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Dringend Handeln

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 04.12.2007 14:02

Der Klimawandel ist in diesem Jahr zu einem der beherrschenden Themen geworden. Sowohl die Öffentlichkeit als auch die Politik scheinen gewillt, den Klimaforschern und ihren Befürchtungen zumindest zuzuhören. Dabei gerät etwas aus dem Blickfeld, dass der Klimawandel ein zwar gravierendes, beileibe aber nicht das einzige Problem der Menschheit ist. Glaubt man der UN-Umweltorganisation Unep ist er sogar noch nicht einmal das größte. In ihrer Geo4 genannten Bestandsaufnahme ist es die steigende Zahl der menschlichen Bevölkerung, die unserem Planeten und allem, was darauf wächst, am meisten zusetzt.

Vor 20 Jahren trat zum ersten Mal eine UN-Kommission mit der Forderung nach nachhaltiger Entwicklung an die Öffentlichkeit. Die nach ihrer Vorsitzenden, der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland benannte Kommission diagnostizierte schon 1987, dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebe. An dem Befund hat sich seither wenig geändert, die Umstände allerdings haben sich eher verschlechtert. Die Menschheit ist noch einmal um ein Drittel gewachsen, der internationale Handel hat sich verdreifacht, „in keinem 1987 thematisierten Bereich“, so der neue Unep-Bericht, „sind die absehbaren Trends positiv“. Der Globale Umweltbericht hat Gewicht, denn er wurde von fast 400 anerkannten Experten verfasst, von weiteren 1000 akribisch überprüft und mit den Regierungen der UN-Mitgliedsstaaten abgestimmt. Dieser Bericht hat also vergleichbar großes fachliches Gewicht wie der IPCC-Bericht, der nach demselben Schema erstellt wurde.

Bevölkerungs- und Wohlstandswachstum werden in absehbarer Zeit unseren Heimatplaneten überfordern. „Die Ressourcen, die zum Überleben benötigt werden, übersteigen das Angebot“, schreibt die Unep in ihren Bericht. Einem Bericht aus dem Sommer zufolge beansprucht der Mensch jetzt schon Viertel der gesamten Biomasse der Erde. Die Anzeichen einer Überlastung der Welt sind in vielen Bereichen unübersehbar.

Zwei Drittel des verfügbaren Süßwassers werden heute schon von der Landwirtschaft genutzt und die Nachfrage nach Lebensmitteln wird drastisch steigen. Auch die für den Anbau geeignete Ackerfläche ist nahezu erschöpft. Der Ausweg besteht in einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft und er wird seit langem bereits beschritten. Die Produktion pro Hektar Ackerland ist in den 25 Jahren um fast 40 Prozent gestiegen: von 1,8 auf 2,5 Tonnen. Die Folgen sind unübersehbar: Verschmutzung des Trinkwassers durch Düngemittel und Fäkalien sind auf allen Kontinenten ein Problem. Doch die Wasserverschmutzung gehört zu den wenigen Gebieten, auf denen Fortschritte zu verzeichnen sind.

Schlimmer ist es mit der Bodenverschlechterung, einer schleichenden Bedrohung. Sie stellt die Unep auf eine Stufe mit dem Klimawandel und dem Verlust an Biodiversität. Ein Drittel des südlichen Europas und 85 Prozent des nicht genutzten Landes in den USA sind von Wüstenbildung bedroht. Übernutzung und Klimawandel greifen hier ineinander. Ohnehin ist einer der großen Faktoren beim menschgemachten Treibhausgasausstoß die Landnutzung. Die Unep führt ein Drittel des Anstiegs seit 150 Jahren auf die Kultivierung von Wäldern und Wiesen zurück.

Auch bei der Biodiversität stehen die Zeichen auf Sturm. Das Artensterben habe sich, so die Unep auf das Hundertfache beschleunigt. Paläontologen sprechen inzwischen davon, dass die Menschheit das nächste Massensterben der Erdgeschichte aktiv betreibe. Ein drastischer Verlust an Biodiversität aber macht die Ökosysteme wesentlich anfälliger. Agrarwissenschaftler warnen etwa davor, dass die Konzentration auf eine Handvoll Hochleistungsgetreidesorten ein gewaltiges Risiko mit sich trage: Wie bei jeder Monokultur genügt das Auftreten eines Schädlings oder Krankheitserregers, der mit den erhältlichen Mitteln nicht bekämpft werden kann, um die Nahrungsmittelproduktion zusammenbrechen zu lassen. Die Hungertoten wären dann nicht nach Tausenden, sondern nach Millionen zu zählen.

Der Unep-Bericht bettet die IPCC-Warnungen in ein umfassenderes Bild vom an zahlreichen Fronten bedrohten Planeten Erde ein. Lösungen liefert der mehr als 500 Seiten starke Band allerdings keine, diese Aufgabe sei den Regierungen vorbehalten. Ob der Bericht ähnliche Wellen schlagen wird wie der Klimawandel-Report des IPCC, bleibt abzuwarten. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr hoch.