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Erfolgreiche Basisarbeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.06.2011 14:32

In den 70er Jahren und auch noch im Jahrzehnt danach führte eine Serie trockener Jahre mit geringem oder gar keinem Niederschlag im Sahel zu großen Hungersnöten, der Trockengürtel im Süden der Sahara schien der voranschreitenden Wüste ausgeliefert zu sein. Das Klima zwischen Dakar im Westen und Djibouti im Osten ist auch heute noch prekär, doch eine Reihe von angepassten Graswurzel-Initiativen half den Bauern vor Ort, ihre Felder zu stabilisieren und den Ernteertrag sogar zu steigern. Inzwischen ergrünen aufgrund dieser Basisarbeit viele Gebiete im Sahel wieder. Ein Mammutprojekt der Sahel-Staaten dagegen stößt auf harsche Kritik: Die Chefs der betroffenen Länder wollen über die gesamte Breite des Streifens ein Bollwerk aus Bäumen gegen die Wüste anpflanzen.

Der Sahel vom Satelliten aus "Die Trockengebiete der Erde wie der Sahel sind nur scheinbar unwirtlich", erklärt Luc Gnacadja, Exekutivsekretär der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung UNCCD mit Sitz in Bonn, "tatsächlich sind sie der Brotkorb der Welt." Wenn man sie wieder richtig zu nutzen lernt. Im afrikanischen Sahel hat sich der Brotkorb über die Jahre immer mehr geleert. Das gilt für den gesamten riesigen Trockengürtel vom Senegal im Wesen bis Djibouti im Osten. "Wir beobachten auf ganzer Fläche ein zunehmendes Risiko von Landdegradierung, das heißt Rückgang des Baumbestandes, verminderte Produktivität von Böden, Erosion und Versalzung, Rückgang von oberflächlichen Wasserressourcen und Abnahme des Weidepotenzials", sagt Anneke Trux, bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Bonn zuständig für die Desertifikationsbekämpfung. Die großen Hungersnöte in den 70er und 80er Jahren haben den Ernst der Lage wie mit Paukenschlägen klargemacht, seitdem ist die Situation prekär geblieben. 


Staub über dem SahelDie Staatschefs der elf Sahelländer haben daher den Kampf gegen die Desertifikation mit einer Initiative aufgenommen, die genauso griffig wie umstritten ist: die Afrikanische Große Grüne Mauer. Auf Präsentationen des eigens gegründeten Sekretariats zieht sich ein schmaler, grüner Streifen die Kontaktzone zwischen Sahel und Sahara entlang. In der ursprünglichen Vision sollten Bäume, gepflanzt auf einer Länge von 7500 und einer Breite von bis zu 15 Kilometern, die anbrandende Wüste wie ein Bollwerk in Schach halten. Keine Frage, dass so ein Vorhaben auch seinen Preis hat. Nach einem Ministertreffen der elf Sahelländer und Kameruns Mitte Februar in Bonn war von insgesamt drei Milliarden US-Dollar die Rede.


Senegalesisches FeldDie Reaktionen aus der Fachwelt sind jedoch ziemlich eindeutig, und sie sind ziemlich negativ. "In dieser Form wird eine Grüne Mauer sicherlich keinen Beitrag zu einer Lösung der Desertifikation leisten", schüttelt GIZ-Expertin Trux den Kopf. Bollwerke sind nur selten ein wirksamer Schutz gewesen. "Die grüne Mauer im Sahel wird die Wüstenbildung nicht aufhalten, weil Bodenverschlechterung mit Landnutzung zu tun hat", betont Chris Reij vom Zentrum für Internationale Zusammenarbeit an der Freien Universität Amsterdam, "solange die Landnutzung südlich der Mauer die Bodenfruchtbarkeit schädigt, wird auch die Desertifikation voranschreiten."


Bauer auf dem FeldDie Skepsis aus dem Norden, der schließlich auch das Geld für die Maßnahmen geben soll, scheint indes im Sahel angekommen zu sein. "Der Begriff der Großen Grünen Mauer ist vor allem metaphorisch zu sehen", relativiert UNCCD-Chef Luc Gnacadja, "die Initiative will solche Projekte befördern, von denen wir wissen, dass sie funktionieren." Der UN-Diplomat ist in keiner beneidenswerten Position, denn er muss zwischen zwei Positionen lavieren. Auf der einen Seite die selbstbewussten Staatschefs, die die Grüne Mauer als pan-afrikanisches Projekt begreifen, auf der anderen Seite die westlichen Geldgeber, die eine lange und bittere Reihe von entwicklungspolitischen Fehlschlägen hinter sich haben. 


Gnacadja versucht in dieser Lage den Brückenschlag: "Die Initiative zielt auf Vorhaben auf Gemeindeebene vor Ort ab, von denen wir wissen, dass sie erfolgreich die Bodendegradierung verhindert und sogar unfruchtbares Land wieder zurückgewonnen haben." Er meint damit Projekte wie die Wiederbegrünungsinitiativen, die Wissenschaftler und Entwicklungshelfer wie Chris Reij seit Mitte der 80er Jahre unter dem Titel "Farmer-managed Natural Regeneration" in verschiedenen westafrikanischen Staaten angestoßen haben. In den Wiederbegrünungs-Projekten lernen die Bauern, die Bäume nicht alle abzuholzen, sondern manche stehen zu lassen. 


Rind im SahelDas kostet nur einen Bruchteil dessen, was für eine Grüne Mauer zu veranschlagen wäre, und die Bauern haben davon viele Vorteile. Die Seitentriebe der Bäume liefern das im Sahel so wertvolle Brennholz, junge Triebe oder auch die Blätter dienen als Viehfutter, manche Bäume tragen Früchte, andere binden in ihren Wurzelstöcken Stickstoff und verbessern so den Boden. Das besser gefütterte Vieh sorgt mit seinem Mist für weiteren Dünger. "Zusätzlich mulchen die fallenden Blätter den Boden und die Bäume ziehen Vögel, Eidechsen und Spinnen an, die die Insekten in Schach halten", erklärt Tony Rinaudo von der christlichen Entwicklungshilfeorganisation World Vision und Wiederbegrüner der ersten Stunde. 


Er begann Mitte der 80er Jahre in den Regionen Zinder und Maradi im Niger mit der Initiative, "allerdings mehr aus Verzweiflung über unsere katastrophalen Misserfolge mit dem Neuanpflanzen von jungen Bäumen", wie er freimütig zugibt. Seine Erfahrungen sind ein Menetekel für die Afrikanische Grüne Mauer. Von den teuren Setzlingen überlebten im Bestfall 20 Prozent, bei den Altbäumen betrug die Erfolgsquote dagegen 100 Prozent. "Inzwischen sind in Maradi sogar Wildkatzen zurückgekehrt, die zuvor vor der Trockenheit geflüchtet waren", berichtet Rinaudo von Maradi. Heute wird "Farmer-managed Natural Regeneration" im Niger auf rund fünf Millionen Hektar angewandt, einer Fläche größer als Niedersachsen. Statt eines schmalen grünen Bandes gibt es im Süden des Niger ein großes Areal, in dem die Desertifikation zurückgedreht wird."Das ist die ausgedehnteste ökologische Transformation in Westafrika, wenn nicht in ganz Afrika", unterstreicht Chris Reij. Die Motivation der Bauern ist klar: Die Ernte verdoppelte, ja verdreifachte sich sogar, und obendrein blieb ihnen das Holz und andere Produkte der Bäume. 


SahelDie Wiederbegrünungsinitiativen sind ermutigende Beispiele, allerdings sind nicht sie nicht in allen Regionen machbar. Spätestens wenn der Boden zu stark verfestigt oder erodiert ist, gibt es auch keine Baumstümpfe mehr, die man reanimieren kann. Die GIZ geht daher auf den stark erodierten und verkrusteten Hochplateaus von Niger oder Burkina Faso alternative Wege. Mit Steinwällen werden die Felder eingefasst, damit der fruchtbare Boden nicht durch die Niederschläge in der Regenzeit davongeschwemmt wird. Manchmal muss mit Maschinen der Boden aufgelockert werden und Neuanpflanzungen gehören ebenfalls dazu. "Da gibt es ein ganzes Spektrum von Pflanzen", so Anneke Trux, "die die Erosion mindern und auch ökonomisch für die Bevölkerung interessant sind".


Zentral ist aber auch hier, dass es um die Kooperation mit der Bevölkerung vor Ort geht, nicht um die Umsetzung von in den Hauptstädten geplanten Projekten. Vom Geld für die Grünen Mauer, fürchten Experten dagegen, würde nur wenig vor Ort ankommen. Noch ist die Afrikanische Große Grüne Mauer vage genug, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Anneke Trux hat ihre ganz persönliche Meinung dazu: "Wenn man sich von dem Begriff Mauer verabschieden und einer gemeinsamen Vision eines Grünen Sahel anschließen würde, käme man möglicherweise wieder zu einem gemeinsam getragenen Konzept."

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