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Enge Verbindung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.01.2011 16:50

Von den beiden Erdbeben in Haiti und in Chile völlig überschattet ereignete sich im April 2010 im mexikanisch-kalifornischen Grenzgebiet das stärkste Erdbeben, das diese Region in den vergangenen 120 Jahren verzeichnet hat. Der Schaden war gering, jedoch hat das Beben, so erklärten jetzt Geophysiker auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco, das Risiko für den Ballungsraum Südkalifornien mit insgesamt mehr als 30 Millionen Einwohnern erhöht.

Baja-Beben, 04.04.10Das vergangene Jahr war für den amerikanischen Doppelkontinent das erdbebenträchtigste seit langem. Am 12. Januar zerstörte ein Beben der Stärke 7,0 die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince und forderte über 225.000 Menschenleben. Sechs Wochen später wurde Mittelchile von einem wirklich starken Beben erschüttert, bei dem nur 521 Menschen starben, das dafür aber 30 Milliarden Dollar Sachschaden anrichtete. Dieses Maule-Beben rangiert mit einer Magnitude von 8,8 auf Platz 5 der internationalen Rangliste. Von diesen beiden Ereignissen nahezu vollkommen überschattet fand dann am 4. April das dritte große Beben statt: Es traf die Grenzregion des mexikanischen Bundesstaates Baja California zu den USA und dort ein menschenleeres Gebiet 40 Kilometer südlich der Grenzstadt Mexicali.

Bei diesem dritten Beben starben glücklicherweise nur zwei Menschen und es entstanden nur geringe Schäden, doch es erhöhte offenbar das Risiko für den angrenzenden Mega-Ballungsraum Südkalifornien. Denn das Magnitude-7,2-Beben aktivierte Störungszonen, die weit in den US-Bundesstaat Kalifornien hineinreichen. Ein Forschungskonsortium aus den Geologischen Diensten der USA und Kaliforniens, der Nasa und dem staatlichen mexikanischen Forschungszentrum in Ensenada hat das Geschehen im Untergrund mit Hightech verfolgt. Zum Einsatz kamen Radarsatelliten sowie Lidar- und Radar-Instrumente an Bord von Flugzeugen.

Borrego-Fault"Die Messkampagne hat unser Verständnis der tektonischen Bewegungen an dieser Grenze von Nordamerikanischer und Pazifischer Platte komplett verändert", erklärt Projektleiter John Fletcher vom mexikanischen Forschungszentrum in Ensenada. Die auf der AGU-Tagung präsentierten Ergebnisse zeigten Aktivität 150 Kilometer weit auf kalifornischem Gebiet, die durch das  Baja-Beben ausgelöst wurde. Aktiviert wurden die grenzüberschreitenden, aber relativ kurzen Superstition-Hills- und Imperial-Störungen, daneben auch eine ganze Anzahl bislang unbekannter Verwerfungen. "Wir wissen, dass das Beben den Stress in den Elsinore- und San-Jacinto-Störungen erhöht hat", erklärt Eric Fielding, Geopyhsiker am Jet Propulsion Laboratory der Nasa in Pasadena. Die San-Jacinto-Störung zieht sich durch das gesamte San-Bernardino-Valley hindurch. Erdbebensimulationen haben bereits gezeigt, dass ein Beben in Baja California im Norden das Risiko eines Magnitude-7-Bebens oder stärker drastisch ansteigen läßt.

Der Süden Kaliforniens ist durchzogen von einem ganzen Netzwerk von Störungen, von denen die berühmte San-Andreas-Verwerfung nur die größte ist. Sie allein hat das Potential für "The big one", das schwere Schadenbeben, das für Südkalifornien vorhergesagt wird. "Aber wir haben ganze Serien von kleineren Störungen, direkt unter dicht bevölkerten Gebieten", erklärt Jonathan Stewart, Professor für Hochbau an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Diese kleineren Störungen verursachen kleinere Beben, aber anders als die an der ein paar Dutzend Kilometer entfernten San-Andreas-Störung wären diese Beben direkt in den Bevölkerungszentren. "Gefährlich sind sie daher ebenfalls", resümiert Stewart. Im sogenannten Inland Empire, der 70.000 Quadratkilometer großen Region um die Städte San Bernardino, Riverside und Palm Springs, leben rund vier Millionen Menschen.

Bodenveränderung durch Baja-Beben v. 4. April 2010Die luft- und satellitengestützten Untersuchungen ergaben zudem, dass zwischen der aktivierten mexikanischen Laguna-Salada-Verwerfung und der kalifornischen Elsinore-Störung tatsächlich eine Verbindung besteht. Bislang hatten die Geologen auf ihren Karten nur eine rund 30 Kilometer breite Lücke, allerdings wurde vermutet, dass beide zusammenhängen. Beim jüngsten Baja-Beben ist auch diese Verbindung aktiviert worden. Das ist insofern beunruhigend, als die Elsinore-Störung mitten durch das dichtbevölkerte Küstengebiet zwischen San Diego und Los Angeles verläuft. "Wir wissen noch nicht, ob dieser zusätzliche Stress ausreicht, um das Erdbebenrisiko in der unmittelbaren Zukunft zu erhöhen", erklärt JPL-Wissenschaftler Fielding.

Das versuchen die Forscher jetzt mit den zusätzlichen Daten und ihren schon vorhandenen tektonischen Modellen zu klären. "Wir leiten aus diesen exakten Messungen Veränderungen im Stressfeld der Erdkruste ab", erklärt Jay Parker, Geophysiker beim Nasa-JPL, "die den Zeitpunkt des nächsten Bebens beeinflussen."

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