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Die Verwundbarkeit verringern

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 12.06.2012 09:55

Drei mittelschwere Erdbeben mit Magnituden 6,1, 5,8 und 5,5 haben kurz hintereinander die untere Poebene zwischen Mantua, Modena und Rovigo getroffen. Die Schäden sind für Erdbeben dieser Stärke erschreckend. Zwischen einer und fünf Milliarden Euro könnten zu Buche schlagen, vor allem weil die Wirtschaft der hauptsächlich betroffenen Provinz Modena weitgehend zum Erliegen kam. Der Blick auf die rein seismologischen Aspekte der Beben greift offenbar zu kurz, daher fordert ein Erdbebenexperte vom Deutschen Geoforschungszentrum einen umfassenderen Ansatz.

Das historische Erbe der Emilia, hier Finale Emilia, wurde durch die Beben vom Mai 2012 schwer getroffen (Bild: INGV/Adriano Cavaliere).Die Rocca Estense in San Felice sul Panaro ist ein mächtiger Ziegelbau mitten im alten Kern des inzwischen auf 11.000 Einwohner gewachsenen Landstädtchens am Po. Die Burg ist mit ihren charakteristischen Zinnen und Wehrtürmen ein getreues Abbild der großen Stadtburg in Ferrara, der ehemaligen Hauptstadt der Este - und sie sollte seit dem 16. Jahrhundert die Territorien der norditalienischen Fürstenfamilie gegen die zahlreichen Konkurrenten schützen. Jetzt muss die Burg selbst geschützt werden. Bei den Erdbeben vom 20. und vom 29. Mai ist der wuchtige Bau schwer beschädigt worden.  Drei der vier Türme stürzten ein, ebenso eine Seite des Mauergevierts, der Hauptturm ist schwer beschädigt und kann offenbar jederzeit zusammenfallen.

Die Bodenbewegungen bei den Beben vom Mai 2012 in der Emilia (Bild: INGV).Die Beben waren die schwersten seit Jahrhunderten. "Im 14. Jahrhundert gab es ein Beben der Magnitude 5,8 und im 16. Jahrhundert gab es eine Serie von vier solchen Beben mit Magnituden um 5,5 herum", erklärt Jochen Zschau, Professor am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Die Este-Burg in San Felice wurde erst nach der Bebenserie des 16. Jahrhunderts gebaut, wie viele der jetzt schwer beschädigten Baudenkmäler ebenfalls. In der Emilia drückt die kleine adriatische Platte von Osten gegen die riesige afrikanische, die gegen Eurasien im Norden anrennt und dabei die Alpen auffaltet. Die Energien entladen sich in Erdbeben, wobei man in der mit dicken Sedimenten beladenen Poebene nicht gut erkennen kann, wo die Störungen, also die Konfliktlinien, genau verlaufen, an denen die Entladungen stattfinden.  Für den Erdbebenexperten aus Potsdam ist die Emilia dennoch eher eine "Region moderater Erdbebengefährdung". 

Auch die moderne Bausubstanz hat durch die Beben vom Mai 2012 schwere Schäden erlitten (Bild: INGV/Marco Massa).Allerdings sieht Zschau in ihr ein Musterbeispiel dafür, dass es keineswegs reicht, allein auf die Erdbebengefährdung zu blicken. "Gerade in dieser Region haben wir gesehen, dass ein moderates Beben, das durchaus auch in Deutschland passieren könnte, eine ganze Wirtschaftsregion lahmgelegt hat", sagt der Seismologe. In der besonders stark betroffenen Provinz Modena sind offenbar rund 90 Prozent aller Fabrikhallen eingestürzt - so dass die traditionell mittelständisch strukturierte Wirtschaft weitgehend zum Erliegen kam. Ein Beispiel mit Symbolkraft: "Die Parmesanwirtschaft ist ausgesprochen stark betroffen", so Zschau, "Hunderttausende von Parmesanrädern sind zerstört worden, Schäden von etwa 200 Millionen Euro nur für die Parmesanindustrie entstanden." 

Bebenkarte der Poebene im Mai/Juni 2012 (Bild: INGV).Die Gefährdungskarten müssen, so fordert er, durch Risiko- oder Vulnerabilitätskarten ergänzt werden, die die Verletzlichkeit der betroffenen Regionen verdeutlichen. "Doch die", so Zschau, "gibt es noch nicht", weder für Italien noch für irgendein anderes Land der Erde. Mit dem Globalen Erdbebenmodell GEM glauben die Seismologen einen Anfang gemacht zu haben. Mehr als 200 Institute arbeiten seit 2009 an einer gemeinsamen Übersicht der Erdbebengefährdung des Planeten. Darauf aufbauend müssten dann die Risiken abgeschätzt werden. "Das ist ja nicht so einfach, dass da ein Erdbebengebiet ist und Häuser zusammenfallen, sondern es gibt Kettenreaktionen aller möglichen Arten", erklärt Zschau, "wie bei dem großen Beben in Tohoku im letzten Jahr, wo dann Atomkraftwerke betroffen waren. Es gibt da sehr komplexe Vorgänge, die Wirtschaft und Gesellschaft mit einbeziehen." Diese Kettenreaktionen können sich inzwischen über die gesamte Welt hinziehen, nach Tohoku kam es zum Beispiel zu Lieferschwierigkeiten in der IT- und der Automobilindustrie, weil Zulieferbetriebe in Japan ausfielen. Der Tsunami 2004 im Indischen Ozean kostete mehr Deutsche das Leben als jede andere Naturkatastrophe der vergangenen Jahrzehnte.

Ein kleiner Turm der Rocca Estense in San Felice sul Panaro ist nach den Beben vom Mai 2012 eingestürzt (Bild: Flickr/Il fatto quotidiano)."Der schwerste Schritt ist natürlich, diese wissenschaftlichen Ergebnisse auch in die Praxis einzubringen,  hier müssen dann sehr viele Gespräche mit den Nutzern laufen", betont der Potsdamer Geowissenschaftler. Eine andere Möglichkeit sieht er allerdings nicht, schließlich stehen Millionen Menschenleben auf dem Spiel und die Zukunft ganzer Volkswirtschaften. In den nächsten zehn bis 15 Jahren wollen die Geowissenschaftler das mit anderen Wissenschaftlern, Vertretern der Industrie, der Staaten, der Zivilgesellschaften angehen, "denn", so Zschau, "die Erdbeben wird es immer geben, an dieser Schraube können wir nicht drehen, aber wir können an der Vulnerabilität etwas ändern."

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