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Doppelter Nutzen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.11.2013 10:47

Seit rund 15 Jahren entwickeln sich Treibhausgasausstoß und Temperaturentwicklung in der Atmosphäre unterschiedlich. Die Emissionen steigen ungebremst weiter, die Temperatur in der Erdatmosphäre nimmt dagegen nur gebremst zu. Eine Arbeitsgruppe aus Mexiko und den USA erklärt das Problem zumindest teilweise mit dem Erfolg des FCKW-Stopp-Abkommens von Montreal, das Ende der 80er-Jahre in Kraft trat. Die Arbeit wurde in "Nature Geoscience" veröffentlicht.

Weltweite CO2-Verteilung in den Jahren 2010 und 2011, jeweils von April bis Juni. (Foto: Uni Bremen/IUP) Die 15 Jahre seit 1998 sind für Befürworter des menschengemachten Klimawandels unerfreulich. Das liegt nicht am ewigen Streit um Reduktionsziele, der auf jeder Klimafolgenkonferenz aufbricht, und auch nicht an den seit kurzem sehr aktiven Skeptikern, sondern am leichten Abflachen der globalen Temperaturkurve. Seit Mitte der 50er-Jahre stieg das globale Mittel um Werte, die sich auf 0,8 Grad pro Jahrhundert hochrechnen lassen. In den vergangenen 15 Jahren jedoch ist der Zuwachs auf 0,5 pro Jahrhundert gesunken - und das obwohl die Treibhausgase munter weiter sprudeln. Die Experten sprechen von einem Temperaturplateau und suchen betreten nach einer Erklärung. Skeptiker dagegen griffen das Phänomen umgehend auf und stellten den Zusammenhang zwischen menschengemachten Emissionen und dem Temperaturtrend in Frage. Die möglichen Gründe für die abgeschwächte Steigerung reichen von größerer Wärmespeicherung in der Tiefsee über die derzeit ungewöhnlich ruhige Sonne bis hin zu natürlichen Schwankungen im Erdklima selbst. Wirkliche Klarheit gibt es zurzeit jedoch nicht. 

 

Das bislang größte über der Antarktis gemessene Ozonloch trat im September 2006 auf. (Bild: Nasa/GSFC)In "Nature Geoscience" präsentieren Atmosphärenphysiker aus Mexiko und den USA jetzt eine statistische Analyse, die die Erwärmungspause zum Teil erklärt und den Klimaskeptikern in die Parade fährt. "Wir fanden, dass die Verlangsamung des Trends zu rund einem Drittel auf einem menschlichen Eingriff ins Klimasystem beruht", erklärt Francisco Estrada von der Universidad Autonoma in Mexiko-Stadt und meint mit diesem Eingriff Änderungen in der Landwirtschaft, die einen geringeren Methanausstoß verursachten, vor allem aber das 1989 in Kraft getretene Montreal-Protokoll zur Eindämmung von halogenierten Kohlenwasserstoffen. Diese zusammenfassend als FCKW geführten Stoffe schädigen vor allem die Ozonschicht, doch sie sind darüber hinaus noch sehr potente Treibhausgase mit sehr langer Aufenthaltszeit in der Lufthülle. Seit Mitte der 90er-Jahre sinkt die atmosphärische Konzentration der beiden hauptsächlich verwendeten Klassen stetig, weshalb das Montreal-Protokoll bislang als das einzige weltweite Klimaschutzabkommen gilt, das wirklich Erfolg hatte. Dieser Erfolg scheint sich nicht nur in der Ozonschicht zu zeigen, die sich langsam wieder regeneriert. Estrada und seine Kollegen fanden auch aufschlussreiche Indizien in der Wärmekurve der Erdatmosphäre. Der Temperaturzuwachs verlangsamte sich Ende der 90er-Jahre genau zu dem Zeitpunkt, an dem das Montreal-Protokoll seine Wirkung entfaltete. Weniger gut erforscht und auch in ihrer Wirkung geringer sind Veränderungen in der Landwirtschaft, vor allem Verbesserungen im Reisanbau und Einsatz von Kunstdünger. Gleichwohl können beide menschlichen Einflüsse das Temperaturplateau erklären, wenn auch nur zum Teil. "Ohne das Montreal-Protokoll läge die globale Durchschnittstemperatur heute um 0,1 Grad höher, die Erklärung reicht demnach nicht aus", betont Felix Pretis vom Programm für Ökonometrische Modellierung an der Universität Oxford, der Estradas Veröffentlichung in "Nature Geoscience" kommentierte, "allerdings zeigen die Ergebnisse, dass menschliche Aktivitäten wirklich Auswirkungen auf den Treibhauseffekt haben."

 

Klimatologisch bedingte Änderungen zwischen 1982-2008 von Temperatur, Bewölkung, Niederschlag und potentieller Verdunstung. (Bild: UZH)Der statistische Zusammenhang zwischen FCKW-Bann und Temperaturbremse war nur ein Ergebnis, das Estrada und sein Team zutage förderten. Sie hatten Temperaturdaten für den Zeitraum von 1850 bis 2010 analysiert und parallel dazu Emissionswerte für Treibhausgase wie Kohlendioxid, Methan und FCKW. Bei manchen Gasen reichten die Emissionswerte bis ins Jahr 1880 zurück, bei den ziemlich jungen und ausschließlich vom Menschen produzierten FCKW natürlich nur bis in die 30er-Jahre, als ihre großmaßstäbliche Produktion begann. Zunächst filterten die Wissenschaftler die natürlichen Klimaschwankungen heraus, die den menschlichen Einfluß zum Teil verstärkten, zum Teil maskierten. Am Ende schälte sich ein eindeutiger Zusammenhang heraus. "Alle Variablen gehorchen einem einzigen Trend", sagt Estrada, "wir konnten als Ursache dieses Trends den Strahlungsantrieb der Treibhausgase festmachen, die hauptsächlich menschengemacht sind."  Die Trendanalysen zeigten zwei Stellen in der Temperaturkurve, an denen sich das Geschehen stark änderte. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts stieg die Temperatur um Werte, die grob 0,3 Grad pro Jahrhundert entsprachen. Am Ende der 50er-Jahre nahm der Temperaturanstieg drastisch Fahrt auf und erreichte etwa ein Grad pro 100 Jahre, während er sich am Ende des Jahrhunderts wieder auf etwa 0,5 Grad pro Jahrhundert verringerte und in das Temperaturplateau mündete. Hinter der Beschleunigung zur Jahrhundertmitte stand der langanhaltende Wirtschaftsaufschwung, den die Erde nach dem Ende des 2. Weltkriegs erlebte, und der zu einer drastischen Erhöhung der Treibhausgasemissionen führte. Das Temperaturplateau seit Ende der 90er bleibt dagegen trotz der Arbeit von Francisco Estrada und seinen Kollegen schwerer zu erklären. Dennoch haben sie mit ihrem statistischen Nachweis zumindest schon einmal einen ersten Pflock eingeschlagen. Jetzt müssen die Klimaforscher nur noch genau klären, welche Faktoren hinter den restlichen zwei Dritteln stecken.

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