Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Die Risiken steigen

Die Risiken steigen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.05.2013 06:16

In den USA hat die Tornado-Saison mit großer Wucht begonnen. Nach Wirbelsturmserien in Nordtexas bis hinauf nach Kansas hat ein besonders ausgedehnter Tornado jetzt einen Vorort von Oklahoma City verwüstet. Die sogenannte "Tornado Alley" von der Golfküste bis hoch zu den Großen Seen muss jedes Jahr zwischen März und August mit Wirbelstürmen rechnen. Einer statistischen Auswertung der Münchener Rück zufolge haben sich allerdings in den vergangenen 40 Jahren Sturmrisiken und wirtschaftliche Schäden parallel und drastisch erhöht.

Ein Tornado bewegt sich am 20. Mai 2013 auf Moore, Oklahoma, zu. (Bild: Wikimedia/Ks0stm)Voraussichtlich 24 Tote, ein Vielfaches an Verletzten und gewaltige Verluste hat ein gewaltiger Wirbelsturm nahe Oklahoma City hinterlassen. Bis weit in den Sommer hinein wird es in den weiten Ebenen der Prärie bis hinauf zu den Großen Seen immer wieder Gewitterzellen mit Wirbelsturmpotenzial geben. "In den USA sind die Rocky Mountains Nord-Süd orientiert, deswegen haben wir da sehr starke Zusammentreffen von feuchtwarmen Luftmassen aus dem Golf von Mexiko mit kühlen Luftmassen aus dem Nordwesten und in der Folge sehr, sehr starke Gewitterentwicklungen", erklärt Eberhard Faust von der Georisikoforschung der Münchener Rück. In den vergangenen 40 Jahren ist dieses Gewitterrisiko stark gestiegen, und mit ihm das Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden. In der Studie, die im Journal "Weather, Climate and Society" der Amerikanischen Meteorologischen Gesellschaft veröffentlicht wird, berichten die Wissenschaftler um Faust von einer deutlichen Korrelation. "Wir sehen eine Zunahme der Variabilität und des mehrjährigen Mittels des Schwergewitterpotenzials", erklärt der Geoökologe Eberhard Faust, "parallel dazu steigen die Schäden auf die gleiche Weise an, also sowohl was deren Variabilität angeht als auch im langjährigen Mittel."

Das Sturmrisiko in den USA hat gewaltige wirtschaftliche Folgen. Im vergangenen Jahr entfielen nach Angaben der Münchener Rück zwei Drittel aller weltweiten wirtschaftlichen Schäden auf die Vereinigten Staaten, bei den versicherten Schäden waren es sogar 90 Prozent. Den Grund lieferte Hurrikan Sandy, der im Herbst 2012 die US-Ostküste zwischen Washington und Boston verheerte. Sowohl bei Tornados als auch bei Hurrikans verzeichnet die US-Wetterbehörde NOAA einen Anstieg in Häufigkeit und Intensität. Mit den immer stärker wuchernden Stadtlandschaften in den USA steigt gleichzeitig das Risiko, dass ein solcher Sturm auch bewohntes Gebiet trifft und damit erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichtet.

Wachsende Risiken infolge von Naturkatastrophen gibt es nicht nur in den vergleichsweise wohlhabenden USA. Daher schlagen inzwischen auch die Vereinten Nationen Alarm. "Die wirtschaftlichen Verluste sind außer Kontrolle geraten", warnte UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon in der vergangenen Woche. Allein in diesem Jahrhundert kommt die Münchener Rück auf versicherte und nicht versicherte Schäden von rund 1,68 Billionen Dollar. Die vom belgischen Zentrum für Katastrophenepidemiologie geführte und von der UN genutzte Emdat-Datenbank dokumentiert für denselben Zeitraum einen Wert von 1,25 Billionen Dollar. Der wachsende Wohlstand, die zunehmende Zersiedelung und eben auch die Verschlechterung der klimatischen Bedingungen lassen erwarten, dass diese Summen drastisch steigen werden. "In einer Welt, in der Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und Klimawandel weiterhin voranschreiten, steigt das wirtschaftliche Risiko von Naturkatastrophen drastisch", betonte Margareta Wahlström, Chefin des UN-Büros für Katastrophenvorsorge UNISDR bei der Vorstellung des aktuellen Risikoberichts GAR13 in New York. Derzeit beraten Delegierte der UN auf UNISDR-Initiative in Genf über geeignete Maßnahmen.

Klimaforscher und Versicherungswirtschaft sind dabei so etwas wie natürliche Partner, denn sie verfügen über die wichtigste Voraussetzung für Prognosen: Daten. "Auf der Schadenseite sind die qualitativ besten verfügbaren Daten die aus der Versicherung", sagt Faust. Die Versicherer führen genau Buch über ihre Ersatzzahlungen, darüber hinaus gibt es relativ gute Informationen über das Verhältnis von versicherten zu nicht versicherten Schäden. Die Versicherungswirtschaft hat aber nicht nur die Schadendaten, sie hat auch ein Interesse an Austausch mit der Klimaforschung. "Uns geht es vor allen Dingen darum, dass wir Zusammenhänge finden, die unsere Risikomodellierungsansätze verbessern", erklärt etwa Faust. Damit meint er den Einfluss, den die natürliche und auch menschengemachte Klimaveränderungen auf die Versicherungsrisiken haben.

Bereits am 3. Mai 1999 richtete in Moore ein Tornado schwere Schäden an. (Bild:  USGS)Im Fall der Wirbelstürme im mittleren Westen ist der Einfluss ziemlich eindeutig. Bei Stürmen und bei Schäden steigen die Variabilität während des Jahres als auch die Intensität über die 40 Jahre hinweg nahezu gleich. Faust: "Man sieht im Mittel über diese Perioden einen Anstieg um den Faktor zwei, bei der Variabilität sieht man den Anstieg ungefähr im Faktor 1,5." Was man nicht sieht, ist die Ursache dieser Entwicklung. Einen Zusammenhang mit dem menschlichen Einfluss konnten die Forscher nicht diagnostizieren, das gab ihr Ansatz nicht her. "Wir können dennoch zeigen, dass unsere Ergebnisse konsistent sind mit anderen Studien, die sich auf den anthropogenen Klimawandel sozusagen fokussieren", sagt Faust. Allerdings wollen die Forscher genau diese Frage in künftigen Forschungen genauer untersuchen.