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Ein Problem der Kommunikation

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 06.05.2013 19:48

Sechs Jahre Haft für jeden Einzelnen von sieben angeklagten Geowissenschaftlern und Ingenieuren. So lautete das Urteil gegen Verantwortliche des italienischen Katastrophenschutzes wegen ihres Verhaltens vor dem L'Aquila-Erdbeben vom 6. April 2009, bei dem über 300 Menschen starben. In der Wissenschaft ist die anfängliche Empörung der Nachdenklichkeit gewichen, seit Anfang des Jahres die Urteilsbegründung veröffentlicht wurde. Die Seismologen arbeiten an besseren Prognosen für Erdbebengebiete.

Öffentliche Gebäude wurden vom Erdbeben im April 2009 in den Abbruzzen nicht verschont. (Bild: UK Government)Die Wissenschaftler hätten das Risiko unzureichend analysiert und kommuniziert, heißt es in der Urteilsbegründung, die Richter Marco Billi Anfang des Jahres in L'Aquila veröffentlichte. "Dieser Prozess war gerechtfertigt, weil als Ergebnis einer Besprechung von Wissenschaftlern und Politikern eine falsche Aussage gemacht wurde", meint Rainer Kind, bis zu seiner Emeritierung Geophysikprofessor an der Freien Universität Berlin und Sektionsleiter beim Deutschen Geoforschungszentrum. In einem Fernsehinterview und in einer Pressekonferenz hatten Mitglieder der Erdbebenrisikokommission beim italienischen Zivilschutz das Risiko kleingeredet, obwohl zuvor hinter verschlossenen Türen ganz andere Töne laut geworden worden waren. Dass Wissenschaftler häufig Schwierigkeiten haben, ihre komplexen Erkenntnisse einem Laienpublikum zu vermitteln, ist keine neue Erkenntnis, aber selten missglückte der Versuch so sehr wie in L'Aquila. Ein halbes Jahr nach dem Urteil war auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union daher auch noch Empörung zu spüren, doch es dominierte die Nachdenklichkeit.

Viele Häuser wurden bei einem Beben in Christchurch 2011 zerstört. (Bild: GNS Science/Ian Chan)Die Frage, um die sich ein ganzes Symposium auf dem zweitgrößten Geowissenschaftler-Kongress der Welt drehte, lautete: Wie können Seismologen ihre Erkenntnisse an die Öffentlichkeit bringen, ohne sträflich zu verharmlosen oder unzulässig zu alarmieren? "Wir können Erdbeben nicht annähernd vorhersagen, weil sie so selten sind, und das macht es unglaublich schwer, die Öffentlichkeit mit angemessenen Risikoabschätzungen zu versorgen", sagt etwa Tom Jordan, Geophysik-Professor an der Universität von Südkalifornien in Los Angeles und Direktor des dortigen Erdbebenzentrums. Der US-Amerikaner leitete die Kommission, die nach dem L'Aquila-Beben für den italienischen Staat einen dicken Band mit Verbesserungsvorschlägen ausarbeitete.

Tatsächlich glauben die Forscher nicht mehr daran, jemals eine echte Erdbebenvorhersage zustande zu bringen, die die Menschen Stunden oder Tage vorher warnt. Dafür wurden viele Indikatoren auf ihre Zuverlässigkeit hin überprüft: chemische Veränderungen im Quellwasser oder bei Gasen, die aus dem Boden strömen, die Reaktionen von Tieren, elektrische Veränderungen hoch oben in der Atmosphäre und zahllose andere mehr: Zwar gab es den einen oder anderen Zufallstreffer, aber generalisieren ließ sich keine dieser Methoden. "Hokuspokus Vorhersagen" nennt Tom Jordan daher all die Wortmeldungen, die eine Erdbebenvorhersage für sich reklamieren. Sein Kollege Max Wyss, bis zur Emeritierung Geophysik-Professor in Fairbanks, Alaska, zettelte auf dem Podium einer EGU-Pressekonferenz einen offenen Streit mit seinem russischen Kollegen Sergej Pulinets an, als dieser behauptete, einer Erdbeben-Vorhersage aufgrund elektrischer Veränderungen in der Ionosphäre ganz nahe zu sein. "Religion" nannte Wyss dessen Methode. "Nach 100 Jahren vergeblicher Mühen sind die Chancen hoch, dass wir auch in den nächsten zehn Jahren nichts entdecken, was die Vorhersage ermöglicht", kommentiert auch Tom Jordan spitz.

Auch moderne Bausubstanz hat in Emilia (Norditalien) durch Beben im Mai 2012 schwere Schäden erlitten.Was dennoch bleibt, ist die an die Wissenschaft gerichtete Forderung nach Hilfestellung für erdbebenbedrohte Regionen. Das sehen auch Tom Jordan und seine Kollegen so: "Wir sollten die begrenzten Informationen, die wir haben, nutzen und der Gesellschaft helfen sich vorzubereiten." Etwa durch Prognosen, die die Bebengefahr für einen begrenzten Zeitraum von vielleicht einer Woche einschätzen: "Während an der San Andreas Verwerfung an einem normalen Tag die Wahrscheinlichkeit für ein großes Beben nur bei 1:100.000 liegt, kann sie durch Erdbebenschwärme drastisch um mindestens das Tausendfache steigen", erläutert Jordan. Allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit eines schweren Bebens auch nach einem vorhergehenden Bebenschwarm nur im Bereich von einem oder zwei Prozent: Sie ist zwar erhöht, aber immer noch niedrig. Das Problem: "In einem solchen Umfeld von niedrigen Wahrscheinlichkeiten ist jeder Alarm mit größter Wahrscheinlichkeit ein Fehlalarm", betont Warner Marzocchi, Chefwissenschaftler am italienischen Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie INGV in Rom.

Wenn also mit jeder Warnung einschneidende Notfallpläne in Kraft träten, eventuell sogar großräumige Evakuierungen, würde es im Endeffekt wohl eher schaden als nutzen. Trifft hingegen ein schweres Beben eine unvorbereitete Bevölkerung, sind direkt Zehn- oder Hunderttausende von Opfern zu beklagen, auf der Apenninenhalbinsel ebenso wie in der endlosen Stadtlandschaft zwischen Los Angeles und San Diego. "Die Zivilschutzbehörden müssen Notfallpläne entwickeln, die die Bevölkerung möglichst wenig stören", so Marzocchi, "denn in den meisten Fällen werden die Vorbereitungen völlig umsonst sein." So können Rettungskräfte in Alarmbereitschaft versetzt werden, öffentliche Gebäude mit Konstruktionsschwächen vorsorglich gesperrt, sichere Notunterkünfte ausgewiesen werden. Die Menschen selbst können sich mit Vorräten, Batterien, Brennstoff auf den Notfall vorbereiten - so wie es bereits im Fall von Stürmen und Unwettern geschieht. "Die Basis für solche relativ preiswerten Präventivmaßnahmen zu liefern, wäre der Zweck der kurzfristigen Erdbebenprognosen", so Tom Jordan.

Die Wissenschaft sieht er dabei auf einem guten Weg: "Bei der Prognosefähigkeit hat es signifikante Fortschritte gegeben." Derzeit arbeitet eine internationale Initiative daran, die seismologischen Modelle für die Erdbebenzonen der Erde auf ihre prognostischen Fähigkeiten zu überprüfen. Diese "Collaborative Study of Earthquake Predictability" (CSEP) genannte Arbeitsgruppe strebt für die Erdbebenprognose eine ähnliche Situation an, wie sie die Klimaforschung unter der Ägide des UN-Rats für Klimafolgenforschung IPCC erreicht hat. "CSEP plant wissenschaftliche Experimente, um die Erdbebenprognosemodelle zu testen", erklärt Warner Marzocchi. Wie in der Klimaforschung sollen die Modelle mit den Daten konkreter Ereignisse gefüttert werden, "und dann", so Marzocchi, "vergleichen wir die Prognosen mit dem, was tatsächlich passierte." Am Ende will die Seismologen-Gemeinde mit einem ähnlichen Strauß von Modellen arbeiten können, wie es die Klimaforscher tun.

Die Rocca Estense (Italien) nach einem Beben im Mai 2012. (Bild: Flickr/Il fatto quotidiano)Doch das Grunddilemma wird auch mit verbesserten Prognosen bleiben: "Entscheidungen zu treffen, wenn Unsicherheiten bestehen", so Warner Marzocchi, "bedeutet, dass man auch Entscheidungen treffen wird, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen." Trotzdem sei die effektivste Strategie, die Bürger möglichst umfassend zu informieren und ihnen ihre Optionen aufzuzeigen. Kein seismologisches Frühwarnsystem kann gefahrenangepasstes Verhalten ersetzen. Im Erdbebengebiet heißt das, die Häuser so bauen, dass sie die Erschütterungen, die auftreten können, möglichst aushalten. "Im Endeffekt muss jeder Einzelne für sich entscheiden, wie er mit den Konstruktionsschwächen seines Hauses umgeht", betont Marzocchi, "ob er ein Erdbebenrisiko hinnimmt oder Vorsorge trifft." Für seinen Kollegen Max Wyss bleibt diese Vorbereitung auf den Ernstfall das A und O: "Ich kann den Leuten nur eins raten: Baut euch einen Erdbebenschutz im Haus, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ihr, eure Kinder oder Kindeskinder von einem schlimmen Erdbeben getroffen werdet, ist groß genug."