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Doch noch länger Schnee auf dem Kilimandscharo

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:36

Die Gletscher auf dem Kilimandscharo faszinierten nicht nur den Schriftsteller Ernest Hemingway. Die Hälfte der Touristen, die Afrikas höchsten Berg besuchen, kommt Umfragen zufolge wegen der weißen Kappe oben auf dem fast 6000 Meter hohen Vulkan. Umso größer war die Aufregung, als Meldungen die Runde machten, der Schnee auf dem Kilimandscharo sei spätestens 2020 verschwunden. Ganz so dramatisch ist es offenbar nicht. Ein Teil der Gletscher werden auch noch in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts vorhanden sein und Touristen erfreuen. Das jedenfalls sagen österreichische Wissenschaftler auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien.

Der Kilimandscharo ist der höchste Berg und das Wahrzeichen Afrikas. Der Vulkan, der wohl noch nicht erloschen ist, ragt als Einzelgänger über die tansanische Ebene empor. Trotz seiner Lage direkt am Äquator ist sein Gipfel selbst in der Hitze des Sommers von Eis bedeckt. Doch während es früher eine massive Eiskappe war, ist es heute nurmehr ein dünnes Mützchen. Seit 1880 weiß man definitiv, dass sich die Gletscher auf dem Kilimandscharo zurückziehen, und sie haben seitdem etwa 80 Prozent ihrer Masse eingebüßt. "Es ist hauptsächlich der Luftfeuchtigkeitstransport vom Indischen Ozean nach Ostafrika, der sich im 20. Jahrhundert abgeschwächt hat", erklärt Dr. Thomas Mölg von der Forschergruppe Tropische Gletscher an der Universität Innsbruck jetzt auf der Wiener Tagung.

Der Kilimandscharo im Profil. Foto: Nasa

Normalerweise läuft der Feuchtigkeitstransport über dem Indischen Ozean nach Osten, in Richtung Indonesien: Dort ist das Wasser wärmer als vor Ostafrika, und so wehen die Winde in diese Richtung. Alle paar Jahre gibt es aber im Indischen Ozean so etwas wie El Nino im Pazifik. Dann ist das Meer vor Afrika wärmer als vor Indonesien und das treibt die Winde dann in die andere Richtung. Die feuchte Luft, die normalerweise den indonesischen Dschungel wässert, fließt dann nach Westen. In solchen Jahren schneit es dann selbst auf der Spitze des Kilimandscharos in 6000 Metern Höhe reichlich. Aber diese Duschen - im Fachjargon "Event" genannt - sind selten geworden. "Wir haben mit einem globalen Klimamodell herausgefunden, dass es vor 1880 etwa drei Event pro Jahrzehnt gegeben hat", so Mölg, "seit sich der Kilimandscharo-Gletscher zurückzieht, ereignet sich nur noch ein Event pro Jahrzehnt."

Gleichwohl werden die Gletscher wohl länger durchhalten als bisher gefürchtet. Die Eiskappe des Kilimandscharo besteht im Grunde aus zwei unterschiedlichen Gletschertypen. Auf dem abgeplatteten Gipfelplateau des derzeit ruhigen Vulkans liegt ein massiver, rund 25 Meter dicker Block mit senkrecht aufragenden Wänden, während die höchsten Hänge von fließenden Gletschern ähnlich wie in den Alpen bedeckt sind. "Jener auf dem Plateau des Kilimandscharo wird vermutlich erst in 30 oder 40 Jahren verschwunden sein", erklärte Mölg, "während es sehr wahrscheinlich ist, dass die Hanggletscher überdauern werden und somit der Berg nicht ganz eisfrei wird, auch nicht in der Mitte des 21. Jahrhunderts."

Steile Wände sind schlecht für den Gletscher

Warum der Gletscher auf dem Gipfelplateau des Berges stärker gefährdet ist, als die niedriger liegenden Hanggletscher, liegt an einer Eigenart, die er mit der Zeit entwickelt hat. "An und für sich wäre der Plateaugletscher in einem durchaus passablen Zustand, wenn er nicht diese vertikalen Wände hätte", erklärt Arbeitsgruppenleiter Professor Georg Kaser, "solange die existieren, wird es ein Rückschreiten des Gletschers geben, weil man dort ja keinen Niederschlag anhaften kann. Das würde ja gegen die Schwerkraft gehen. Wir können also nur Masse verlieren." Tatsächlich ragen die Wände des Gletschers nahezu senkrecht viele Meter über das umgebende Gestein auf. An senkrechten Flächen aber kann kein Schnee haften bleiben, und auf dem dunklen Umgebungsuntergrund verschwindet er sofort, wenn die Sonne hervorkommt. Der Gletscher nimmt daher nur in der Höhe zu, nicht aber in der Fläche.

Warum die senkrechten Wände entstanden sind, ist nicht ganz klar. "Das ist ein bisschen eine Henne-und-Ei-Geschichte", meint Kaser. Neben der waagerechten Lage auf dem Plateau und den umgebenden dunklen Felsen ist das Klima dort oben wohl der entscheidende Faktor. "Es wird beherrscht durch kurzwellige Sonnenstrahlung und Sublimation", erklärt der Gletscherforscher. In fast 6000 Metern Höhe steigen die Temperaturen selbst zur heißesten Nachmittagszeit nicht über minus ein oder zwei Grad. Gleichzeitig trifft eine extrem intensive Sonnenstrahlung auf den Gipfel, er muss ungefähr doppelt so viel Energie aushalten wie die Alpen. Und zum dritten ist es so trocken in der Höhe, dass Eis und Schnee gar nicht schmelzen, sondern sich zu zwei Dritteln direkt in die Atmosphäre verflüchtigen. Der Fachausdruck dafür ist Sublimation. "Die Gletscher schmelzen daher gar nicht, sie verdampfen eher", meint Thomas Mölg.

Vor allem Touristen und Wissenschaftler werden ihn vermissen

Hauptleidtragende dieser Entwicklung sind Touristen und Wissenschaftler. Erstere werden bald nur noch Reste der einst so beeindruckenden Eiskappe des Kilimandscharo bewundern können. Und die Wissenschaftler verlieren ein ausgesprochen wertvolles Klimaarchiv. Denn tropische Gletscher gibt es nicht allzu viele. In Afrika haben neben dem Kilimandscharo nur noch der Mount Kenia und der Ruwenzori in Uganda Ewiges Eis, das sich aber noch stärker zurückzieht als das des Kilimandscharo. Fällt Afrika aus, bleibt noch Südamerika, wo sich allerdings noch sehr große Gletscher befinden. "Dort messen wir auch schon", erklärt Georg Kaser, "aber die Werte aus Afrika werden wir vermissen."

Für die Menschen und Tiere, die rings um den Kilimandscharo leben, sind die Gletscher dagegen ohne Bedeutung. "Das ist eine ganz einfache Milchmädchenrechnung", so Kaser. Die Gletscher sind im Durchschnitt 25 Meter dick und haben eine Ausdehnung von 2,6 Quadratkilometer. Das ergibt 65.000.000 Kubikmeter Wasser, rund ein Zehntel des oberbayrischen Königssees. "Wenn Sie das Wasser in den Rucksack nehmen und hinunter tragen, zum Beispiel in den Amboseli-Nationalpark, und es dort ausschütten, gibt das ungefähr einen Wasserstand von einem oder 1,5 Meter Wasser." Da zwei Drittel davon ohnehin verdunsten, bleiben gerade einmal rund 40 Zentimeter übrig. Sie konzentrieren sich zudem nicht in einer Region wie dem nur 390 Quadratkilometer großen Amboseli-Nationalpark, sondern fließen gleichmäßig zu allen Seiten den Berg hinab. "Da kann man sehen, wie unsinnig eigentlich diese Vorstellungen sind", so Kaser.

Das notwendige Wasser für die Ebenen rings um den Vulkan kommt dagegen von den Hängen des Berges. Die Feuchtigkeit, die vom Indischen Ozean heran getrieben wird, schlägt sich auf den niedrigeren Hängen nieder, die von Bergregenwald bedeckt sind. "Und dieser Wald ist der eigentliche Spieler im Wasserkreislauf dort, und auf den müssen sie sehr aufpassen", mahnt Gletscherexperte Kaser. Tatsächlich haben die tansanischen Behörden dies erkannt und beispielsweise die Nationalparks auch auf die Hänge ausgedehnt, so dass dort kein Holz mehr geschlagen werden darf. Lagerfeuer sind inzwischen ebenfalls verboten, auch wenn die Touristen, die den Berg besteigen, jetzt um eine idyllische Erfahrung ärmer sind. "Die haben", so Kaser, "schon verstanden, worum es geht."