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Ehrenrettung für einen Paläontologiestar

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 31.05.2013 19:25

Ein Fossilfund aus der nordostchinesischen Provinz Liaoning wirft neues Licht auf den nebulösen Übergang von Dinosauriern zu Vögeln. Aurornis xui ist nach Angaben seiner Entdecker in "Nature" der bislang primitivste Vogel und rehabilitiert Archaeopteryx, den berühmtesten Urvogel der Welt.

Rekonstruktion des Archaeopteryx. (Bild: Wikimedia/ballista, rajoch)"Archaeopteryx ist ein primitiver Vogel", unterstreicht Pascal Godefroit kurz und bündig. Der Paläontologe vom belgischen Königlichen Institut für Naturwissenschaften in Brüssel stellt in der aktuellen "Nature" einen neuen Urvogel aus der nordostchinesischen Provinz Liaoning vor, Aurornis xui, der seinerseits zur Rehabilitierung des vor 150 Jahren erstmals in einem Kalksteinbruch in Solnhofen gefundenen Urvogels beiträgt. Seit zwei Jahren wurde von Archaeopteryx kolportiert, er sei nur einer von inzwischen zahlreichen gefiederten Dinosauriern.

Rekonstruktion von Aurornis xui durch das Königlich Belgische Institut für Naturwissenschaften. (Bild: Nature/Ionica dos Remedios, IRSNB)Aurornis selbst ist primitiver als Archaeopteryx und wird auf ein Alter von 160 bis 150 Millionen Jahre datiert und wäre damit auch älter als sein berühmter Verwandter aus den deutschen Plattenkalken. Er war ein etwa fasanengroßes Tier mit einer kurzen "Schnauze". "Wir konnten sehen, dass er kleine Zähne hatte, aber unglücklicherweise können wir keine Details der Federn erkennen", so Godefroit. So fehlen zum Beispiel Anzeichen für gekielte Federn, so genannte Konturfedern, die bei heutigen Vögeln das Deckgefieder und die Schwungfedern ausmachen. Allerdings gehen Godefroit und seine Kollegen davon aus, dass Aurornis starke Federn an allen vier Gliedmaßen hatte und somit wohl eher ein Gleiter als ein Flieger war. Archaeopteryx benutzte schon eindeutig nur seine vorderen Extremitäten und konnte wohl auch aktiv fliegen. "Zwischen Aurornis und Archaeopteryx war demnach der Übergang von vierflügelig gleitenden zu zweiflügelig fliegenden Tieren", so Godefroit.

Gefiedert von Kopf bis Fuß und bunt war Anchiornis huxleyi. (Bild: Yale/Michael DiGiorgio) 
Der phylogenetische Vergleich, den Godefroit und seine Kollegen durchführten, führt zu einer klaren Struktur für den Übergang von Dinosauriern zu Vögeln. Danach sind Aurornis, Archaeopteryx und auch der bekannte Anchiornis, von dem Farbpigmente erhalten sind, die frühesten bekannten Mitglieder der Vogelfamilie, viele andere chinesische Fossilien mit Federn gehören dagegen der nächsten reptilischen Schwestergruppe der Troodontiden oder gar Vorläufergruppen an. Damit widersprechen die Forscher einer spektakulären These des chinesischen Paläontologen Xu Xing. Der hatte 2011 behauptet, Archaeopteryx sei gar kein Vogel, sondern einer von zahlreichen gefiederten vogelähnlichen Sauriern, wie sie in jüngster Zeit in großer Vielfalt aus Liaoning bekannt werden.

Das Skelett von Aurornis xui aus der nordostchinesischen Provinz Liaoning. (Bild: Nature/Thierry Hubin, IRSNB)Xu war nach Analyse von 200 Eigenschaften zu diesem Schluss gekommen, Godefroit und Kollegen haben jetzt 1500 dieser Kennzeichen analysiert und alle verfügbaren Fossilien von Urvögeln und vogelähnlichen Dinosauriern herangezogen. "Wir waren nicht sehr zufrieden mit Xus Hypothese und haben daher komplett von vorn begonnen", erzählt der belgische Wissenschaftler, "und diese bislang umfassendste Phylogenie erlaubt uns zu sagen: Sowohl Aurornis als auch Archaeopteryx waren Vögel." Nicht nur Godefroit war mit Xus These unzufrieden, auch der größere Teil der Paläontologen wollte dem Chinesen nicht folgen. Grund war wohl, dass seine Einteilung eine überraschende und relativ unwahrscheinliche Konsequenz gehabt hätte: Wenn der eindeutig flugfähige Archaeopteryx kein früher Vogel, sondern Mitglied einer später ausgestorbenen Reptiliengruppe wäre, hätte sich die aktive Flugfähigkeit mit zwei Flügeln gleich zweimal in relativ kurzer Zeit in einem relativ kleinen Gebiet entwickeln müssen. Für den Geschmack der meisten Paläontologen waren das zu viele Zufälle auf einmal.

Das Archaeopteryx-Exemplar des Paläontologischen Museums München. (Bild: Wikimedia/Luidger)Godefroits Befund rückt das Bild wieder gerade, aber ob er das abschließende Wort ist, bleibt abzuwarten. "Ich betrachte es nicht als endgültige Lösung", sagte Xu Xing bereits gegenüber dem US-Journal "Science". Und auch der britische Paläontologe Stephen Brusatte von der Universität Edinburgh meldet im selben Beitrag Zweifel an: "Wir kennen die exakte Genealogie der frühen Vögel weiterhin nicht." Gerade die Grenze zwischen Vorvögeln, die bei den Dinosauriern eingruppiert werden, und Urvögeln, die an der Basis der Vögel stehen, ist derart schmal und diffizil, dass den Paläontologen auch künftig der Diskussionsstoff nicht ausgehen wird.

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