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Ende der Förderung in Sicht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 25.09.2009 09:03

Seit mehr als drei Jahrzehnten steht das Ruhrgebiet im Zeichen des Strukturwandels: weg von Kohle und Stahl zu neuen Ufern. Das ehemalige schwerindustrielle Herz Deutschlands hat einen langwierigen und mühevollen Weg hinter sich gebracht und ist noch nicht am Ende angelangt, doch es dient als Vorbild für andere Montanregionen der Welt. Die nordostchinesische Stadt Xuzhou zum Beispiel steht vor dem Strukturwandel und möchte von den Erfahrungen des Ruhrgebiets profitieren. Kontakte zwischen den Hochschulen beider Regionen erleichtern den Austausch.

Xuzhou ist mit rund einer Million Einwohnern eine für chinesische Begriffe mittelgroße Stadt in der nordöstlichen Provinz Jiangsu. Sie ist Verkehrsknotenpunkt auf halbem Weg zwischen den beiden Zentren Peking und Schanghai und Herz eines der ältesten Kohlegebiete Chinas. „Den Kohleabbau gibt es hier schon seit über 100 Jahren, aber langsam erschöpfen sich die Vorkommen“, erklärt Jiang Chang, Professor für Stadtplanung und Rekultivierung an der Chinesischen Universität für Bergbau und Technologie in Xuzhou.

Xuzhou von obenDer Ballungsraum mit insgesamt rund 8,7 Millionen Einwohnern lebt schon seit langem mit den Begleiterscheinungen des Untertagebergbaus: Auf rund 1600 Quadratkilometer, fast 20 Prozent der Fläche, gibt es Bodensenkungen und Tagesbrüche, doch mit dem absehbaren Ende des Kohleabbaus treten die Probleme Strukturwandel und Gestaltung der Bergbaufolgelandschaft hinzu. Dabei geht es der Stadt auch noch so wie allen anderen chinesischen Städten: Sie wächst in einem atemberaubenden Tempo. „Anfangs waren die Bergbaugebiete weit draußen vor den Siedlungen, inzwischen ist die Stadt an sie herangerückt“, erklärt Chang. Der große Bedarf an neuen Flächen für Siedlungen macht es umso dringender, sich Gedanken um eine Nutzung der Bergbaufolgegebiete zu machen.  „Früher war es nur die Landwirtschaft, für die wir die Flächen rekultiviert haben“, berichtet Zhengfu Bian, Professor an der chinesischen Bergbauuniversität und seit über 20 Jahren mit der Rekultivierung befasst, „aber jetzt melden Industrie, Siedlungen, Erholungsgebiete und Infrastruktur ebenfalls Bedarf an.“

Dabei ist es keineswegs einfach, die Flächen über den ehemaligen Bergwerken umzunutzen. Die Bodensenkung beträgt hier bis zu zehn Metern, damit liegt das Land einige Meter unterhalb des Grundwasserspiegels. Eine Situation genau wie im Ruhrgebiet. „Wenn Sie nach Gelsenkirchen-Ost gehen, an die Emscher, dort ist die Stadt ungefähr sieben Meter unter dem früheren Grundwasserspiegel“, erklärt Frank Otto, Professor für Geotechnik an der privaten Fachhochschule Georg Agricola in Bochum, „aber es wird permanent gepumpt, deshalb ist es da trocken.“ Ein ausgeklügeltes System von Pumpwerken führt das Grundwasser über Emscher und Lippe in den Rhein und sorgt so dafür, dass der Spiegel dauerhaft unterhalb der Erdoberfläche bleibt. Betrieben und finanziert wird das Ganze durch die Emschergenossenschaft und den Lippeverband. Eine „Ewigkeitslast“ wird die Aufgabe genannt, denn der Boden im Ruhrgebiet wird sich nicht mehr über den Grundwasserspiegel heben. So lange Menschen hier wohnen, wird also gepumpt werden müssen. Über die genauen Kosten werden keine Angaben gemacht, doch sie dürften beträchtlich sein. So hoch jedenfalls, dass China sich das Ruhrgebiet nicht oder nur in Einschränkungen zum Vorbild nehmen möchte. „Wahrscheinlich wird Pumpen ein Teil der Lösung sein, aber uns fehlt es an Geld“, meint Chang.

Zusammen mit Fachleuten um Frank Otto hat Chang, der selbst in Deutschland studiert hat, eine Bestandsaufnahme der betroffenen Flächen gemacht. Jetzt soll ein Plan aufgestellt werden, was an welcher Stelle getan werden muss, um die Bergbaufolgelandschaften im Umkreis von Xuzhou nutzen zu können. „Bisher gab es immer nur Einzel- oder Teilpläne“, betont Zhengfu Bian, „jetzt hat man einen Gesamtplan in Angriff genommen, der die Situation verbessern wird.“ Rund 20 bis 30 Prozent der gesamten Fläche sollen für Siedlungs- und andere urbanen Zwecke genutzt werden. Es zeichnet sich ab, dass auf Teilen der 1600 Quadratkilometer Seen entstehen werden, als Kern von Naherholungsgebieten oder für die Aquakultur zum Beispiel.

Andere Flächen werden aufgeschüttet, um so ohne Pumpleistung dauerhaft trocken zu bleiben. „Das haben wir in der Vergangenheit schon gemacht“, so Bian, „doch da wurde Abraum verwendet und es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass das aufgeschüttete Material das Grundwasser verschmutzte.“ Mit Deckschichten, speziellen Pflanzen und anderen Maßnahmen versucht man jetzt diese Sünden der Vergangenheit zu beheben, doch in Zukunft soll so etwas nicht mehr geschehen. Schließlich versucht man es auch mit klassischen Entwässerungsmaßnahmen durch Kanäle. Außerdem hilft den Ingenieuren die Natur, denn der chinesische Nordosten ist notorisch trocken. „Erste Hochrechnungen haben ergeben“, so Frank Otto, „dass dort die Verdunstungsrate sehr viel höher ist als bei uns, in einigen Bereichen offensichtlich höher als der Niederschlag, der im Jahr fällt. Wenn man das also optimiert, lässt sich dort einiges machen, ohne viel Geld in Pumpen zu investieren.“ Xuzhou ist entschlossen, mit Hilfe aus dem Ruhrgebiet den Strukturwandel als Chance zu nutzen und die verschiedenen Konzepte der Bergbaufolgenutzung exemplarisch für andere chinesische Kohleregionen auszuprobieren. Jiang Chang: „Wir nehmen das Ruhrgebiet als Vorbild, nach dem Motto soll dort auch ein östliches Ruhrgebiet entstehen.“

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