Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Fähre nach Madagaskar

Fähre nach Madagaskar

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.03.2010 11:49

Die madagassische Fauna ist einzigartig auf der Welt, vergleichbar mit Australiens Beuteltieren oder den Bewohnern der Galapagos-Inseln. Die Frage, wie die Lemuren, Tenreks oder Fossas auf die Insel gelangten, hat die Biologen lange beschäftigt. Jetzt haben Geophysiker im Magazin "Nature" eine Lösung nachgewiesen.

Fähre nach MadagaskarMadagaskars Tierwelt ist einzigartig auf der Erde. "Die meisten Tiere, die es heutzutage auf Madagaskar gibt, gibt es nirgendwo sonst", erklärt Mathew Huber, Klimamodellierer an der Purdue Universität im US-Bundesstaat Indiana, "möglicherweise hat es ihre Vorfahren vor 50 Millionen Jahren auch in Afrika gegeben, aber heutzutage lebt dort nichts  vergleichbares." In Zahlen: 95 Prozent der madagassischen Reptilien und 99 Prozent der Amphibien sind, wie die Ökologen sagen, endemisch, bei den Säugetiere sind es sogar alle Arten.

Die Frage ist nur, wo kommen die Lemuren, Tenreks oder Fossas her, die die Insel bewohnen, schließlich ist die Straße von Moçambique, die Madagaskar von Afrika trennt, selbst an ihrer engsten Stelle über 400 Kilometer breit.  "Das ist eines der großen Rätsel in der Biologie und Paläontologie", erklärt Huber, "denn die Tiere sehen nicht aus, als seien sie Überbleibsel der Fauna, die einmal den Südkontinent Gondwana bewohnte." Dieser Südkontinent begann schon vor 150 Millionen Jahren, also mitten im Dinosaurierzeitalter auseinanderzubrechen und ausgerechnet die Bruchstelle zwischen Madagaskar und Afrika machte den Anfang.

Die Lösung für die Besiedlung der zweitgrößten Insel der Welt wurde bereits vor 70 Jahren vorgeschlagen, Matthew Huber und sein Kollege Jason Ali von der Universität Hong Kong lieferten jetzt den notwendigen geophysikalischen Beweis. Der Biologe George Gaylord Simpson brachte eine Art Fährverbindung zwischen dem Kontinent und der vorgelagerten Insel ins Gespräch. Auf Baumstämmen sollten zumindest kleine Tiere von Afrika nach Madagaskar gelangt sein. "Ein Baum fiel in einen Fluss und wurde mitsamt den zufällig auf ihm sitzenden Tieren in den Ozean gespült und von den Meeresströmungen nach Madagaskar getrieben", beschreibt Huber das Szenario.

Envisat-Aufnahme der Insel MadagaskarDie Idee ist bestechend, hat allerdings einen Schönheitsfehler: Die heutigen Meeresströmungen transportieren Treibgut von Madagaskar nach Afrika und nicht umgekehrt. Die unfreiwilligen Seeleute wären im günstigsten Fall die Küste von Moçambique herunter in Richtung des Kaps der Guten Hoffnung gefahren. Und hier kommt der Klimamodellierer Huber ins Spiel: Er simuliert nämlich in seinen Rechnern die Veränderungen in Atmosphäre und Ozeanen, die sich in den vergangenen Jahrmillionen zum Beispiel aufgrund der Plattentektonik abgespielt haben. Und da liegt des Rätsels Lösung. "Vor 50 Millionen Jahren lagen Afrika und Madagaskar etwa 15 Breitengrade weiter südlich", betont Matthew Huber, "deshalb waren sie in einem anderen System von Wind- und Meeresströmungen." Und in diesem anderen System flossen die Strömungen auf einmal von Südwesten nach Nordosten und nicht umgekehrt wie der Agulhas-Strom heute.
"Im damaligen Strömungssystem war es ziemlich einfach von Afrika nach Madagaskar zu kommen", so Huber. Allerdings brauchten die Baumfähren auch so einige Wochen, bis sie das rettende Ufer erreichten, eine wahre Durststrecke für die Passagiere. "Man muss sich nur die süßen kleinen Lemuren vorstellen, wie sie mit etwas Obst oder ein paar Insekten als Futter und gelegentlichen Regenschauern als Trinkwasserquelle auf dem Baumstamm kauerten", so Huber, "um zu sehen, das das nicht so häufig glücklich enden konnte." Das zeigt auch ein Blick in das Erbgut der Tiere. Jede der größeren Gruppen scheint zu einem anderen Zeitpunkt auf die Insel gekommen zu sein, und jede scheint von einer sehr kleinen Anfangspopulation abzustammen, um sich dann auf Madagaskar stark auszudifferenzieren. Offenbar waren einzelne schwangere Weibchen die Urmütter der madagassischen Populationen.

Das Zeitfenster für die Überfahrt dauerte auch nicht ewig. "Irgendwann zwischen dem Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren und der Mitte des Miozän vor rund 20 Millionen Jahren war das möglich", so Huber, "danach nicht mehr." Seitdem entwickelte sich die Fauna Madagaskars zu einer der vielfältigsten der Erde, ungestört von unliebsamen Eindringlingen. Das änderte sich erst, als der Mensch und mit ihm seine Haustiere kamen. Seitdem ist das Paradies der Lemuren und Tenreks vom Untergang bedroht.

Verweise
Bild(er)