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Fein verteilter Hoffnungsträger

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 25.01.2011 11:29

Erdgas ist für Europa der vergleichsweise saubere fossile Brennstoff, der den Übergang zu einer anderen, nachhaltigen Energiewirtschaft ermöglichen soll. Doch die Sache hat einen Haken: Die Zahl der Erdgasproduzenten ist noch geringer als die der Länder, die Erdöl exportieren, die Gefahr einer Abhängigkeit ist daher extrem groß. Kein Wunder, dass der Alte Kontinent sich nach Alternativen zur Gaslieferung aus russischen Pipelines umsieht.

Schiefergasbohrung in PennsylvaniaEine Möglichkeit sind so genannte nicht-konventionelle Gasvorkommen. Sie heißen so, weil der wertvolle Energieträger sich nicht in einer Falle angereichert hat, sondern fein im gesamten Gestein verteilt sitzt. Solche nicht-konventionellen Gasvorkommen können in Kohlenflözen auftreten, in dicht schließenden Sandsteinen und vor allem in Schiefergestein. Experten sind sich einig, dass das Potenzial dieser Vorkommen gewaltig ist.  In ihrer im vergangenen Jahr veröffentlichten Energierohstoff-Studie schätzt es die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover auf gut das Siebenfache der konventionellen Gasvorkommen. Wieviel davon allerdings gefördert werden kann und unter welchen Umständen das lukrativ ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Schiefergasvorkommen in den USAAnders als beim konventionellen Erdgas liegen große Teile der nicht-konventionellen Vorkommen in politisch stabilen Weltregionen. Den BGR-Angaben zufolge entfällt ein gutes Drittel auf die Industriestaaten der OECD, davon allein ein Fünftel auf Nordamerika. Europa darf immerhin mit rund fünf Prozent rechnen. Allerdings gibt es nur in den USA einigermaßen belastbare Zahlen. Dort wurde die Erschließung bereits Mitte der 90er Jahre forciert, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern. Nach einem aktuellen Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat sich die Förderung in den vergangenen 20 Jahren vervierfacht und bereits 2008 die Hälfte der US-Gasproduktion bestritten. Allein aus dem texanischen Barnett-Schiefer kamen, seit 1985 die Förderung begann, 250 Milliarden Kubikmeter Gas. Im vergangenen Jahr hatte das Vorkommen einen Anteil von sieben Prozent an der gesamten US-Produktion. 

Erdgasförderung Sibirien"Europa ist dagegen noch ganz am Anfang", erklärt Harald Andruleit, Wirtschaftsgeologe bei der BGR. Das größte Potenzial wird in Polen und Skandinavien vermutet, doch auch in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen verspricht man sich einiges. Die BGR hat gerade erst von der Bundesregierung den Auftrag erhalten, die nicht-konventionellen Öl- und Gasvorkommen auf deutschem Gebiet zu ermitteln. Viele Zahlen sind nämlich nur ganz grob geschätzt. So hat etwa der Geologische Dienst Nordrhein-Westfalen ermittelt, dass in den Kohlenflözen des Landes rund 2200 Milliarden Kubikmeter Erdgas schlummern könnten. Der beeindruckende Wert kommt zustande, indem man die geschätzten Kohlevorkommen im Land in Bezug setzte zum durchschnittlichen Gasgehalt, der in den Ruhrgebietsbergwerken gemessen wurde.

Tight-Gas-Bohrung Oythe Z3"Zuverlässigere Daten haben wir nicht", bedauert GD-Chef Josef Klostermann. Denn die bekommt man nur, wenn man genau nachsieht - und das heißt bis in 1500 Meter Tiefe zu bohren. Dabei werden Bohrkerne aus dem infrage kommenden Muttergestein gezogen und auf ihren tatsächlichen Gasgehalt und ihre Durchlässigkeit analysiert. Diese Durchlässigkeit ist entscheidend: Die nichtkonventionellen Vorkommen sind wesentlich schwerer zu fördern als normale Gasfelder, weil das Gas in winzigen Porenräumen gespeichert ist oder an den Mineralen des Muttergesteins anhaftet.

Förderschema bei nicht-konventionellen Gasvorkommen.Diese Speicher zu knacken kostet viel Energie und ist teuer. Beim derzeit üblichen Verfahren werden unter hohem Druck große Mengen mit Sand und Chemikalien versetzen Wassers in die gasführende Schicht gepresst, um dort feine Risse ins Gestein zu sprengen, durch die das Gas fließen kann. Der Sand dient dazu, diese Risse offenzuhalten, wenn das eingepresste Wasser wieder abgepumpt wird. Die Chemikalien haben verschiedene Aufgaben, sie sollen etwa das Gas mobilisieren oder Bakterien im Untergrund abtöten, damit die mühsam gesprengten Risse nicht sofort wieder zuwachsen.

Weil das Gas zudem über eine große Fläche verteilt ist, müssen auch mehr Förderanlagen aufgestellt werden, als bei einem konventionellen Gasfeld. All das verteuert die Projekte immens, deshalb ist völlig unklar, wieviel von den gewaltigen Erdgasvorkommen auch tatsächlich gefördert werden kann. Doch davon ist man in Europa ohnehin noch Jahre entfernt. Ein groß angelegtes Verbundprojekt, Gash genannt, soll geologische und geotechnische Fragen bei der Erkundung und die Möglichkeiten der Förderung von europäischen Schiefergasvorkommen klären. Das Vorhaben wird vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam koordiniert und soll reine Grundlagenforschung betreiben. Bezahlt wird es allerdings durch die Industrie, zehn Unternehmen der Branche sind Konsortialpartner. Eine erste Probebohrung auf Bornholm hat den dortigen Alum-Schiefer durchbohrt, der Kern wird zurzeit analysiert.

Tight-Gas-Bohrung LeerParallel zu diesem Forschungsprojekt nimmt die Industrie die Erkundung konkreter Vorkommen in Angriff. In Nordrhein-Westfalen beginnt das gerade, das Bundesland hat insgesamt 19 Felder für Erkundungen freigegeben. "Wir müssen erst einmal nachschauen, was dort unten überhaupt ist", erklärt Norbert Stahlhut, Pressesprecher bei ExxonMobil.  Zusammen machen die Claims rund die Hälfte des Staatsgebietes aus, auf ExxonMobil entfiel der größte. Jetzt hat das Unternehmen die Erkundungsbohrung in Nordwalde bei Münster beantragt, zwei weitere Anträge werden vorbereitet. In Niedersachsen ist man ebenfalls erst bei der Erkundung: Acht Bohrungen wurden nach Angaben des Geologischen Landesamtes beantragt, sechs auch bereits durchgeführt.

Erst wenn die Gesteinsuntersuchungen vielversprechend sind, wird man einen Schritt weiter in Richtung probeweiser Förderung gehen. Außer der geologischen Eignung wird da auch die Akzeptanz bei den Nachbarn eine Rolle spielen. ExxonMobil bemüht sich nach Worten des Sprechers bereits weit im Vorfeld um weitgehende Information von Behörden und Bürgern. Allerdings werden in Nordwalde schon jetzt Unterschriften gegen das Projekt gesammelt. Schließlich zeigt sich am Beispiel der amerikanischen Vorreiter, dass der schöne, neue Erdgasreichtum mit einigen Nachteilen einhergeht.

So stehen 1100 von den 5500 Fördertürmen auf dem Barnett-Schiefer im Stadtgebiet der Großstadt Fort Worth und auch in den Landkreisen rücken die Förderanlagen dicht an die Ortschaften heran. Oft wird in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohnhäusern ein Bohrturm errichtet. Das führt immer wieder zu Beschwerden über die Luftverschmutzung, die durch die Kompressorstationen und den unvermeidlichen LKW-Verkehr entstehen. Hinzu kommen Meldungen über Methan im Grundwasser und Leckagen in Auffangbecken, in denen das zurückgepumpte Wasser-Sand-Chemikaliengemisch aus den Förderbohrungen gelagert wird.

Bislang gibt es dazu keine umfassenden Untersuchungen, nur Einzelstudien, Indizien, Impressionen. Dennoch weht den Erdgasunternehmen in Texas und im Nordosten der USA, wo gerade der gewaltige Marcellus-Schiefer erschlossen wird, mittlerweile der Wind ins Gesicht. Pittsburgh hat Bohrungen auf dem Stadtgebiet verboten, im US-Bundesstaat New York hat die Umweltbehörde so drastische Umweltauflagen erlassen, dass die ersten Unternehmen bereits ihren Rückzug angekündigt haben. Das Parlament hat überdies vor kurzem ein Moratorium für weitere Bohrgenehmigungen verkündet, das noch durch den Gouverneur bestätigt werden muss.

Das US-Umweltamt hat jetzt eine gründliche Untersuchung begonnen. In zwei Jahren sollen Ergebnisse vorliegen. Die Gasförderung aus Schiefervorkommen dürfte dennoch ausgebaut werden, zu verführerisch ist die Aussicht auf Unabhängigkeit vom internationalen Energiemarkt. Richard Nevell, der Chef der US-Energiestatistikbehörde schätzte im vergangenen März, das im Jahr 2030 rund 30 Prozent der US-Produktion allein aus Schiefervorkommen stammen werde. Nevell über den internationalen Gasmarkt: "Das wird das Spiel vollkommen ändern."

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