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erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.05.2011 14:16

Im Ostteil der Antarktis liegt ein versunkenes Bergmassiv, von dem mit bloßem Auge nichts erkennbar ist. Die Gamburtsev-Berge sind von mindestens 300 Meter Eis bedeckt, denn über ihnen hat der ostantarktische Schild mit mehr als 4000 Meter seine größte Dicke. Dieses Eis, so berichten die Teilnehmer der AGAP-Expedition in "Science" friert zu einem beträchtlichen Teil aus Flüssen in den Tälern der Gamburtsev-Berge von unten an das Eis an.

AGAP-Expedition„Nach unseren vorläufigen Ergebnissen können wir sagen, dass die Gamburtsev-Berge den europäischen Alpen nicht unähnlich sind“, berichtet Detlef Damaske, Geophysiker bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover über das AGAP-Projekt. Im Internationalen Polarjahr 2008 leitete Damaske den deutschen Teil von AGAP, der mit rund 40 Millionen Euro Kosten ehrgeizigsten Expedition seit langem.

Antarktische AussichtDas Projekt sollte das versunkene Gebirge mit modernsten geophysikalischen Methoden untersuchen und vermessen, denn bis auf weiteres kommt niemand an den Höhenzug heran. Die Gamburtsev-Berge, wie das Massiv heißt, sind unter dem dicksten Eispanzer unseres Planeten verborgen. Selbst die höchsten Gipfel liegen 300 Meter tief im ostantarktischen Eisschild begraben, der an dieser Stelle mehr als 4000 Meter dick ist. An der Unternehmung beteiligt waren neben den USA, Deutschland und Großbritannien auch Australien, Japan und China.

Techniker am SüdpolDie Expedition lieferte nicht nur eine Unmenge Daten über das Gebirge selbst, sondern enthüllte auch interessante Fakten über den ostantarktischen Eisschild. So besteht das Eis am Dom A, der höchsten Erhebung des Schildes, zu fast einem Viertel aus Wasser, das durch Schluchten der Gamburtsev-Berge fließt und dort von unten am Eisschild festfriert. Dass sich unter dem Eis der Antarktis flüssiges Wasser befindet, weiß die Wissenschaft schon lange, über 100 Seen kennt man inzwischen, die seit Dutzenden von Millionen Jahren von den Gletschern bedeckt sind. Doch die "Flüsse" im Gamburtsevgebirge waren wieder etwas Neues. Sie fließen tief in seinen Tälern, wo ungeheurer Druck, Wärme vom unterliegenden Gestein und die isolierende Eisschicht über ihnen das Wasser flüssig hält, auch wenn seine Temperatur weit unterhalb des Nullpunkts liegt.

Eis-PlumeDoch sobald sich einer der drei Faktoren ändert, gefriert es sofort. Wenn Wasser etwa die Steilhänge der Berge emporgedrückt wird, oder wenn es mit dem Eis über Bergrücken fließt, verringern sich Druck und Isolationskraft des Schildes und sofort friert das Wasser aus. Das geschieht offenbar so kraftvoll, dass das Eis darüber sich verformt. Auf Radarbildern konnten die Forscher solche Ausfrierungen an der Gletscherbasis gut erkennen. "Als wir das zum ersten Mal sahen, fürchteten wir, es könnten Messfehler sein", erklärt Robin Bell, leitende Wissenschaftlerin am Lamont-Doherty Erdobservatorium der Columbia Universität in Palisades bei New York und einer der AGAP-Direktoren. Auf den Bildern der Rasterflügen, die das AGAP-Team im antarktischen Sommer 2008/9 durchführte, sind viele solcher Beulen zu sehen, an denen Wasser von unten an das Eis anfriert. Daher schätzen die Wissenschaftler, dass zumindest der Schild über dem zerklüfteten Terrain der Gamburtsevberge zu rund einem Viertel aus von unten anfrierendem Wasser besteht. "Lokal kann sogar mehr Eis durch Anfrieren von unten als durch Schneefall von oben entstehen", schreiben die Wissenschaftler in "Science".

Stürmische UnterkunftÜber die gesamte Ausdehnung der Schilde gesehen ist der Niederschlag zweifellos der beherrschende Eislieferant, doch dort, wo sich Gebirge unter dem Kappe befinden, mag das ausfrierende Wasser erheblichen Anteil am Schildwachstum haben. Das Problem ist nur, dass niemand so genau das Profil des Kontinents unterhalb der Eiskappe kennt. "Die Suche nach anderen Gebirgsregionen, in denen solche Prozesse ablaufen, ist hiermit eröffnet", erklärt Fausto Ferraccioli vom British Antarctic Survey, der das multinationale Unternehmen zusammen mit Robin Bell und Detlef Damaske von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe leitete. Wann allerdings wieder einmal die Mittel für derart anspruchsvolle Grundlagenforschung zusammenkommen, steht weitgehend in den Sternen.

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