtbaren Gegenden viel fressen, die Nahrung dann über Stunden verdauen und dabei große Strecken zurücklegen, um dann an anderer Stelle Darm und Blase zu entleeren. "Das ist wirklich eine Schlüsselfunktion" erklärt der Oxforder Ökosystemforscher, "denn in der Regel fließen die Nährstoffe bergab."

In der unbelebten Natur gibt es tatsächlich über geologisch kurze Zeiträume nur eine Richtung. Nährstoffe werden als Bestandteile des Gesteins durch Erosion und Verwitterung freigesetzt, fließen mit Rinnsalen, Bächen und Flüssen ins Meer und landen dort irgendwann in den Tiefen der Tiefsee. Die Plattentektonik sorgt zwar dafür, dass sie nach Millionen und Abermillionen Jahren irgendwann einmal wieder an der Erdoberfläche auftauchen, aber nach biologischen Maßstäben sind Nährstoffe, die in der Tiefsee landeten, dem Kreislauf entzogen. Auf den unterschiedlichsten Stufen dieses Abstiegs greifen die Großtiere ein, zuletzt die Wale, die häufig in der Tiefsee fressen, zum Atmen aber an die Oberfläche kommen und sich auch dort erleichtern. "Und so bewegen sie Nährstoffe wie Phosphor oder Eisen gegen die Schwerkraft wieder an die Oberfläche", erklärt Jens Christian Svenning. "Es war tatsächlich so etwas wie ein geschlossenes System, wo Wale die Nährstoffe aus der Tiefsee an die Meeresoberfläche brachten, Seevögel und wandernde Fische sie auf die Kontinente transferierten und die großen Landtiere sie dort weiterverteilten", ergänzt Chris Doughty.

Mastodons gehörten zur ausgestorbenen nordamerikanischen Megafauna. (Foto: Science/Universität Wisconsin/Barry Roal Carlsen)Die Ökosystemforscher schätzen, dass die heutzutage übrig gebliebenen Wale noch etwa zehn Prozent des Transports leisten, den ihre Vorfahren bewerkstelligten, als sie noch vom Menschen ungestört durch die Weltmeere zogen. Ähnlich bedeutend schätzen Wissenschaftler wie Svenning oder Doughty die Leistung der großen Landtiere ein - Afrika verliert also gerade einen wichtigen Faktor für die Erhaltung seiner Ökosystemdienstleistungen - also der Vorteile, die Menschen aus ihrer Umwelt beziehen. Sind die Tiere erst einmal verschwunden, wird es schwierig. Biodiversität ist ein komplexes Geflecht, wird ein Faktor aus dem Spiel genommen, zerreißt das ganze Netz.

Umgekehrt ist es nahezu unmöglich, ein einmal beschädigtes Biodiversitätsnetz wieder zu flicken, indem man einen Faktor wieder ins Spiel bringt. Entsprechend kritisch sehen Svenning und Doughty die Auswilderungsmaßnahmen, die vor allem in Europa und den USA durchgeführt werden. "Wir brauchen viel mehr empirische Studien darüber, was es heißt einzelne Fleischfresser, einzelne Pflanzenfresser oder vielleicht eine Vielzahl von Großtieren wieder einzuführen", fordert Jens Christian Svenning. Denn für die Ökosysteme ist vor allem wichtig, dass bestimmte Funktionen erfüllt werden, wer diese Funktionen letztendlich erfüllt, ist zweitrangig. "Bislang waren die Auswilderungsinitiativen aber vor allem daran interessiert, eine bestimmte Art vor dem Aussterben zu retten, nicht ihre Funktion zu sichern", so Svenning. Dennoch glaubt der dänische Forscher, dass die Umstände für die Wiederansiedlung der Großtiere selten so günstig waren wie heutzutage. "Die Megafauna könnte ein sehr effizienter Weg sein, unsere verbliebene Natur zu pflegen, denn diese Tiere erledigen das kostenlos, wo technologische Lösungen vor allem teuer würden."