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Erkenntnisgewinn trotz Rückschlags

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:37

Von allen erneuerbaren Energien wird die Erdwärme als diejenige mit dem vielleicht höchsten Potential angesehen. Selbst in Deutschland könnte sie den derzeitigen Strom- und Wärmebedarf für viele Jahrhunderte decken, wenn dieses Potential komplett erschlossen wäre. Eine große Chance also. In jüngster Zeit ist die Geothermie allerdings eher mit negativen Schlagzeilen verbunden, denn ein innovatives Kraftwerksprojekt in Basel sorgt mit Erdbeben für Unruhe in der Bevölkerung. Da Basel genau in der deutsch-schweizerischen Ecke liegt, in der die stärksten Beben des hiesigen Raumes auftreten können, ist das nicht ganz unverständlich. Bislang haben die Beben jedoch eher eine desolate Kommunikationspolitik deutlich gemacht, als wirklichen Schaden angerichtet.

"Die Erdbeben waren für uns ein Rückschlag, aber auch ein wissenschaftlicher Gewinn!" Dr. Markus Häring, Leiter des Geothermie-Projektes in Basel-Kleinhüningen lässt sich in seiner Zuversicht nicht erschüttern. Am 21. März wurde das siebte Beben mit einer Magnitude über 2,5 aufgezeichnet, seit man vor fast vier Monaten Wasser unter Hochdruck in den Baseler Untergrund gepresst hatte. Dennoch war der Explorationsgeologe auf der Jahrestagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft in Aachen überzeugt: "Das Projekt wird weitergeführt, wenn es die Risiken erlauben." Um diese Risiken zu erkunden, ruht der Betrieb erst einmal bis 2008.

In Basel steht der Betrieb zunächst einmal still. Foto: Geopower Basel

Dr. Reinhard Jung, Geothermie-Experte beim Leibniz-Institut für geologische Gemeinschaftsaufgaben in Hannover äußerte sich auf derselben Veranstaltung skeptischer: "Die Erdbeben haben die Geothermie insgesamt in Bedrängnis gebracht." Recht haben wohl beide, denn in Basel ist offenkundig nichts passiert, was nicht durch die Geothermie-Arbeiten zu erklären wäre. Allerdings ist es den dortigen Experten ebenso offensichtlich nicht gelungen, die Öffentlichkeit auf etwaige Beben vorzubereiten. Das liegt zwar auch daran, dass die Medien im Vorfeld nicht an potentiellen Risiken interessiert waren. Doch haben die Verantwortlichen wohl vergessen, auf etwas hinzuweisen, das jeder Einwohner von Bergwerksstädten kennt: Jeder Eingriff in den Untergrund habe seinen Preis, unterstrich Christoph Clauser, Professor für angewandte Geophysik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, der Gastgeber der Geophysikertagung. Dieser Preis besteht in Basel bislang vor allem aus einem großen Imageschaden. Die Öffentlichkeitsarbeit der Geothermie-Befürworter steht vor einem Scherbenhaufen, doch "wir haben", so Häring in Aachen, "unsere Lehren daraus gezogen".

Am 15. Mai 2006 hatte die Geopower Basel AG mit den Arbeiten auf dem Industriegelände der IWB im Baseler Stadtteil Kleinhüningen begonnen. Zwei Bohrungen wurden bis in 5000 Meter Tiefe abgeteuft, um die Erdwärme für ein geothermisches Kraftwerk, das sowohl Strom als auch Fernwärme produzieren soll, anzuzapfen. 10.000 Haushalte sollen mit dem so gewonnenen Strom versorgt werden, die Wärmeleistung reicht immerhin noch für 2700 Haushalte. Das Kraftwerk arbeitet nach dem Hot-Dry-Rock-Verfahren, bei dem das Gestein in der Tiefe als Durchlauferhitzer für von oben eingeleitetes Wasser dient. Im Untergrund unter Basel ist das Gestein in 5000 Meter Tiefe immerhin 200 Grad heiß. Damit das Wasser aber durch den Felsen fließen kann, müssen vorher die im Gestein vorhandenen Risse erweitert werden, indem man Wasser unter Druck hindurchpresst. "Und bei solchen Arbeiten kommt es naturgemäß zu Beben, die man manchmal sogar an der Oberfläche spürt", so Jung.

Deren Zahl und Stärke hat die Verantwortlichen dann aber offenbar doch überrascht, so dass sie im Dezember schon nach einer Woche das Einpressen von Wasser in den Untergrund aufgaben. Geplant waren ursprünglich zwei Monate. Jetzt will man in Basel die aufgezeichneten Daten in Ruhe auswerten und schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich die Beben weitgehend in der Ebene des senkrecht zur Oberfläche liegenden Hauptrisses ereignen. "Außerdem bleiben sie alle in dem eng begrenzten Raum, den wir durch unsere Wassereinspeisung beeinflusst haben", so Häring. Die Zeit bis zum Ende der Datenprüfung will man auch nutzen, eine "sanftere" Methode zu finden, den Untergrund für das Geothermiekraftwerk vorzubereiten. "Wir wissen allerdings noch nicht welche", meinte Häring in Aachen.

Experten bemühen sich um Akzeptanz

Solche "sanfteren" Methoden propagiert auch Reinhard Jung, damit die Geothermie nicht die dringend nötige Akzeptanz in der Bevölkerung verliert. So könnte man weniger Wasser auf einmal durch den Untergrund pressen und so den Druck verringern, möglicherweise ist auch eine größere Zahl von Rissen, die dafür aber enger sind, ein Ausweg. Auf keinen Fall, so der Geologe, solle man auf die tiefe Geothermie verzichten. Sie böte so unendlich mehr Potential als das Anzapfen der Heißwasservorkommen im Untergrund, das derzeit vor allem in Nordostdeutschland und im süddeutschen Molassebecken angewandt wird.

Der Zahlenvergleich zeigt, was Jung meint: Dem deutschen Gesamtbedarf von zwei Exajoule Strom, also zweimal eine Billion Megajoule, und fünf Exajoule Wärme, stellen die Heißwasservorkommen ein Potential von neun Exajoule, das für Strom, und 500 Exajoule, das für Wärme genutzt werden kann, gegenüber. Das Potential für Strom ist geringer, weil man dafür nur die heißesten Vorkommen nutzen kann, schließlich muss das Wasser verdampft werden, damit Dampfturbinen es zur Stromerzeugung nutzen können. Das Potential des tiefen Gesteins, des so genannten Kristallins, das nur durch Methoden wie das Hot-Dry-Rock-Verfahren genutzt werden kann, beträgt dagegen 1100 Exajoule für Strom und 10.000 Exajoule für Wärme. Realisiert ist die Geothermie zurzeit nur zu einem Bruchteil. Im Jahr 2005 war es gerade einmal 0,11 Prozent des Wärmebedarfs, und das auch nur, weil in den Geothermie-Zahlen schon die Wärmepumpen enthalten sind, die Heizenergie für Einfamilienhäuser aus dem Boden ziehen. Der Anteil an der Stromproduktion ist in Prozentzahlen gar nicht mehr darstellbar.

Elektronischer Geothermie-Atlas in Vorbereitung

Das soll sich in den kommenden Jahren allerdings ändern. Ein erster Schritt für eine umfassendere Nutzung der Erdwärme ist bereits beim GGA-Institut in Arbeit. Eine Expertengruppe erstellt dort gerade im Auftrag des Bundesumweltministeriums ein Geothermisches Informationssystem, einen elektronischen Geothermie-Atlas für die Bundesrepublik. Denn man muss natürlich wissen, wo sich das Potential der Erde befindet, und wie man herankommt, um es sich zu erschließen. Die Datenbank soll genau aufschlüsseln, wo es sich in Deutschland lohnt, Erdwärme zu gewinnen, und wie viel Energie man zu erwarten hat. Die Informationen sollen allgemein im Internet verfügbar sein und 2008 online gehen.